Würde

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Kapstadt: Zebra Press, 2009, Titel: 'Refuge', Seiten: 271, Originalsprache
  • München: btb, 2010, Seiten: 381, Übersetzt: Mechthild Barth

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Jürgen Priester
Jenseits von Südafrika

Buch-Rezension von Jürgen Priester Jul 2010

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts passierten die ersten Seefahrer auf ihrem Weg von oder nach Indien die südlichste Spitze Afrikas. Schon aus dieser Zeit stammt der Name "Kap der Guten Hoffnung", aber wegen der gefährlichen auflandigen Winde wurde es auch "Kap der Stürme" genannt. Hoffnung und Sturm kennzeichnen auch die leidvolle Geschichte des Territoriums, das heute die Republik Südafrika ausmacht. Jahrhunderte der Harmonie wechselten zu Jahrhunderten des Sturms, als sich die ersten Kolonisten in der Kapregion niederließen. Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung und Ausbeutung aller Ressourcen für eine kleine weiße Minderheit währten bis in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Der interne Druck von der Straße (Aufstände, Streiks) und eine unüberhörbare Kritik der Weltöffentlichkeit führten zur Abschaffung der Apartheitsgesetze und zu ersten freien Wahlen für die Gesamtbevölkerung. Nicht ohne Stolz präsentiert sich das Land in diesem Jahr als Ausrichter der Fußball-Weltmeisterschaft.

Im Gefolge dieses Ereignisses hat auch das deutsche Verlagswesen seinen Blick nach Südafrika gewandt und eine Vielzahl von Werken südafrikanischer Schriftsteller veröffentlicht. Im Krimi/Thriller-Bereich haben sich in jüngster Zeit neben dem hochgeschätzten Dauerbrenner Deon Meyer einige Newcomer etablieren können, deren Romane einen ungeschönten Blick auf den Alltag in Südafrika werfen. Da das Krimigewerbe eine ziemlich "weiße" Domäne ist. verwundert es nicht weiter, dass sich zu den bekanntesten Autoren – genannt seien Margie Orford, Roger Smith und Andrew Brown- mit Malla Nunn nur eine Farbige gesellt.

Andrew Brown hat nach seinem eindrucksvollen Deutschlanddebüt mit Schlaf ein, mein Kind(2009) seinen zweiten Roman am Start. Würde (engl. Titel Refuge = Asyl, Zuflucht) erzählt die Geschichte eines Anwalts, der seine Würde verloren hat, weil er einem lokalen Mafioso zu Diensten ist, und einer nigerianischen Flüchtlingsfamilie, die versucht, trotz lebensbedrohlicher Umstände ihre Würde zu bewahren. Der Schauplatz des Romans ist Kapstadt, aber aufgrund der Flüchtlingsproblematik könnte er auch in jedem anderen Land jenseits von Südafrika spielen.

Richard Calloway ist Anwalt und Partner in einer renommierten Kapstädter Kanzlei und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Strafrechtssachen. Ein Dauermandant ist der Exilrusse Stefan Svritsky, dessen Vertretung vor Gericht Richard zwar manch schlaflose Nacht beschert, ihm aber auch zu einem ansehnlichen Wohlstand verholfen hat. Aktuell wird dem Russen eine Fahrerflucht mit Todesfolge zur Last gelegt. Die Sache scheint recht eindeutig zu sein, da es Unfallzeugen gibt. Richard wird gezwungen, mit allerlei Verfahrenstricks auf Zeit zu spielen, da Svritsky die Zeugen einschüchtern will. Das bereitet Richard mächtig Stress, weshalb er sich, dem Tipp des Russen folgend, einer exotischen Entspannungsmassage unterzieht. Schon nach der ersten Sitzung erliegt Richard dem unwiderstehlichen Charme der Masseuse Abayomi und, wie das wohl bei älteren Männern so ist, stellt sein ganzes bisheriges Leben infrage. Während Richard über Familie, Freunde, Kollegen und Statussymbole sinniert, plagen Abayomi viel existenziellere Sorgen. Nach der abenteuerlichen Flucht aus ihrer Heimat Nigeria, die Kraft und Geld gekostet hat, kümmert sie sich um den zweijährigen Sohn und vor allem um ihren Ehemann Ifasen. Dieser scheint völlig den Boden unter den Füßen verloren zu haben. War er doch in Nigeria ein angesehener Lehrer, muss er sich hier in Südafrika als Straßenhändler verdingen, schämt sich der Tätigkeit seiner Frau und wird zu allem Übel ungerechtfertigt des Drogenhandels beschuldigt. Abayomi bittet Richard um Hilfe, und so nimmt das Unheil seinen Lauf...

Was mit Gerichtspräliminarien Grisham`scher Ausprägung beginnt, eine Lovestory à la "Pretty Woman" streift, verdichtet sich spät, vielleicht ein bisschen arg spät, zu einer menschlichen Tragödie. Autor Brown ist von Haus aus Anwalt, so liegt sein Augenmerk berufsbedingt auf einer exakten Schilderung der Vorgänge vor Gericht oder bei spitzfindigen anwaltlichen Verhandlungen, was ja durchaus storyimmanent ist, aber den Spannungsaufbau hemmt. Zumal auch die Schilderung der realen Verhältnisse im bürgerkriegsgeschüttelten Nigeria den Leser eher ernüchtert, als das sie ihn durch die Geschichte treibt. Aber es ist nun mal Browns Anliegen, auf das Schicksal des Vielvölkerstaates Nigeria aufmerksam zu machen. Das unterstreicht er mit der Einflechtung nigerianischer Ausdrücke, die in einem angehängten Glossar zusammengefasst sind, und mit Quellenangaben zur Historie Nigerias. Dem klassischen Krimi- oder Thrillerliebhaber könnte es zu viel an Politik sein und der gut vorbereitete, aber leicht zu durchschauende Switch zu spät kommen. Für alle politisch interessierten Leser ist Würde eine ausgewogene Mischung aus Krimispannung und Information. Ob nun Südafrika, Nigeria, Kirgisien oder das ehemalige Jugoslawien, überall dort, wo Menschen unterschiedlicher ethnischer oder religiöser Herkunft gezwungen sind, miteinander auszukommen, sind Konflikte vorprogrammiert, wenn es dem Interesse der Machtelite zweckdienlich ist.

Die durch die Fußball-WM ausgelöste Südafrika-Welle wird mit Sicherheit abflauen und die Medien werden zum Tagesgeschäft übergehen. Doch Krimileser haben ein gutes Gedächtnis. Wer mit Qualität überzeugen konnte, dem halten sie die Treue. So ist zu wünschen, dass auch die deutschen Verlage die südafrikanischen Autoren nicht fallen lassen, wenn der große Rummel vorüber ist. Die Leser würden es zu danken wissen.

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