Zum Sterben nach Kairo

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Querverlag, 2010, Seiten: 176, Originalsprache

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Stefan Heidsiek
Zum Sterben langweilig

Buch-Rezension von Stefan Heidsiek Apr 2010

Bevor man sich mit Andrea Karimés erstem Kriminalroman, Zum Sterben nach Kairo befasst, sollte man wissen, dass das Buch im Querverlag erschienen ist, der seit 1995 in erster Linie Belletristik und Sachbücher zu meist aktuellen, aber immer dezidiert schwulen und lesbischen Themen, sowie erotische Romane publiziert. Laut eigener Aussage des Verlags ist das Ziel dabei "anspruchsvoller und zugleich unterhaltsamer Literatur mit schwulen und/oder lesbischen Inhalten eine Heimat und einen Platz im breiten Buchmarkt zu geben". Da dies natürlich kein Qualitätskriterium ist, sollte man Andrea Karimés Werk anfangs "vorurteilsfrei" genießen und es unter völlig objektiven Gesichtspunkten betrachten. Wenn es auch wenig nützt: Zum Sterben nach Kairo ist der mit Abstand enttäuschendste Kriminalroman, der mir bis dato in die Finger geraten ist.

Kurz zum Inhalt: Philemon, ein schwuler Ägypter, der aufgrund seiner sexuellen Orientierung Deutschland als Exil gewählt hat, beauftragt die junge Kölner Amateurprivatdetektivin Hala Habidi damit, die mysteriösen Umstände des Todes seiner Tante Anastasia aufzuklären. Er hat den Verdacht, dass diese ermordet worden ist, wagt es allerdings nicht, selbst nach Ägypten zurückzukehren und Nachforschungen anzustellen. Hala, die sich bis dato eher um entschwundene Katzen und fremdgehende Ehemänner gekümmert hat, nimmt den Auftrag nur zögerlich an und reist gemeinsam mit ihrem sprechenden Papagei Fatima in die nie schlafende Hauptstadt Kairo, um dort nach Spuren zu suchen. Relativ schnell findet sie heraus, dass Anastasias Ableben mit dem Tod eines jungen Mädchens zusammenhängt. Dieses ist auf den Straßen Kairos nach einer fehlgeschlagenen Beschneidung verblutet. Gemeinsam mit der Sprachlehrerin Mina, zu der sich die lesbische Hala stark hingezogen fühlt, nimmt man die Fährte eines Mannes auf, der anscheinend bereits sein nächstes Opfer auserwählt hat.

Schnell stellt man fest, dass bei der anfänglichen Erwartungshaltung etwas im Stile Yasmina Khadras oder Jenny Silers zu lesen (Der Klappentext macht in dieser Richtung tatsächlich Hoffnung), wohl der Wunsch Vater des Gedanken war. Karimés Geschichte wirkt von Beginn an konzeptlos und konstruiert. Und obwohl sich sonst die homosexuelle Gemeinschaft gegen Verallgemeinerungen wehrt, wird hier das Klischee mit einer Sorgfalt gepflegt, dass einem das Wasser in die Augen steigt. Verfolgte Homosexuelle, missverstandene Lesben, latent rassistische Deutsche und illegale Beschneidungspraktiken. Karimé beackert in ihrem kurzen Büchlein eine Vielzahl an Konfliktthemen, die Potenzial für eine ganze Reihe von Krimis geboten hätten. Einen ordentlichen Spannungsaufbau bekommt sie allerdings nicht zustande. Die Geschichte um den mysteriösen Arzt, der dazu erpresst wird, junge Mädchen zu beschneiden (Anm.: In Ägypten ist dies mittlerweile verboten), wirkt schlichtweg unglaubwürdig. Sein Verhalten im kompletten Buch entbehrt jeder logischen Grundlage. Hinzu kommt, dass seine Identität von Anfang an bekannt ist, was es dem geneigten Leser nicht allzu schwer machen dürfte, das letztendliche "Rätsel" zu lösen, sofern man hier überhaupt von so etwas reden kann.

Um diese klaffenden inhaltlichen Abgründe zu überbrücken, flüchtet sich Karimé in eine Reihe von ausschweifenden, pseudomystischen Traumsequenzen, welche dem Roman wohl eine geheimnisvolle Aura verleihen sollen. Ein weiteres Experiment, das wie so vieles an diesem Buch auch, am Ende ebenfalls scheitert. Was bleibt, ist letztlich eine Aneinanderreihung von homosexuellen Tête-à-têtes, die über vage Andeutungen nie hinausgehen, dafür aber deutlich die Zielgruppe des Buches anvisieren. Das ich dieser nicht angehöre, mag eventuell dem Lesevergnügen vielerorts im Weg gestanden haben. Es bleibt aber die Hoffnung, dass auch das homosexuelle Lesepublikum, das ihnen Gebotene richtig einzuschätzen weiß.

Dass Karimé sprachlich ihr Können andeutet und auch Kairo lebendig zu beschreiben vermag, rettet das Buch leider nicht vor meiner persönlichen Tiefstwertung bislang.

Insgesamt ist Zum Sterben nach Kairo ein oberflächlicher und müder Möchtegern-Krimi, der dank seines handlichen Taschenbuchformats für das homoerotische Petting nebenher vielleicht taugt, unter der Betrachtung der Anforderungen des Genres aber auf ganzer Linie scheitert. Ein Buch, das mit aller Wahrscheinlichkeit im großen Becken der Krimis schnell untergehen wird. Und das ist, wie einst ein Bürgermeister sagte, auch gut so.

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