Nebel am Montmartre

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Paris: Gallimard, 2001, Titel: 'Les brouillards de la butte', Seiten: 221, Originalsprache
  • Hamburg: Nautilus, 2010, Seiten: 189, Übersetzt: Katja Meintel

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Wolfgang Franßen
Der Duft von Freiheit

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Mär 2010

Am Ende wird das Verbrechen mittels eines Pamphlets über "Die surrealistische Revolution" aufgelöst. Mit einer Finte ein Geständnis entlockt. Dann sind fünf Menschen tot und eine wirtschaftliche Verschwörung entlang des ersten Weltkrieges ist aufgedeckt worden. Nur die Helden sammeln die Lorbeeren nicht ein. Sie ergreifen die Flucht übers Meer. Sie wirken wie die tragisch komischen Gestalten aus Becketts Warten auf Godot. Ihr Glück trifft niemals ein.

 Patrick Pécherots Paris von 1926 ist die Zeit des André Bretons, des Antonin Artauds, des Eugene Bizeaus, selbst Abel Gance und seine Jahrhundert-Verfilmung von Napoleon tauchen am Rande auf. Große Namen, doch die kleinen Helden bestimmen die Atmosphäre des Romans, der 2002 den Grand Prix de Littérature Policière bekam und sich als Hommage an Léo Malet versteht. Nebel am Montmartre ist Auftakt zu Pécherots Trilogie über die Jahre zwischen den Weltkriegen in Paris.

 Auch ohne all die Querverweise auf Malet und sein Werk, auf die Wortspielereien der Surrealisten ist die Geschichte um Pipette, der gerne Poet wäre, sich nach dem Leben eines Bohemiens sehnt, jedoch das Schicksal abertausender Zeitgenossen erleidet, indem er hungert, friert und sich mit Gelegenheitsjobs wie privaten Ermittlungen durchschlägt, äußerst kurzweilig. Sie besitzt den Charme der verklärten Vergangenheit, bei der Anarchisten, Gewerkschaftler und Illegalisten um die Wortführerschaft streiten, sich mitten im gesellschaftlichen Umsturz empfinden.

Fundgrube

Um sich in der Vielzahl der Anspielungen zurechtzufinden, hängt der Verlag extra ein Glossar an. Wir befinden uns im "Le Cyrano", im "La Vache enragée" wieder, streifen über den Trödelmarkt, fliehen über die Dächer, lauschen den Worten Bretons, der sich sogar zu einem Schusswechsel auf einem Friedhof genötigt sieht, verfolgen hitzige Diskussionen über Poesie und Politik und dem Kunstverstand an sich, während sich allmählich herausschält, dass Erpressung zum Lieblingsspiel gewisser Kreise geworden ist. Wissen ist Macht. Das Wissen um die Verfehlungen anderer verleiht manchem die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Pécherot gelingt es, sein Paris mit Glücksrittern zu bevölkern. Der Wirtschaftsmagnat weiß, seine Interessen zu wahren, indem er in den Verlauf der Geschichte eingreift und im Nachkriegsfrankreich alle Anschuldigungen und Unterstellungen überlebt, sich bereichert zu haben. Bis ausgerechnet der Schwiegersohn den Beweis erbringt und ihn erpresst.

Dies könnte zu einer schonungslosen Aufbereitung á la Jean-Pierre Manchette führen, doch Pécherot behauptet von sich, dass er beim Schreiben vor allem an der Melodie seiner Geschichte interessiert ist. So kommt es einem beim Lesen von "Nebel am Montmartre" beinah so vor, als höre man ein vielstimmiges Chanson voller Anspielungen auf ein Leben, das untergegangen ist.

Raymond, Cottet, Leboeuf und Pipette

 Nebel am Montmartre kann seine Wurzeln im Roman noir nicht verleugnen. Allerdings ist er an vielen Stellen ironisch gebrochen und spielt versiert mit dem Etikett. Ein Raub geht gleich zu Anfang schief. Vier Ganoven stoßen bei ihrem Bruch auf eine Leiche und die verpestet die Luft, nachdem sie lange Zeit eingesperrt war. Pipette und sein Freund Leboeuf , einem Lumpensammler und Jahrmarktringer, ziehen das Pech förmlich an, so dass sie selber in Verdacht geraten und sich eingestehen müssen, dass ihnen wohl niemand Glauben schenken wird, wenn sie die Wahrheit sagen.

 Zumindest darf Pipette im Verlauf der Geschichte seinem Traum nachkommen, ein Poet zu sein, auch wenn sein Vortrag nicht gerade auf enthusiastische Zustimmung trifft, so dass er sich eingestehen muss, dass Breton wohl weniger an ihm als Künstler als an dem Unwirklichen, dem Traumhaften seines Lebens interessiert ist.

 Dass Pécherot dieses Leben einzufangen vermag, besitzt Spritzigkeit.

