Der Flüchtling

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Rom: e/o, 1994, Titel: 'Il fuggiasco', Seiten: 139, Originalsprache
  • Stuttgart: Tropen, 2010, Seiten: 200, Übersetzt: Hinrich Schmidt-Henkel

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Jürgen Priester
Zur falschen Zeit am falschen Ort

Buch-Rezension von Jürgen Priester Jul 2010

Der Flüchtling von Massimo Carlotto ist kein Krimi, kein Thriller, ja nicht einmal ein Roman im eigentlichen Sinne. Man könnte es als das erzählte Leiden eines unschuldig Verurteilten bezeichnen - Carlottos Autobiographie, die im Jahr nach seiner endgültigen Begnadigung durch den italienischen Staatspräsidenten entstand.

Was war ihm passiert?

Padua im Januar 1976. Der neunzehnjährige Student Massimo Carlotto findet seine blutüberströmte, sterbende Kommilitonin Margherita Magello in ihrer Wohnung. Er meldet den Vorfall sofort den Carabinieri, dabei gerät er, warum auch immer, selbst in Verdacht. Schon allein seine Mitgliedschaft in einer linksradikalen Gruppe, der "Lotta continua" macht ihn verdächtig. Das politische Klima im Italien der 1970er Jahre war aufgeheizt, seit die "Roten Brigaden" den bewaffneten Kampf aufgenommen hatten. Neben anderen politischen Zielen war es die Infragestellung des Gewaltmonopols des Staates, was diesen mit weitreichenden Sanktionen reagieren ließ. Antiterrorgesetze waren erlassen worden, die den Ermittlungsbehörden interpretierbare Freiräume bei Untersuchungen und Verhören verschafften, die diese bis an die Grenze der Illegalität ausweiteten. Unter diese Mühlräder der Willkür gerät nun der eigentlich harmlose Student Carlotto. Zwar wird er in erster Instanz wegen Mangels an Beweisen freigesprochen, doch ein übergeordnetes Gericht verurteilt ihn zu 18 Jahren Gefängnis. Als sein Revisionsantrag abgelehnt wird, flieht er nach Paris.

Über die Jahre im Exil schreibt Carlotto in Der Flüchtling. Der Tenor der Geschichte ist anfänglich nicht larmoyant oder anklagend, sondern von einer nüchternen Abgeklärtheit geprägt, die auch Anekdoten zulässt, die aber Carlottos erlebte Paranoia nicht verbergen kann (soll).

Einem bitterbösen Treppenwitz der Geschichte gleich beginnt Carlottos Erzählung mit dem Ende seiner Flucht. Von den Mexikanern angeschoben betritt er nach 3 Jahren wieder italienischen Boden. Er stellt sich den Behörden und muss feststellen, dass er gar nicht gesucht wird, da der Haftbefehl schon vor Jahren verschlampt wurde. Ein Schock, der für den Betroffenen kaum verdaulich ist, der für den Leser ebenso wenig nachvollziehbar ist wie das danach beschriebene Leben im Exil.

Carlottos erste Etappe Paris ist schon immer eine aufnahmebereite Fluchtburg für politisch Verfolgte gewesen. Die Bohème der Kreativen und Intellektuellen und der große Kreis der Gleichgesinnten gewähren Carlotto Unterstützung, ohne die eine Existenz im Untergrund nicht möglich ist. In der Gemeinschaft allein, beschreibt Carlotto seinen Zustand. Trotz des Beistandes vieler Freunde und Sympathisanten wächst der psychische Druck, der auf ihm lastet. Das ständige Schlüpfen in neue "falsche" Identitäten, das mit Ortswechsel und Verlust des sozialen Umfeldes einhergeht, lässt bei Carlotto eine manische Fresssucht entstehen, die er auf eine seltsame (für den Rezensenten nicht nachvollziehbare) Weise kultiviert. Spätestens an dieser Stelle taucht die Frage auf, wie Carlotto seine Gourmetattitüde finanziert, denn Geldverdienen ist ihm im Exil nur bedingt möglich. Doch Carlotto hat ein guten Draht zu seinen Eltern, die ihn nicht nur moralisch, sondern auch finanziell unterstützen.

