Der Lemur

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • London: Picador, 2008, Titel: 'Lemur', Seiten: 184, Originalsprache
  • Reinbek b. Hamburg: rororo, 2010, Seiten: 157, Übersetzt: Christa Schuenke

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Wolfgang Franßen
Wenn du nicht weißt, wer der Trottel ist, bist dus!

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Mai 2010

Das Beschreiben von Verbrechen fußt zumeist auf einer spannenden, sich steigernden, überraschenden Handlung. Benjamin Black alias John Banville verlässt sich in seinen Kriminalromanen auf Geheimnisse, die jedes Leben mehr oder weniger in sich birgt. Zumal bei einem Schwiegervater, der eine Vergangenheit beim Geheimdienst vorzuweisen hat und ihn bittet, seine Biographie zu schreiben. Wer erwartet da nicht, auf Lebenslügen, auf Abgründe zu stoßen, die verstörend sind, wenn nicht gar unter Strafe gestellt gehören.

John Banville ist für The Sea 2005 mit dem Booker Prize ausgezeichnet worden, hat in Romanen wie Athena und Caliban, sich der Frage nach dem Bestand der Lüge gestellt, um das Echte, das Falsche im Leben zu entlarven. Er hat dabei eine Atmosphäre beschrieben, die nie dem vertraute, was sie hörte, was sie sah. In seinen Kriminalromanen verlässt er sich als Benjamin Black weniger auf die Genrebezeichnung Krimi, als vielmehr auf sein Vermögen, seinen Figuren ein Leben abzutrotzen, das in sich selbst verstrickt, sich zu Fall bringt.

Die Vergangenheit lässt sich selten totschweigen. Erst recht nicht bei William Mulholland. Leider engagiert der Schwiegersohn Glass einen Rechercheur, Dylan Riley, und der erpresst ihn gleich. Womit er nicht ganz zum Ziel kommt, da ihn ein Schuss durchs Auge davon abhält, das Skandalträchtige zu veröffentlichen.

Lemuren, die Black/Banvilles Kriminalroman den Titel geben, sind nicht nur Halbaffen. Man umreißt damit auch gerne den Geist eines Verstorbenen. So taucht im Zuge von Glass Nachforschungen die mysteriöse Gestalt von Charles Varriker auf, der auf seltsame Weise einen ähnlich unnatürlichen Tod wie Riley erleiden musste. Mit einmal erscheint das Leben von Big Bill Mulholland nicht mehr als einzige Erfolgsstory.

Multimilliardär, Ex-CIA-Agent, der Geschichten über Edgar J. Hoover zum Besten gibt, von seiner Tochter Louise geliebt und beschützt wird, hat womöglich Dreck am Stecken. Ein Problem für die Familie. Ein Problem vor allem für Glass. Wenn er an seine Frau, an das Erbe denkt.

Ein Fall wie für Agatha Christie geschaffen. Nicht zuletzt erwähnt der Autor die Parallele, wenn er gegen Ende den Mord im Orientexpress ins Spiel bringt. "Der Lemur" jedoch besticht weniger durch einen überraschenden Fall, der ins Atemlose gesteigert wird, ohne tiefere Erkenntnisse der Forensik und psychopatischer Charakterlosigkeit, vielmehr durch Banvilles Sprache:

 

Louise Glass war achtundvierzig und sah aus wie dreißig eine hochgewachsene, schlanke Rothaarige, auch wenn das Rot inzwischen größtenteils aus der Tube stammte. Ihr Teint war so blass dass er fast durchsichtig erschien, ihre markanten Gesichtszüge wirkten aus manchen Blickwinkeln lieblich, aus anderen faszinierend streng. Wie Glass sich zum x-ten Mal eingestand, war sie eine hinreißende Frau die er nicht mehr liebte.

 

Was wir von dieser Frau zu erwarten haben, dürfte klar sein.

Der Reiz an Benjamin Blacks Kriminalromanen wie dem schon auf Deutsch erschienen Nicht frei von Sünde beruht darin, dass er John Banville nicht zu verleugnen vermag.

Literarische Verweise wie auf Tennesse Williams Big Daddy und die augenzwinkernde Würdigung eines John Huston zeigen einen Autor, der sich eines Genres bedient, um sich an ihm zu reiben, um sich daran zu freuen, dass er sich selbst nicht ernst nimmt.

Am Ende kommt ein Held zum Zuge, der sich fragen muss, ob er nun lieber der Trottel und liebende Ehemann, der alles verschleiernde Schwiegersohn sein möchte, zu einem seiner Verantwortung bewusst werdender Stiefvater heranreifen will oder lieber jemand ist, der mit einer Lüge nicht zu leben versteht?

Eine Frage, die häufiger im Leben auftauchen sollte.

Der Lemur

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Letzte Kommentare:
16.06.2010 11:47:40
Gero von Meissner

Die Rezension ist inhaltlich kompakt und gewiss hilfreich. Was mich jedoch daran verwirrt und den Genuss deutlich beeinträchtigt sind die an dieser Stelle zu vielen Grammatikfehler. Ich wünsche mit für künftige Werke mehr Sorgfalt. VG, Gero von Meissner
P.S. Das amüsiert mich auch ein bisschen, dass man hier eine Mindestmenge an Sermon abliefern muss, um zum geistig wertvollen Zirkel zugelassen zu werden. %)

[Lieber Gero, danke für die Hinweise zur Grammatik, da hat der bearbeitende und die Rezensionen einstellende Redakteur (ich) tatsächlich geschlampt - shame on me;-) Trotzdem hätten ein paar Takte zum Roman nicht nur der 300-Zeichen-Vorgabe gut getan. Die wiederum ließ sich in Zeiten erhöhten Spam-Aufkommens nicht vermeiden, und hat es zumindest ein wenig eingedämmt. Obwohl sogar spammende Deppen mittlerweile "Kopieren & Einfügen" beherrschen. Aber bei eloquenten Beiträgen freuen wir uns auch über mehr als 300 Zeichen... Anm. des zurecht gemaßregelten Bearbeiters.]