Die Weisheit des Todes

Erschienen: Januar 2000

Bibliographische Angaben

Leichenteile in Plastiksäcken

In Chastity Rileys zweitem Fall knüpft Simone Buchholz nahtlos da an, wo sie in ihrem ersten Buch über die toughe Hamburger Staatsanwältin aufgehört hat. In Ich-Form erzählt Chas von ihrem Leben, Leiden und Arbeiten in der Elb-Metropole. Es ist Sommer in Hamburg, Sankt Pauli leuchtet warm bis unerträglich heiß. Rileys neuer Chef-Ermittler Calabretta ist im Urlaub in Italien, der früh-pensionierte Vorgänger Faller sitzt im Hafen und angelt. Und ausgerechnet jetzt werden in der Billwerder Bucht beim Ausbaggern der Fahrrinne sorgfältig in Plastiksäcken verpackte Leichenteile von zwei Männern gefunden. Es sind immer nur die Hände, Füße und Köpfe der Leichen in dem jeweiligen Sack der Rest fehlt.

Carla wird vergewaltigt

Die Laune der engagierten Staatsanwältin geht richtig in den Keller, als ihre beste Freundin Carla im Keller ihrer Kneipe von zwei zwielichtigen Typen eine Nacht lang vergewaltigt wird. Carla schläft zwei Tage lang, aufmerksam bewacht von Klatsche, Chastitys Nachbar und Teilzeit-Lover, der in letzter Zeit auch Carla näher gekommen war. Chas begleitet ihre Freundin ins Polizei-Präsidium, Phantom-Bilder werden angefertigt aber Priorität haben die Leichenteile aus der Billwerder Bucht. Calabretta ist endlich aus dem Urlaub zurück, zumindest in dieser Hinsicht fällt Chas ein Stein vom Herzen. Und die neu gebildete Sonderkommission bekommt einen knackigen Namen: Soko Knochensäge. Denn die Köpfe der Toten wurden offenbar höchst professionell mit einer Knochensäge vom Rumpf getrennt.

Herrliches Erzählkino

"Knastpralinen" ist wunderbares Erzählkino. Durch die Ich-Form blickt der Leser nicht nur Chastity ständig über die Schulter, sondern bekommt auch ihren Blick auf die Stadt und deren Menschen vermittelt. Im Kino würde man sagen Chas spielt die anderen Figuren glatt an die Wand. Aber dennoch haben Faller, Carla und vor allem Klatsche ihre ganz eigene Funktion für die Geschichte. Der pensionierte Faller ist eine Art Rettungsanker für die junge Staatsanwältin, sie holt sich Tipps bei ihm, wenn sie nicht recht weiter weiß - auch gemeinsam mit Calabretta, als dieser wieder da ist. Carla kommt in ihrer Rolle als beste Freundin diesmal zu kurz, schließlich hat sie selbst genug eigene Probleme. Aber immerhin gelingt es Chastity am Ende doch, Carla vor einer großen Dummheit zu bewahren. Und Klatsche, ehemaliger Meistereinbrecher und jetzt Inhaber des besten Schlüsseldienstes der Stadt, ist immer dann zur Stelle, wenn Chas eine Schulter zum Anlehnen braucht.

Mittlerweile wird eine dritte, diesmal vollständige Leiche eines jungen Mannes gefunden. Dennoch finden die Ermittler trotz ihrer intensiven Suche keine Gemeinsamkeiten zwischen den Mordopfern.

Selbstjustiz gegen Vergewaltiger

Carla erholt sich erstaunlich schnell von der Vergewaltigung. Ihr bekommt offenbar die Rückkehr von Rocco Malutki. Der polnisch-italienische Unterweltler war ein Jahr in Berlin, und ist zurück in Hamburg. Die beiden sind viel zusammen, reden miteinander und gehen viel spazieren. Und als es Carla zu dumm wird, weil sie den Eindruck hat, die Polizei kümmere sich nicht genug um ihren Fall, hilft ihr Malutki. Innerhalb eines Tages treibt er die Vergewaltiger mit Hilfe seiner Kiez-Kontakte auf, und schon sitzen sie gefesselt in Carlas Kneipen-Keller. Chas kommt den beiden zufällig auf die Schliche, und muss sich eine unglaubliche Geschichte ausdenken, damit Carla nicht selbst in die Mühlen der Justiz gerät.

Leicht ekeliger Abschluss

Allerdings ist Carla nicht die einzige Frau, die angesichts von Anmache, Entwürdigung und Vergewaltigung auf Selbstjustiz setzt. Eher zufällig kommt Chas den Mördern schließlich auf die Spur. Das Finale ist ziemlich eklig, höchst ungewöhnlich und wird natürlich nicht verraten. Am Ende hat man als Leser das Gefühl, weiter umblättern zu wollen, um das Leben dieser sympathischen Menschen in dem Hamburger Kult-Stadtteil weiter zu begleiten. Chas, Klatsche und Carla sind ein Trio, das der Leser auch angesichts der witzigen Dialoge schnell schätzen lernt. Dass nebenbei noch brutale Morde und Vergewaltigungen aufgeklärt werden, macht die Story vollkommen man freut sich auf die Fortsetzung.

Couch-Wertung:

85°
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Jürgen Priester
Horatio - Euer armer Diener, stets!