Das Leben eines Flüchtlings an einem Ort ist zeitlich begrenzt, wenn man sich nicht gänzlich in einer Höhle verkriechen will, so der Autor. Je mehr Zeit vergeht, je mehr Spuren hinterlässt man, die sich bei effizienten Überwachungsorganen addieren und zu einer Aufdeckung der wahren Identität führen könnten. Die Angst vor einer Entlarvung lässt Carlotto dünnhäutig werden. Er wird von Panikattacken überfallen. Deshalb beschließt er, weiterzuziehen und sein Glück in der Anonymität des Molochs Mexiko-City zu versuchen, obwohl seine Pariser Freunde ihm prophezeien, er werde das Leben dort nicht durchstehen.

Und seine Freunde werden recht behalten. Die Lebensumstände in Mexico-City sind schon in den 1980er Jahren mehr als katastrophal. Die fortwährende, massive Landflucht hat zu einer partiellen Überbevölkerung geführt, daraus resultieren hohe Arbeitslosigkeit, Verelendung und steigende Kriminalitätsraten. Die Umweltbelastung durch Industrieabgase und das immense Verkehrsaufkommen machen die Mega-Metropole zu einem unwirtlichen Ort. Was kann ein Exilant hier machen ohne Arbeitserlaubnis, ja ohne echte Papiere. Carlotto spielt mit dem Gedanken, sich den italienischen Justizbehörden zu stellen. Doch auch die mexikanische Staatsbürgerschaft könnte eine Alternative sein. Um Letzteres anzugehen, wendet er sich an einen Winkeladvokaten, der ihn gnadenlos ausnimmt und ihn an die mexikanische Staatspolizei verrät. So ist das Abenteuer Mexiko schneller beendet, als Carlotto glaubte. Er wird nach Italien abgeschoben.

Wie schon eingangs erwähnt, stellt sich Carlotto den Behörden, nicht ahnend, dass kein Haftbefehl gegen ihn vorliegt. So flott wie dieser nachgereicht wird, so langsam mahlen Justitias Mühlen in den nun folgenden Jahren. Italiens Gerichte bieten ein erbärmliches, menschenverachtendes Schauspiel. Carlotto, zwischen Urteilen und Revisionen, zwischen Haft und Haftverschonung, verfällt wieder in seine unkontrollierbaren Fressorgien, die seine Gesundheit so sehr angreifen, dass sein Leben bedroht ist. Resignierend ist er geneigt, seinem Martyrium durch Selbstmord ein Ende zu setzen, denn seine Lage scheint hoffnungslos. Solidaritäts-Kommitees, die sich in ganz Italien und in einigen europäischen Großstädten gebildet hatten, machen zwar öffentlichen Druck. Italiens Gerichtsbarkeit bleibt unbeeindruckt. Ein Gnadengesuch von sich aus kommt für Carlotto nicht in Frage, weil es Reue voraussetzt. Wie könnte er Reue empfinden für Taten, die er nie begangen hat. Es sind dann seine Eltern, die eine Petition an den italienischen Staatspräsidenten richten. Am 17.April 1993 wird Massimo Carlotto begnadigt. Siebzehn lange Jahre in Gefängnissen oder im Exil gehen zu Ende.

Massimo Carlottos Lebens- oder Leidensgeschichte enthebt sich jeder Bewertung. Sie ist keine spannende Literatur, wie auf der Buchrückseite angemerkt wird, sondern grausam, spektakulär, alltäglich, wie das Leben manchmal ist; denn Carlottos Schicksal teilen Abertausende in den Gefängnissen auf der ganzen Welt. Unschuldig angeklagt, zu Unrecht verurteilt, ob nun in China, Myanmar, Iran oder in Guantanamo. Menschen sitzen ein oder sind auf der Flucht, weil sie anders denken, anders glauben oder weil sie wie Carlotto zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Kollateralschäden nennt man so etwas.

Wer sich neben seiner Krimi- oder Thrillerlektüre auch mit Zeitgeschehen aus erster Hand auseinandersetzen möchte, der kann bei Der Flüchtling zugreifen. Massimo Carlotto ist "in seinem zweiten Leben" ein erfolgreicher Schriftsteller geworden, dessen Kriminalromane auch in Deutschland immer beliebter werden. Auch sie sind nicht bloße L'art pour l'art, sondern beinhalten oft Autobiographisches und spiegeln stets die Realität.

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