Das alte Kind

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Köln: Lübbe Audio, 2010, Seiten: 4, Übersetzt: Sandra Schwittau

Couch-Wertung:

93°
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Andreas Kurth
Kindertausch und Blut in der Badewanne

Buch-Rezension von Andreas Kurth Jun 2010

Berlin im Jahr 1978: Die deutsche Galeristin Carla wird im Krankenhaus wegen einer ansteckenden Krankheit für wenige Tage von ihrem Kind getrennt. Als dann die Krankenschwester kommt, und ihr ein Baby in die Arme legt, stellt Carla entsetzt fest: Das ist nicht mein Kind. Doch niemand will der jungen Frau glauben, selbst der eigene Ehemann hält sie für geistig gestört.

Edinburgh in der Gegenwart: Fiona wacht in ihrer Badewanne auf. Kerzen stehen am Wannenrand, Blütenblätter schwimmen auf dem Wasser, das sich allmählich rot färbt - von ihrem Blut! Mit letzter Kraft schleppt sie sich zum Telefon, und alarmiert selbst die Rettungskräfte. Im Krankenhaus behauptet sie, jemand hätte versucht, sie zu töten. Doch niemand glaubt ihr.

Keine Zeugen für den Tausch

Zoe Beck – ein neues Pseudonym von Henrike Heiland - hat ihren überaus spannenden Roman in zwei Handlungsstränge aufgeteilt. Wobei in die Geschichte um die junge Fiona noch eine Nebenhandlung um deren rätselhafte Mitbewohnerin eingeflochten ist, die für zusätzliche Spannung und Rätsel sorgt. Carla durchlebt den absoluten Horror einer jungen Mutter. Ihr Kind wurde im Krankenhaus vertauscht. Aber Ärzte und Schwestern glauben ihr nicht, und der eigene Ehemann ist keine Hilfe. Er hat das Kind zu selten gesehen, kann es im Grunde gar nicht identifizieren. Carla gerät schnell in die Defensive, und als sie gegenüber einem Arzt handgreiflich wird, stempelt ihre Umgebung sie endgültig ab. Der Weg in die Psychiatrie scheint vorgezeichnet.

Szenenwechsel sorgen für Dynamik

Der Wechsel in das Edinburgh der Gegenwart sorgt nur ganz kurzzeitig für Verwirrung beim Leser. Unterschwellig ahnt man schnell, dass die beiden Geschichten etwas miteinander zu tun haben. Aber eine leichte oder gar schnelle Lösung wird von der Autorin nicht angeboten. Vielmehr führt sie ihre Leser durch die Irrungen und Wirrungen zweier unterschiedlicher Schicksale, und baut dabei immer wieder neue Spannung auf. Hier die Mutter im schier aussichtslosen Kampf um ihr Kind – da die junge Frau im schmerzvollen Selbstfindungsprozess. Die Orts- und Szenenwechsel sind eingebaut wie geschickte Filmschnitte, und sorgen so stets für neue Dynamik.

Geheimnisvolle Mitbewohnerin

In der eingeschobenen Geschichte rätselt der Leser auch noch um die Rolle von Fionas Mitbewohnerin. Sie ist offensichtlich psychisch gestört, denn sie versucht wie Fiona zu sein – hat sie auch versucht, ihre Freundin zu ermorden? Und ist Fiona weiter in Gefahr? Als Morag dann jedoch plötzlich getötet wird, steht man als Leser vor einem toten Lösungsstrang und ist ziemlich verwirrt. Klar ist jedoch, dass Fiona in höchster Gefahr schwebt – für neue Spannung ist gesorgt. Die Geschichte wird nun noch rasanter und spannender, aber mehr wird hier aus dramaturgischen Gründen nicht verraten. Nur soviel sei gesagt: Die investigative, journalistische Aufgabe für Fionas Freund ist mehr als ein wenig Nebenhandlung. Hier wird von der Autorin vielmehr sehr geschickt die Auflösung der vielen offenen Fragen vorbereitet.

Furioses Finale und offene Fragen

Die Protagonisten sind klar und detailreich konturiert. Es kommen schnell Sympathien auf – oder eben auch Abneigung. Einige Figuren sind offenbar speziell als "bad guys" vorgesehen, da kann man es kaum schaffen, sie zu mögen. Zoe Beck baut einen herrlichen Spannungsbogen auf, der durch die eine oder andere Nebenhandlung geschickt befördert wird. So beispielsweise die Bettgeschichte zwischen Carlas Mann und ihrer "besten" Freundin. Da kommt schon ein Verdacht auf, aber er wird schnell zerstreut, weil es wieder weiter geht. Insgesamt lebt das Buch nicht von knalliger Action, sondern von Andeutungen und Vermutungen, die den Leser zum Mitfiebern bringen. Die geistesgestörte Mitbewohnerin von Fiona ist eine geschickt eingebaute Figur - und eine falsche Spur gleichzeitig. Vordergründige und damit falsche Lösungsansätze gibt es öfter, aber auch das sorgt stets für neue Spannung. Wann immer Carla bei ihrer Suche scheinbar einen Schritt weiter kommt, gibt es Rückschläge. Das furiose Finale mit neuen Überraschungen habe ich geradezu verschlungen – am Ende bleiben aber ein paar offene Fragen. Störend ist das allerdings nicht, sondern regt eher zum Nachdenken an. Das könnte aber auch auf eine Fortsetzung hindeuten, lohnen würde sich das Weiterspinnen der spannenden Geschichte allemal.

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