Die 10. Symphonie

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Barcelona: Plaza Janés, 2008, Titel: 'La décima sinfonía', Seiten: 408, Originalsprache
  • München: Knaur, 2009, Seiten: 425, Übersetzt: Johanna Wais
  • München: Droemer Knaur, 2010, Seiten: 424, Übersetzt: Johanna Wais

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Carsten Jaehner
Musikthriller mit vielen Dissonanzen

Rezension von Carsten Jaehner Jun 2010

Daniel Paniagua ist Musikwissenschaftler und hält Seminare und Vorlesungen an der Universität von Madrid. Gerade hat er seine Doktorarbeit über Beethoven abgegeben, da erhält er von seinem Chef die Gelegenheit, Zeuge einer vermeintlichen Sensation zu werden: Der berühmte britische Dirigent Ronald Thomas soll den ersten Satz aus Beethovens Zehnter Symphonie aus Fragmenten rekonstruiert haben und nun dieses Werk auf einem Konzert für ausgesuchtes Publikum aufführen.

Daniel geht zum Konzert und versucht nach der Darbietung, ein kurzes Gespräch mit dem Dirigenten zu führen, um mit ihm über das Gehörte zu sprechen. Das Gespräch verläuft kurz und unbefriedend, aber Daniel geht euphorisiert nach Hause. Am anderen Morgen erhält er die Nachricht, dass eben jener Dirigent geköpft in einem Madrider Park aufgefunden wurde.

Als Beethoven-Experte wird Daniel von der Polizei als Berater für diesen Fall hinzugezogen, da er auf dem Konzert war und sich mit der Musik des Bonner Komponisten auskennt. Denn auf dem gefundenen Kopf des Dirigenten ist hinten eine Notenzeile eintätowiert, die der Schlüssel zu einem millionenschweren Geheimnis sein kann: Der kompletten handgeschriebenen Partitur der Symphonie. Während Daniel sich auf die Spur der Partitur macht, gerät sein Privatleben gehörig ins Wanken, und erste Spuren lassen Verwicklungen bis in Napoleons Zeiten vermuten. Eine wirre Suche nach den Mördern beginnt...

Arg konstruierte Handlung

Zum besseren Verständnis für Nicht-Musiker: Beethoven hat nur neun komplette Symphonien geschrieben, die letzte davon ist wohl seine berühmteste ("Freude schöner Götterfunken” - wir erinnern uns...?). Dennoch existieren Fragmente und Entwürfe für eine zehnte Symphonie, die aber nie vollständig komponiert worden ist. Diesen Mythos, vielleicht doch irgendwo eine unbekannte vollständige Partitur dieses Werks aufzufinden, nutzt der Autor Joseph Gelinek für seinen ersten Thriller, wie er ihn nennt, und baut daraus eine Geschichte, in der es am Ende um Millionen geht.

Hinter dem Pseudonym Joseph Gelinek verbirgt sich ein spanischer Musikwissenschaftler, weshalb der Roman auch im Original auf spanisch erschienen ist und in Madrid spielt. Und genau hier fängt auch bereits das Problem des Romans an. In jedem sich bietenden Moment, und zu jeder sich bietenden Gelegenheit, lässt der Autor den Wissenschaftler "heraushängen” und bietet ein Kurzreferat nach dem anderen. Das mag eine Weile gut gehen und erträglich sein, aber er beschränkt sich dabei nicht nur auf Beethoven und Musik und Mystik im allgemeinen, sondern weitet seine Wissenspräsentationen auch ausführlich auf die Spanische Hofreitschule und andere Themen aus. Das wäre nicht so schlimm, wenn sie dem Fall bzw. der Handlung dienlich wären, aber dem ist leider nicht so. Immerhin treibt er es sogar so weit, dass selbst eingefleischten Musikern bei seinen Analysen die Ohren wackeln, und das will schon etwas heißen. Des weiteren belästigt der Autor den Leser auch mit seinem profunden Filmwissen, und man muss schon hart gesotten sein, um das Buch nicht vor dem Ende endgültig aus der Hand zu legen.

Denn auch die Handlung, die sich zwischen den Kurzreferaten offenbart, ist konstruiert und auf Sensationshascherei an den Haaren herbeigezogen. Wie Daniel aus dem Notenfragment von Thomas’ Kopf schließlich der Lösung auf die Spur kommt, das ist von vornherein wackelig und gewagt, aber natürlich richtig, wenngleich es zig andere Möglichkeiten gegeben hätte. Viele Fragen (wirklich viele Fragen) bleiben offen, so beispielsweise die, warum für das Köpfen des Dirigenten unbedingt eine Guillotine (Kurzreferat) benutzt werden musste.

Die Personenführung des Autors bleibt blass bis neutral. Dabei ist Daniels Privatleben fast interessanter als sein Berufsleben. Seine Freundin, die in einer anderen Stadt arbeitet, eröffnet ihm, dass sie schwanger ist, und es entwickelt sich ein Streit, ob und wer das Kind will oder auch nicht, was zwar eine gewisse private Brisanz hat und im Laufe der 425 Seiten immer mal wieder auftaucht, aber dadurch nervt es auch zunehmend.

Inhaltliche und logische Fehler

Hinzu kommen inhaltliche und logische Fehler, die selbst einem Blinden (wie dem Bediensteten der Spanischen Hofreitschule - Kurzreferat -, der dort die Führungen macht!) hätten auffallen müssen. Als Beispiel sei nur genannt, dass die 10. Symphonie mehr als vier Sätze haben solle, was eine Sensation sei (Beethovens 6. Symphonie hat bereits fünf statt der üblichen vier), und dass es eine komplette Chorsinfonie sei - bei dem Geheimkonzert war kein Chor dabei, und auch später ist nie wieder die Rede davon. Solche Kleinigkeiten häufen sich und zeigen, dass der Autor mehr Ahnung von Beethoven als vom Konstruieren von Romanen hat.

Immerhin ist der Schreibstil flüssig zu lesen und hat auch den einen oder anderen Schmunzler parat. Erfreulich ist die kurze Seitenzahl der einzelnen Kapitel, immerhin 62 plus Epilog auf der gesamten Buchstrecke. Ein paar Notenzeilen und Grafiken lockern das Schriftbild auf. Interessant ist auch der literarische Ausflug in die Vergangenheit, wo der Meister selbst auftauchen darf und eine neue Version des Geheimnisses um Beethoven und die Frauen (Kurzreferat) dargeboten wird.

Wer mehr über Beethoven erfahren möchte, kann zu diesem Roman oder zu einer Biographie greifen und sich dazu eine seiner neun Symphonien anhören. Der Roman ist konfus konstruiert, mit teilweise hanebüchenen Wendungen, die streckenweise so haarsträubend sind, wie des Kompositeurs höchsteigene wallende Frisur. Einen Anhang mit Kommentaren zu Beethoven gibt es nicht, wozu auch, es steckt ja alles wohlportioniert im Roman drin. Sollte die 10. Symphonie je wirklich entdeckt werden, mag ihr mehr Erfolg beschieden sein als diesem Roman. Wie heisst es doch in der 9. Symphonie: "Und wer’s nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund.”

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