Das Schweigen des Mönchs

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • London: Little, Brown, 2008, Titel: 'A Whispered Name', Seiten: 346, Originalsprache
  • Berlin: List, 2009, Seiten: 429, Übersetzt: Ulrike Bischoff
  • Berlin: Ullstein, 2010, Seiten: 429, Übersetzt: Ulrike Bischoff

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Michael Drewniok
Schuld kennt kein Verfallsdatum

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2010

Herbert Moore, der mehr als ein halbes Jahrhundert dem Gilbertiner-Kloster Larkwood in der englischen Grafschaft Suffolk als Prior vorstand, hinterließ ein seltsames Erbe. Zwei Identifikationsmarken des Soldaten Owen Doyle aus dem I. Weltkrieg geben ein besonderes Rätsel auf: Sollte Doyle gefallen sein, hätte ein Kamerad mindestens eine dieser Marken als Beweis des Todes an den Vorgesetzten aushändigen müssen.

Noch merkwürdiger ist ein Brief, der Moore als Mitglied eines Generalfeldgerichts nennt, das im September des Jahres 1917 den irischen Freiwilligen Private Joseph Flanagan der Fahnenflucht schuldig sprach und damit zum Tode verurteilte. Der für seine Milde bekannte Prior lässt sich mit dem strengen Offizier der Northumberland Infantery nicht in Einklang bringen. Moores Nachfolger beauftragt deshalb den Mönch Anselm mit Nachforschungen.

Anselm war vor seinem Eintritt ins Kloster Jurist und kennt sich mit den Gepflogenheiten der Militärjustiz wenigstens ansatzweise aus. Ausgedehnte Archivforschungen vertiefen das Geheimnis: Die Akte Flanagan wurde offenkundig manipuliert und enthält keinen Hinweis auf ein tatsächlich vollstrecktes Todesurteil. Flanagan selbst war im Prozess der Lüge überführt worden. Er hatte sich nur zeitweise von seiner Truppe entfernt. Was er in diesen Stunden getan hatte, wollte er nicht aussagen, obwohl vor allem Moore ihn inständig um Aufklärung bat: In einem Krieg, der bereits Millionen Menschenleben gefordert hatte, wollte kein Soldat einen Kameraden hinrichten. Mildernde Umstände hätten Flanagan retten können.

Doch der Soldat schwieg. Die Erinnerung an dieses Ereignis begleitete und bedrückte Herbert Moore sein ganzes langes Leben. Anselm gelingt es beinahe ein Jahrhundert später, die spärlichen Hinweise zu bündeln und auszuwerten. Sie enthüllen ein Drama, dessen Ende wider Erwarten noch offen ist …

Das beinahe vergessene nationale Trauma

Am 25. Juli 2009 starb 38 Tage nach Vollendung seines 111ten Geburtstags Harry Patch. Er war der letzte noch lebende englische Soldat gewesen, der in den Schützengräben des I. Weltkriegs (1914-1918) gekämpft hatte. Mit ihm verschwand der letzte Zeitzeuge, der aus erster Hand von den Schrecken dieses Krieges hatte berichten können, den man in England den "Großen Krieg" nennt, weil er stärker als der II. Weltkrieg noch immer im kollektiven Gedächtnis verankert und Teil einer eigenen Erinnerungskultur geworden ist.

Von den 7,5 Mio. Soldaten, die für Großbritannien kämpften, fielen zwar ´nur´ 850.000 im Gefecht (bei ca. 10 Mio. kriegstoten Soldaten insgesamt), doch diese Männer gehörten den jüngeren Generationen an, die demografisch fassbar deutlich ausgedünnt wurde. Die heimkehrenden Kämpfer hatten zwar überlebt, aber sie blieben nicht selten für den Rest ihres Lebens von ihren Erfahrungen gezeichnet. Auf Umwegen und in der Regel ungern erfuhren die Daheimgebliebenen von den unerhörten Schrecken eines Krieges, der als fröhlicher Waffengang begonnen hatte, um sich schon bald in ein Schlachtfest zu verwandeln.

Von der Nordsee bis in die Schweiz erstreckte sich ein bizarres System von Schützengräben, in denen sich die Gegner manchmal nur wenige Meter entfernt gegenüberlagen. Vier Kriegsjahre ging es weder voran noch zurück; erfolgreiche Vorstöße wurden unter großen Opfern erreicht, und meist musste das eroberte Terrain bald wieder aufgegeben werden. Nässe, Kälte, Schlamm, Läuse, Krankheiten: Selbst wenn nicht gekämpft wurde, starben die Soldaten.

Zu den körperlichen Strapazen kam der psychische Terror. Viele Männer hielten dem Druck nicht stand und verloren buchstäblich den Verstand. Den pragmatischen Militärs galten sie als ´Feiglinge´ und ´Drückeberger´, und auch in der Heimat wurden sie als Schwächlinge verachtet. Im Erholungsurlaub schwiegen auch jene, die es besser wussten, weil sie nicht über das erlebte Grauen sprechen konnten oder ihre Familien und Freunde erschrecken wollten. So blieb es nach Kriegsende. Erst Jahrzehnte später wurde der I. Weltkrieg nicht nur als Todesmühle, sondern auch als Trauma einer ganzen Generation begriffen.

Großer Ehrgeiz, kleine Geschichte

Dies ist das Fundament, auf dem William Brodrick den dritten Roman seiner Serie um den Ermittler-Mönch Anselm gründet. Damit tut er des Guten wahrscheinlich mehr als ein bisschen zu viel, denn obwohl Das Schweigen des Mönchs wie vom Verfasser geplant über die eigentliche Handlung hinauswirkt, verheddert sich Brodrick in einem Thema, das ihm wichtiger als eine spannende Geschichte ist.

