Blutiges Erwachen

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Stuttgart: Tropen, 2010, Seiten: 355, Übersetzt: Jürgen Bürger & Peter Torberg
  • Bergisch Gladbach: Schall & Wahn, 2011, Seiten: 6, Übersetzt: Matthias Brandt

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Wolfgang Franßen
Sie sind in Afrika, Lady. Hier ist es gespenstisch

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Mär 2010

Wer glaubt, sich hinter der Schönheit verstecken, sich mit ihr eine sichere Zukunft aufbauen zu können, greift zu kurz. Als Roxy ihren Mann erschießt, sieht sie darin den einzigen Ausweg, um sich für all die Schmach zu rächen, die sie erlitten hat. Dass sie dabei dummerweise zwei Männer aus den Cape Flats als Täter angibt, bringt eine Lawine ins Rollen, die Schicksale miteinander verstrickt, deren Leben aufgehört hat zu pulsieren, die aus der Kälte, den Ruinen verflossener Zuversicht agieren. Niemand ist verschont geblieben, jeder trägt auf seine Weise Wunden zu Markte. Die nächste Generation wird im Schlepptau der Alten, mittels eines liebeskranken, integeren Polizisten bereits seelisch zugrunde gerichtet, indem ein Junge schreckliche Gräuel besichtigt, ein Vater seinen Sohn zum Unsichtbarsein verdammt.

Band Roger Smith im Kap der Finsternis seine Figuren in die Verzweiflung anderer ein, in deren Untergang und setzte sie nacheinander in ein Boot, das führerlos in einem Meer voller Gewalt trieb, hat er in seinem neuen Roman der Hölle einen Namen gegeben: Piper.

Eigentlich sitzt er im Gefängnis. Eigentlich will er dort gar nicht raus, doch hat er die abgrundtiefe Bereitschaft zur Gewalt längst zu seinem Lebenselixier erkoren. Seine Ziele setzt er rücksichtslos in Taten um. Wer seinen Weg kreuzt, wird gebrandmarkt. Sei es Disco, den er in seiner Zelle vergewaltigt und mit Tattoos der 28-Gang überzieht, sei es Billy Africa, der miterleben muss, wie Piper vor seinen Augen seinen Partner buchstäblich ausweidete. Der Schrecken zieht einen geschlossenen Kreis, in dem Gewalt neue Gewalt entfacht.

Die Hölle

Im Gegensatz zu Sartres "die Hölle sind die anderen", ist das Schicksal von Smiths Helden hausgemacht, einem Umfeld entsprungen, das aus Drogen, Hoffnungslosigkeit, Mord wie Erpressung besteht. Ein Sumpf, in dem jeder Schritt dazu führt, dass man tiefer einsinkt. Körperteile werden abgeschnitten, um das Muti zu stärken. Vom lebenden Menschen. Am besten von einer Blondine. Als Talisman, als Glücksbringer. Man muss halt nur ein solches Bein, ein solche Hand erwerben. Und die Presse schafft auf Seite Eins den richtigen Namen dafür: Barbiepuppenmorde.

Als durchschreite Roger Smith im Stile Dantes Göttlicher Komödie die einzelnen Kreise der Hölle- diesmal allerdings ohne Aussicht auf Läuterung - konfrontiert der Autor seine Leser mit dem Röcheln der Ausgebrannten. Wenn er Discos Überleben schildert, dessen Mutter ihn würgt und halbtot in einen schwarzen Müllsack auf einer Deponie entsorgt, weil ihr Liebhaber sie dazu aufgefordert hat, sich zwischen ihm und ihrem Sohn zu entscheiden, greift das blanke Entsetzen um sich. Denn Disco ist nicht tot, er schält sich aus seinem Plastiksarg hervor und kehrt zur Mutter zurück. Weil sie ihn doch liebt. Und beschwört eine weitere Katastrophe herauf.

Der Schrecken abseits jeglicher Tagesschautauglichkeit, abseits der Diskussionsrunden mit Experten findet bei Smith seine Daseinsberechtigung. Schwer gezeichnet, taumeln seine Helden durchs Leben und suchen erst gar nicht nach der Erlösung. Männer wie Billy Africa, die alles daran setzen, die Tochter des ermordeten Polizisten davor zu bewahren, dass sie von einer Gang als Vierzehnjährige vergewaltigt wird, sind süchtig nach Vergebung. Nur wer soll sie erteilen?

Darkies und Whiteys

Roger Smiths Südafrika bietet keinen Schutz. Die von der Apartheid befreite Bevölkerung beginnt sich selbst aufzusplittern, in dem sie die Feinheiten der schwarzen Hautfarbe klassifiziert:

 

Okay, es läuft folgendermaßen. Ich bin gemischt-rassig. Mit anderen Worten, ich bin farbig. Für mich ist das in Ordnung. Aber es ist ein Ausdruck, den die Leute nur ausgesprochen ungern benutzen. Es ist ihnen peinlich. Man hört heutzutage sagen: >sogenannte Farbige<. nach dem ende der apartheid wurde jeder nicht wei war schwarz genannt ganz offiziell auf formularen und dokumenten so weiter. nur jetzt hat sich alles ge man schwarze schwarzafrikaner. oder ethnisch schwarze. das macht einen gro unterschied wenn es um f antidiskriminierung geht.></.>

 

Roger Smith hat eine erschütternde, aufrüttelnde, an Spannung kaum zu überbietende Geschichte geschrieben, die so noir ist, dass selbst das Gute lediglich als Schatten seiner selbst durchschimmert.

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