Tokio, besetzte Stadt

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • London: Faber and Faber, 2009, Titel: 'Occupied City', Seiten: 275, Originalsprache
  • München: Liebeskind, 2010, Seiten: 350, Übersetzt: Peter Torberg

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Wolfgang Franßen
Zwölf Kerzen und zwölf Schatten

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Jul 2010

Man kann David Peace wirklich nicht unterstellen, dass er keine neuen Herausforderungen sucht. Nach dem Red-Riding-Quartett, das ihn berühmt machte, zog es ihn in Tokio Stunde Null nach Japan, wo er nicht nur auf eine fremde Kultur traf, sich vielmehr den geschichtlichen Schrecken des zweiten Weltkrieges so einverlebte, dass das Grauen nicht länger dem Yorkshire-Nebel entsprang, vielmehr der kühle Hauch zerstörter Seelen das Bild seines Nachkriegs-Tokio zeichnete.

Nun treibt Peace stilistisch die Geschichte um zwölf Opfer eines Giftangriffs weiter auf die Spitze, und ähnelt in seinem sprachlichen Bemühen um Vielseitigkeit streckenweise James Joyce, der seinen Helden Leopold Bloom episodenhaft durch das Dublin des anfänglichen 19. Jahrhunderts treiben lässt. Ebenso ambitioniert mischt Peace Erzählperspektiven zwischen subjektiver Erfahrung und nüchterner Ermittlung. Er sammelt Zeugenaussagen, Briefe und geheime Dokumente über die Kriegsführung mit biologischen Waffen und verschreibt sich mitunter der reinen journalistischen Nachforschung, bevor er das Klagen wie bei einem Requiem ertönen lässt. Teilweise bleibt dabei nur ein Substrat übrig. Als habe der Autor aus vielen Seiten eine einzige gestaltet. Wer Peace einmal hat lesen hören, wird sich daran erinnern, welch poetischen Klang des Schreckens seine Worte haben.

Das Kaleidoskop eines Amokläufers, der nicht mit einer Schrotflinte bewaffnet eine Schule stürmt, sondern sich mit List und Tücke Zugang zu einer Bankfiliale verschafft, wo er als angeblicher Arzt die Angestellten zu einer durch das Gesundheitsministerium verordneten Schutzimpfung gegen Ruhr veranlasst, bildet den Kern der Geschichte.

Zwölf Menschen werden sterben. Ihre Stimmen, ihre Geschichten spiegelt Peace in zwölf Kapiteln wieder, indem er sie selbst zu Wort kommen oder über sie berichten lässt. Der Autor hat selbst fünfzehn Jahre in Japan gelebt und geht von einem authentischen Fall aus.

In einem zweiten Erzählstrang werden wir mit der Erprobung von Bazillen- und Milzbrandbomben an der chinesischen Zivilbevölkerung und amerikanischen Kriegsgefangenen konfrontiert. Natürlich schreiben die Sieger die Geschichte. Natürlich sind die Forschungsergebnisse der Kriegsverbrecher interessant. Und so wird vertuscht und der den Fall untersuchende Lt. Col. Murray Thompson mit dem Tod infiziert.

Die Faszination für David Peace beruht nicht nur wegen der Widmung zu Beginn für Antonin Artaud, im sprachlichen Feuer, das der Autor zu entfachen weiß, um über den inneren Monolog, der sich tiefer und tiefer schraubt, den Schrecken zu entblößen.

Der Wechsel der Stile führt zu einem gewissen Abstand zur Geschichte. Cooler, kalkulierter als seine bisherigen Bücher. Im Red-Riding-Quartett sog einen der Plot förmlich in das Leben seiner Figuren hinein. Der Yorkshire-Ripper wurde zum Phantom, zum Zerrbild.

In Tokio besetzte Stadt ist Peace so klug gewesen, trotz allem Verständnis für eine fremde Kultur, nicht so zu tun, als sei er zum naturalisierten Japaner geworden. Er steht fremd vor der Zeit und zerpflückt seine Geschichte im Stile des Erzählens von Geistergeschichten in der Edo-Zeit.

 

 ´In der Mitte des 17. Jahrhunderts hatte sich die Form bei den Samurai als spielerische Mutprobe durchgesetzt ... eine Gruppe von Menschen setzt sich bei Einbruch der Dämmerung im Schein von hundert brennenden Kerzen zusammen ... Nacheinander erzählt jeder der Anwesenden eine Geschichte voll übernatürlichem Schrecken, am Ende jeder Geschichte wird eine Kerze ausgeblasen, ... bis die letzte Kerze ausgeblasen wird und der Raum in völliger Finsternis erlischt. In diesem Augenblick tauchen in der Dunkelheit tatsächlich Ghule und Ungeheuer auf ...´

 

Wenn Peace seine letzte Kerze ausbläst, ist der Leser vom Grauen überwältigt - sei es wegen der Vernichtungskraft biologischer Waffen, sei es wegen des Amoklaufs eines Einzelnen. Dass der Autor so viel Distanz zwischen den Ereignissen und dem Erzählten schafft, verschärft nur das Gefühl, dass zu jeder Zeit überall, ob nun von einer Regierung sanktioniert oder als moderner Kampf des Terrorismus, das Unmenschliche sich in eine Formel gießen lässt.