Nebel am Montmartre

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Letzte Kommentare:
28.03.2010 12:58:50
tassieteufel

Als der junge Pipette 1926 aus der südfranzösischen Provinz nach Paris kommt, muß er schnell feststellen, das Poesie eine brotlose Kunst ist u. muß sich mit diversen Gelegenheitsjobs durchs
Leben schlagen und hin und wieder zieht er mit 3 Kumpanen kleinere Gaunereien durch. Bei einem dieser Beutezüge finden sie in einem Tresor nicht die erhoften Wertsachen, sondern eine Leiche. Pipette kommt der Tote bekannt vor und schließlich identifiziert er ihn als den
Journalisten Rouleau doch während Pipette mit Hilfe seines Freundes Leboeuf versucht die Hintergründe des Mordes aufzudecken, beschließen die Beiden anderen aus dem Gaunerquartett, den Besitzer des Tresors zu erpressen und lösen damit eine rasante Entwicklung aus.
Obwohl das Buch nur knapp 190 Seiten hat, gelingt es dem Autor, eine wunderbare Atmosphäre aufzubauen, man taucht förmlich ein in das Paris der zwanziger Jahre, in schmutzige nebelver-
hangene Gassen, verräucherte Kneipen, heruntergekommene Elendsviertel und düstere Friedhöfe. Und auch die Figuren, die diese Szenerie bevölkern, sind mehr als gelungen, vom hübschen Dienstmädchen über den intriganten Großindustriellen bis hin zu Anarchisten, Arbeiterfunktionären, schmierigen Zeitungsherausgebern und allerlei Ganoven und Künstlervolk ist alles
vertreten, was zu einem klassischen Krimi gehört. Auch diverse real existierende Personen hat der Autor integriert, dafür gibt’s zum Glück ein Glossar, wo man genau nachlesen kann.
Von der ersten Seite an hat mich die Geschichte in ihren Bann gezogen und es fiel schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Der Krimiplot ist spannend und gut konstruiert, beim Lesen zieht man unweigerlich Parallelen zu Leo Malet und wer dessen Bücher mochte, für den wird auch Nebel am Montmarte ein Genuß sein!

Fazit: viel mehr als nur ein spannender Krimi, das Buch baut eine tolle Atmosphäre auf vor dem Hintergrund politischer Umwälzungen. Eine Portion Sozialkritik, wundervolle Figuren und ein leichter, sarkastischer Schreibstil runden das Ganze ab. Da möchte man einfach nur mehr davon!

16.03.2010 12:38:01
Stefan83

Bisher hat der Nautilus-Verlag ein Schattendasein, oder besser noch, keine Rolle in meinem Krimi-Regal gespielt. Das hat sich jetzt nun, vor allem dank Wolfgangs Franßens überzeugender und neugierig machender Rezension, auf einen Schlag geändert. Seine Ausführungen zu „Nebel am Montmartre“ von Patrick Pécherot, ließen mir schlicht keine andere Wahl, als mir das Buch sofort zuzulegen und, für mich ungewöhnlich, noch am gleichen Tag auf der Rückreise im Zug zu lesen. Und Franßen hat nicht zu viel versprochen. Vielmehr stapelt er noch zu tief, denn Pécherots erster Teil einer Trilogie über das „populäre“ Paris zwischen den Weltkriegen (dessen weitere Bände „Belleville-Barcelona“ und „Boulevard der Irren“ demnächst ebenfalls bei Nautilus erscheinen werden), bietet kurzweilige, aber sehr literarische Unterhaltung vom Allerfeinsten. Die Story sei kurz angerissen:

Paris im Jahre 1926. Nestor, wegen seiner unvermeidlichen Pfeife, die er überall mit sich herumträgt, auch „Pipette“ genannt, ist ein herumlungernder Möchtegern-Poet. Da ihm seine zweifelhafte Kunst nur wenig einbringt, hat er sich einer Gruppe von Illegalisten/Anarchisten angeschlossen, welche sich, ganz nach dem Vorbild von Jules Bonnot und seiner Bande, mit kleineren Raubzügen und Diebstählen über Wasser halten. Nur Menschen sollen bitte nicht zu Schaden kommen! Mangels irgendwelcher Talente ist allerdings auch dieses Geschäft nur wenig einträglich. Bis zu dem Tag, wo ihnen ein großer Coup gelingt. Gemeinsam bringen sie den Tresor eines abwesenden Grafen in ihren Besitz, dessen Größe die vier Schmalspurganoven vom großen Reichtum träumen lässt. Als sie ihn jedoch schließlich knacken können, weicht die Freude schnell der Ernüchterung und diese wiederum der Übelkeit. Statt Bargeld, Schecks oder Juwelen fällt ihnen eine bereits verwesende Leiche entgegen … und mit ihr beginnen die Probleme.

