Das Matratzenhaus

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Wien: Deuticke, 2010, Titel: 'Das Matratzenhaus', Seiten: 293, Originalsprache
  • München: dtv, 2011, Seiten: 293, Originalsprache

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Georg Patzer
Ein Benediktinermönch und sein Gott: His Holy Bobness Dylan

Buch-Rezension von Georg Patzer Mär 2010

Besitzt Gott einen Gehstock? Immerhin ist er schon ein alter Mann. Trägt er Unterhemden, eine Lesebrille, isst er vegetarisch, raucht Pfeife und fährt Auto oder Motorrad? Die Lehrerin weiß es: "Motorrad, und er hat Probleme mit der Lendenwirbelsäule." Und fährt fort, "dass bei Gottes letzter Gesundenuntersuchung der Prostatabefund nicht ganz in Ordnung gewesen sei, und außerdem sei sein Psychiater total unzufrieden mit der Zuverlässigkeit seiner Medikamenteneinnahme." Das findet der Religionslehrer, Bruder Joseph Bauer, nicht so witzig.

Es ist eine verrückte Welt, die Welt in Furth am See in Niederösterreich, mit seltsamen, normalen Menschen. Da gibt es den Kommissar Ludwig Kovacs, der den Sternenhimmel liebt und das Fischen, mit seiner Freundin aber Probleme hat; den Psychiater Raffael Horn, der von seinem Sohn und seiner cellospielenden Frau beunruhigt wird, der anfängt seine Gedanken laut auszusprechen, ohne es zu merken, auf dessen Station ein sich selbst immer wieder aufschlitzendes Mädchen und ein Junge mit Gitarre eingeliefert werden, um die er sich kümmern muss; die Lehrerin Stella, die heimlich schon lange eine Affäre mit einem Benediktinermönch hat, der auf seinem iPod der Stimme seines Gottes lauscht: "His Holy Bobness" Bob Dylan. Und ein indisches Mädchen, das adoptiert ist, sich für japanische Kampfmesser interessiert und von Pelikanen erzählt.

Es ist eine beunruhigende Welt, keiner versteht sie, keiner versteht auch den anderen so richtig. Ständig weichen sie einander aus, ohne es zu merken, selbst der Psychiater sieht seine eigenen schwarzen Löcher nicht und sieht die Welt so:

 

Die Luft über der Stadt war trüb und unruhig. Die Türme der Stiftskirche schienen zu schwanken, ebenso die Stahlschlote des Holzwerks, und mehrmals hatte er den Eindruck, als schwappe das Wasser des Sees über die Uferpromenade.

 

Hochgatterer, selbst Kinderpsychologe, erzählt in seinem zweiten Roman um Kovacs und Horn von Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch, aber nicht wie so viele andere mit moralischem Zittern in der Stimme und erhobenem Zeigefinger. Er nimmt den Fall, in dem Kinder von einer "schwarzen Glocke", wie ein Mädchen sagt, geschlagen werden, sie aber schweigen warum, als Beispiel für eine aus den Fugen geratene Gesellschaft, in der keiner den anderen kennt denn sie kennen sich ja selbst nicht. Sie können sich auch gar nicht kennen, denn es wird ihnen systematisch ausgetrieben, von den Adoptiveltern, die sie missbrauchen, von einer Erziehung oder Beziehung, die einen schnell von sich oder anderen entfremden, fremd werden lässt. So sehr, dass sogar aufgeklärte Menschen darüber nachsinnen, ob die Prügelstrafe nicht doch gerecht sei.

Hochgatterer ist ein Seismograph persönlicher Erschütterungen, von Menschen, denen etwas abhanden kommt eine Schwester, eine geliebte Frau, ein Bruder. In wechselnden Perspektiven, in verschlungenen Handlungssträngen, die sich berühren, die nebeneinander herlaufen, und manchmal ins Leere gehen, schildert das Buch nichts als das normale Leben, das ja auch meist chaotisch und undurchschaubar ist. Ohne jede Erklärung, allein durch die Beschreibung der Brüchigkeit skizziert er die Personen, die so lebendig und direkt wirken, als sprächen sie im Kopf des Lesers. Auch wenn das manchmal schwer auszuhalten ist, eben weil sie so verstört sind. Manchmal nur von Kleinigkeiten, von der Art, wie der Sohn mit Raffael Horn spricht. Vieles erschließt sich erst im Nachhinein, dann werden die Kleinigkeiten, die man so schnell überlesen hat, bedeutsam. Und vieles wird gar nicht aufgeklärt. Was bleibt ist die Unsicherheit, über das Leben, die Welt und die eigene Existenz, die man ja eigentlich gar nicht richtig kennt.

Man kennt diese Art von emotional packender und gleichzeitig distanzierter, klirrend kühler und menschlich warmer, meisterhaften Prosa sonst nur von Ernst Augustin (auch er Psychiater) oder Astrid Paprotta. Und auch deren Schlussfolgerungen teilt Hochgatterer: Man kann nichts objektiv erkennen, weder sich noch die Welt. Man kann sich ihr nur annähern, wenn man weiß, dass sie doch fern und unbekannt bleibt.

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