Rezension von Jürgen Priester Mai 2010

Der amerikanische Präsident Kennedy war im Jahr 1963 auf Wahlkampftour für eine zweite Amtszeit. da es Gerüchte über mögliche Attentate im Vorfeld gegeben hatte, wurde sein Auftritt in Chicago aufgrund von Sicherheitsmängeln abgesagt. Nächster Stopp: Dallas, Texas, nicht gerade bekannt für Friedfertigkeit und Toleranz. Um die Sicherheit des Präsidenten zu gewährleisten, hat die Stadt alle lokalen Polizeikräfte, angefangen von Ressortchefs der Kriminalabteilungen bis hin zu allen verfügbaren Streifenpolizisten mobilisiert. Eine Stadt im Ausnahmezustand.

Die Entdeckung einer männlichen Leiche auf einer der örtlichen Müllkippen findet nur wenig Beachtung. Einzig Detective Sergeant Horatio "Ray" Duval von der Mordkommission hat die Zeit, sich um den Fall zu kümmern, weil er praktisch schon ausgemustert ist. Duval lebt seit einem halben Jahr mit der Diagnose einer kongestiven Herzerkrankung, einem Leiden, das zur damaligen Zeit nicht therapierbar war und immer tödlich endete. Da für Duval demnächst ein Gesundheitscheck ansteht, weiß er, dass dies sein letzter Fall sein wird, deshalb will er ihn mit allen Mitteln aufklären, um sich einen würdigen Abgang zu verschaffen,

Zunächst scheint alles auf eine Beziehungstat hinzudeuten. Das Opfer war als Antiquitätenhändler und Antiquar in allerlei windige Geschäfte verwickelt und seine Homosexualität, die damals noch unter Strafe stand, konnte er nur im Verborgenen ausleben. So stehen Geschäftspartner und ehemalige Liebhaber ganz zu oberst auf Duvals Verdächtigenliste. Doch der Zustand der Leiche lässt sich auch als sorgfältig inszenierten Ritualmord deuten – die post mortem abgetrennten Körperteile sind mit Draht zu einer Art Gliederpuppe wieder zusammengefügt und dann in einen Kühlschrank gezwängt. Auf einer Familienfeier anlässlich des 75sten Geburtstages seines Vaters bekommt Ray Duval den Hinweis, dass es vor 25 Jahren im nahegelegenen Nord-Texas identische Fälle gegeben hat. Opfer waren damals aber 10- 12 jährige Mädchen, vornehmlich schwarzer Hautfarbe. Ray gräbt diese "cold cases" wieder aus, weil er mittlerweile überzeugt ist, es mit einem Serienmörder zu tun zu haben. Sein Verdacht erhärtet sich, als kurze Zeit später in Dallas die verstümmelte Leiche einer 12-jährigen Schwarzen entdeckt wird.

Wir Leser wissen nun mehr als der Ermittler, ist uns doch der psychopathische Mörder schon im Prolog vorgestellt worden. Ein Monster in Menschengestalt, das mit einer dicken Erektion vor seinen Trophäen herumtänzelt. Ein weiterer tumber, bluttriefender Serienmörder-Thriller stand zu befürchten, doch...

...Gott sei Dank setzt Autor Christopher Hyde andere Schwerpunkte. Vor der oben beschriebenen historischen Kulisse erzählt er die Lebensgeschichte eines Mannes, der in zwei Kriegen dem Tod in die Augen geblickt hat, der jetzt angesichts seines gewissen, baldigen Todes nicht resigniert, sondern die Kraft entwickelt, seinen Mitmenschen zur Seite zu stehen, das Schicksal der schwarzen Mädchen aufzuklären, um die sich nie ein Weißer ernsthaft gekümmert hat. Er tut das mit einer guten Portion schwarzen Humors und einer Unnachgiebigkeit seinen desinteressierten Vorgesetzten gegenüber, hat er doch nichts mehr zu verlieren. Mit dieser Einstellung kann er nur gewinnen, die Anerkennung seiner Kollegen, die Zuneigung der überlebenden Opfer, die Liebe einer Frau.

Die Weisheit des Todes ist eine positive Überraschung. "Als würde Caleb Carr auf Frederick Forsythe treffen" bezeugt Lee Child anerkennende Referenz. Obwohl jeder weiß, dass solchen Aussagen nicht unbedingt zu trauen ist, ist in diesem Fall eine Verwandtschaft durchaus erkennbar. Nichtsdestotrotz verlockt der Prolog eher zum aufgeben als zum weiterlesen des Romans. Doch ist der Auftakt überwunden,  entwickelt sich eine spannende, vielschichtige Story mit glaubwürdigen Charakteren, in der die politische Dimension stets zweitrangig bleibt und Serienmörderthema nicht überstrapaziert wird. Dadurch bleibt viel Raum, den Hydes Held Ray Duval gut zu füllen weiß. Ganz in Hardboiled-Tradition beschreitet er den Weg des "einsamen Wolfes", mit seinem Leben und seinem Tod im Reinen. Dazu passt die zeitliche Rückversetzung in die 60er Jahre. Hier ist der Cop noch als Handwerker gefordert – kein forensischer Schnickschnack, keine Computer, keine fiependen Handys, keine dummschwätzenden Profiler – das kann ganz schön erfrischend sein, wenn’s denn gut gemacht ist.

Bleibt zu hoffen, dass sich im reichen Fundus der bisher noch nicht übersetzten Romane von Christopher Hyde weitere Perlen dieser Art finden lassen.

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