Pipette findet heraus, dass es sich bei dem Toten um den Journalisten Rouleau handelt, der sich vor allem mit der Erpressung von bekannten Persönlichkeiten seinen Lebensunterhalt verdient hat. Im Falle des Grafen scheint er damit einen Schritt zu weit gegangen zu sein. Gemeinsam mit Lebœf, einem stiernackigen Jahrmarktringer mit sinistrem Freundeskreis, stellt der junge Pipette nun auf eigene Faust Ermittlungen an, um das Rätsel der Leiche zu lösen und gleichzeitig den zwei verbliebenen Räubern, Raymond und Cottet, zuvorzukommen, welche ihrerseits nun den Graf erpressen wollen. Was jetzt folgt ist eine atemlose Jagd durch das nächtliche Paris der 20er Jahre, welche unter anderem neben einem hübschen Dienstmädchen auch die Wege des surrealistischen Dichters André Bretons kreuzt und die selbst ernannten Privatdetektive letztendlich bis in die Kreise der Großindustrie führt … und damit auch in allerhöchste Gefahr.

Patrick Péchertos Auftakt seiner Trilogie ist ein kriminalliterarischer Genuss, der von Seite eins, ja, der ersten Zeile an, in Bann zieht und mir ein Dauergrinsen ins Gesicht gezaubert hat. Mit einer beeindruckenden sprachlichen Leichtigkeit erweckt er eine vergangene Epoche zum Leben, ohne dafür zu viele Worte verlieren oder gar seine Geschichte in irgendeiner Art und Weise beschränken zu müssen. Der nebelverhangene Montmartre, die verrauchten Künstlerkneipen, das hell erleuchtete Vergnügungsviertel und die heruntergekommenen Elendsquartiere der ganz Armen. Pécherots Darstellungen sind trotz ihrer Beiläufigkeit von einer Intensität, die atemlos macht, zum Staunen verführt. Dabei bedient er sich einer ganzen Anzahl von Anspielungen, welche im Glossar zwar erläutert werden, in meinem Fall aber auch dazu geführt haben, Wikipedia näher zu durchforsten. Hier stieß ich auch zum ersten Mal auf den Namen Léo Malet, als dessen Hommage sich das Werk von Pécherot versteht. Wie Malet, der seine Geschichten mit Nestor Burma in den verschiedenen Arrondissements spielen ließ, wählt der französische Autor eine Zeit des gesellschaftlichen Umsturzes als Hintergrund der Handlung und bevölkert seine Welt mit den kleinen Helden des Alltags, welche in der Maschinerie der Großen um Geld, Essen und die Hoffnung nach einer besseren Zukunft kämpfen. Gewürdigt wurde dies 2002 mit dem „Grand Prix de Littérature Policière“.

Und „Nebel am Montmartre“ ist auch mehr als nur eine gelungene Zeitreise. Er funktioniert als historische Milieustudie genauso wie als Kriminalroman, der natürlich typisch französisch, sehr „noir“ daherkommt, mit schwarzem, trockenen Humor an keiner Stelle spart. Trotz gerade mal knapp 190 Seiten entwickelt das Buch eine erstaunliche Sogwirkung, was sowohl am verwinkelten, bis in höchste Kreise reichenden Plot, als auch an dem äußerst gelungenen Spagat zwischen Tempo und tiefgründiger Nachdenklichkeit liegt. Verfolgte man noch eben die atemlose Flucht Pipettes über die nassen Dächer von Paris, sieht man sich schon kurz darauf mit Bretons surrealistischen Ansichten konfrontiert. Das dieser schließlich sogar selbst in einer patronengeschwängerten Auseinandersetzung auf einem Friedhof zur Waffe greift, setzt dem Ganzen schließlich die Krone auf. Es sind diese glaubhaften, nachvollziehbaren Figuren, welche im Verbund mit ihrer Umgebung, den Charme ausmachen, und aus einem spielerisch literarischen Experiment einen spannenden, ernstzunehmenden und letztendlich auch ernüchternden Kriminalroman machen. Oder wie Breton im Buch meint: „Was für eine Geschichte! Als Poet sind Sie zwar ein Stümper, alter Knabe, aber langweilig wird einem in Ihrer Gesellschaft nicht.“

Insgesamt ist „Nebel am Montmartre“ für mich eine DER Entdeckungen des Jahres 2010, dessen Fortsetzungen unter höchster Garantie ihren Weg in meine Sammlung finden werden. Ein augenzwinkerndes, humoriges Leseerlebnis, das am Ende die bittere Realität über den Wunsch nach Gerechtigkeit siegen lässt und mich gerade deshalb so nachhaltig beeindruckt hat. Vielen Dank an den Nautilus Verlag für die Veröffentlichung und die gelungene Übersetzung. Man kann dem Roman nur möglichst viele Leser wünschen. Und so ganz nebenbei ist dank ihm auch Malets „Schwarze Trilogie“ gleich mit auf meinen Merkzettel gewandert.