So werden jedenfalls jene Leser urteilen, die das Prädikat "Kriminalroman", das dem Cover der deutschen Ausgabe aufgedruckt wurde, buchstäblicher definieren als der Verlag. Verständlicherweise drückt dieser sich davor, Das Schweigen des Mönchs als Historienroman zu präsentieren, der inhaltlich nicht nur um Begriffe wie Schuld und Sühne kreist, sondern sich auch darin erschöpft: Obwohl die Handlung über viele Kapitel im I. Weltkrieg spielt und entsprechende Szenen enthält, geht es Brodrick nur vorgeblich um ein klassisches Krimi-Rätsel und dessen von turbulenten Ereignissen begleitete Lösung.

In gewisser Weise wandelt Brodrick auf den Spuren von Gilbert Keith Chesterton (1874-1936). Dessen Father Brown war ebenfalls an den Motiven des Täters stärker interessiert als an der Aufklärung eines Kriminalfalls, die Brown nicht selten zur seelsorgerischen Betreuung geriet. Erst Kino und Fernsehen verdümmlichten Brown zum schlauköpfigen Pfäfflein, das mit frommem Augenaufschlag zum HERRN sowie zum ulkigen Ärger verknöcherter Vorgesetzten den Detektiv spielte.

Im toten Winkel der Humanität

Diese Klischees glänzen – und dieses Verb kommt hier mit Absicht zum Einsatz – bei Brodrick durch Abwesenheit. Es ist sogar der Prior, der Anselm in Marsch setzt, um Nachforschungen anzustellen, die mit ziemlicher Sicherheit aus kirchenpolitischer Sicht Unerfreuliches über den hochgeehrten Herbert Moore zu Tage bringen werden. Die Wahrheit steht über der Eitelkeit, so lautet eine der Lehren, die Brodrick nicht religionspädagogisch, sondern unaufdringlich einfließen lässt.

Selbstverständlich müssen Themen wie Schuld und Sühne einen Geistlichen besonders intensiv beschäftigen. Das Klosterleben ist in Larkwood zwar der Kontemplation gewidmet, doch die Mönche sind gestandene Männer, die oft auf ein weltliches Vorleben zurückblicken und folglich mit dem Profanen aber Menschlichem vertraut sind. Dies ermöglicht die ambivalente Betrachtungsweise einer ungesühnten Schuld, die womöglich gar keine Schuld ist.

Hier entwickelt Das Schweigen des Mönchs jene Sogwirkung, die dieses Buch nach Ansicht der "Crime Writers’ Association" 2008 in den Rang des jahresbesten Kriminalromans erhob. Die Ereignisse von 1917 fallen in ein juristisches und moralisches Niemandsland. Brodrick gelingt es, den psychischen Aspekt dieser Ausnahmesituation plastisch darzustellen. Flanagan ist kein Deserteur, sein Tod bleibt ohne Abschreckungseffekt in einem Krieg, der zum industrieähnlichen Abschlachten verkommen ist. Dazu gehört eine Bürokratie, die sich unberührt vom Kriegsalltag verselbstständigt hat und Gnade nicht einmal für die eigenen Soldaten vorsieht.

Täter & Opfer in einer Person

Schicht um Schicht löst Brodrick die miteinander verbackenen Schichten aus Historie und Erinnerung, Wahrheit und Täuschung. Dieser Prozess benötigt Zeit, die der Verfasser sich nimmt und nutzt, die eigene Problematik einer solchen Untersuchung zu verdeutlichen: Die Grenzen sind über viele Jahrzehnte beinahe unkenntlich verwischt. Der Fall des Soldaten Flanagan, der einmal das Richtige tun wollte und dadurch erst recht Freunde und Kameraden in bittere Gewissensnöte brachte, steht für viele ähnliche Vorfälle, wie Brodrick in einem Nachwort kurz erläutert.

Folgerichtig ist die Auflösung des eigentlichen Rätsels kein finaler Höhepunkt, sondern wirkt in dieser Geschichte eher wie eine Pflichtschuld, die dem Krimi-Genre erbracht wird. An der Ungeheuerlichkeit einer weitgehend verdrängten aber von den Zeitgenossen nie wirklich bewältigten Vergangenheit ändert sich dadurch nichts. Dies ist die Summe unzähliger Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die das Format (aber auch das Korsett) des üblichen Kriminalromans sprengen.

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Letzte Kommentare:
02.08.2013 18:08:36
Darix

Der verehrte Prior Herbert stirbt geschätzt und hochbetagt.
Der Gründervater verbarg jedoch seine Vergangenheit als Militärrichter im I. Weltkrieg. Hier soll er ein fragwürdiges Todesurteil verhängt haben. Die Fragen nach Schuld, Moral, Zugehörigkeit und verantwortlichem Handeln des Richter und späteren Mönchs werden behandelt. Paralellen von ehemaligen Wehrmachtsrichter in der deutschen Nachkriegsgeschichte sind nicht völlig von der Hand zu weisen. Die Rückblenden in das Kriegsgeschehen, in Flandern, Beschreibung von menschlicher Not, Dramen, außerordentlicher psychischer Belastung und die Versuche des Richters verantwortungsvoll zu Handeln, all das behandelt Brodick sehr differenziert. Beinahe eine Parabel. Es wird auch deutlich, dass die Kriegsgräueltaten unbewältigt wie verdrängt blieben.
Kein klassischer Kriminalroman, eher geeignet für Leser welche ein Interesse an der Geschichte entwickeln können.