Ein brillanter Thriller des kriegsgeschädigten Bösen. Ein schwarz-weißes Todesbuch über die Angst vor der Möglichkeit absurder Rache. Eine Crime-Slam-Poetry, die sich nicht darum schert, was wir von einem Autor erwarten.

Tokio, besetzte Stadt

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03.09.2010 23:14:45
Mario Duarte

»Sadamichi Hirasawa aus Hokkaido hält zwei makabre Weltrekorde: Er ist der älteste bekannte Gefängnisinsasse - nunmehr 93 Jahre alt; er hat vermutlich länger als je ein anderer Mensch in der Todeszelle auf den Henker gewartet - nunmehr über 30 Jahre.«

So beginnt ein Artikel des Spiegels aus dem Jahr 1985 über einen Mann, der zum Mörder wurde, obwohl er keiner ist. Ein Mann, dem David Peace jetzt ein literarisches Denkmal setzt.

Mit Teil 2 seiner Tokio-Trilogie liefert der Brite ein Meisterwerk ab, wie es es in der Krimi-Literatur kein zweites Mal gibt. Es geht um die Wahrheit und die Suche nach dieser, in einer besetzten Stadt, die kein Gesicht, keine Identität mehr hat und deren Lügen die Straßen wie die Herzen einer Nation vergiften.

»Tokio, besetzte Stadt« ist der Titel und voll grausamer Schönheit die anschließenden 352 Seiten.

An einem kalten Tag im Januar 1948 betritt ein Mann die Zweigstelle der Teikoku Bank im Viertel Shiinamachi, Tokio. Er weist sich als Amtsarzt aus und erklärt dem stellvertretenden Filialleiter, dass es in der Nachbarschaft einen Fall von Ruhr gegeben habe und er vom Gesundheitsministerium beauftragt worden sei, alle Mitarbeiter zu impfen. Die sechzehn anwesenden Bankangestellten folgen seinen Anweisungen und trinken die verabreichte Flüssigkeit. Zwölf von ihnen sterben sofort, die anderen vier werden bewusstlos. Der Mann raubt nur einen Teil der Geldvorräte und verschwindet spurlos.
Es beginnt die größte Verbrecherjagd in der Geschichte Japans ...

... an deren Ende Hirasawa Sadamichi steht.

Peace bedient sich eines literarischen Kniffs, dessen Kunst schon vor Jahrhunderten in Japan angewandt wurde: Die Magie der Geistererzählung. Er zündet 12 Kerzen an, aufgebahrt in einen okkulten Kreis. Jede Kerze gehört zu einer Person, einem Geist, der eine Geschichte erzählt, wo sich die empfundene Wahrheit eine eigene Sicht der Dinge spinnt. Nach jeder Geschichte erlischt eine Kerze, bis am Ende die Dunkelheit triumphiert und das Spektakel des Verbrechens in einem finalen Crescendo ans Licht befördert wird.
Hirasawa Sadamichi ist als vermeintlicher Mörder einer Kerze zugehörig, die anderen Kerzen gehören den Opfern des Giftmordanschlags, einer Überlebenden, einem Kriminalbeamten, einem Amerikaner, einem Trittbrettfahrer, einem Journalisten, einem Politiker, einem Russen, einem Inspektor, dem tatsächlichen Mörder und der Mutter eines der Opfer. Garniert und erlebt wird das Ganze in der Haut eines namenlosen Schriftstellers (vielleicht David Peace himself), der in Tokio auf schauerliche Weise mit den Fall konfrontiert wird, ja selbst Leichen im Keller hat.

David Peace bleibt seiner Linie treu, die Anfang des Jahrhunderts in Yorkshire seinen Anfang nahm (beim Red Riding Quartett). Er nimmt den Leser mit auf eine bluttriefende Reise in die menschlichen Abgründe der Hölle und befördert unsagbar viel Schatten ans Licht. Wo Teil 1 der Trilogie »Tokio im Jahr Null« jedoch noch größenteils Züge einer linear stringenten Krimihandlung hat, so schlängelt sich die sprichwörtliche Poesie in Wort und Tat in »Tokio, besetzte Stadt« nur so über die Buchseiten und verhilft Peace\' zweitem Tokio-Krimi zur zurückhaltenden, da viel zu wenig beachteten, Meisterschaft. Die New York Times schrieb nicht ohne Grund: »Unwiderstehlich, so etwas hat man noch nie gelesen.«

»Besetzte Stadt« ist fortschrittliche pease`sche Kost für Fans des Briten, die in der Unterhaltung keine Herausforderung scheuen. Denn auch das ist »Besetzte Stadt«: Teils schwierig zu lesen und für ungeübte und nicht konzentrierte Seelen schwer zu verdauen. Ein echter David Peace halt, nur noch besser, noch erwachsender, noch klaustrophobischer und damit noch mehr vom Meister in einem Werk; ein echtes Meisterwerk halt.

Anmerkung: Hirasawa Sadamichi starb 1987 im Gefängnis. Er wurde 95 Jahre alt. Bis zum heutigen Tage konnte seine Schuld nicht zweifelsfrei geklärt werden. Viele glauben heute an seine Unschuld. Und es werden immer mehr.
Hirasawa Sadamichi, Rest in PEACE!