Mappa Ordica

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Würzburg: Ballverlag, 2008, Seiten: 320, Originalsprache
  • Gera: Ballverlag, 2010, Seiten: 320, Originalsprache

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Jochen König
Mut zur Lücke: zwischen Unterwasserrugby und schnuckeligen Segeltörns sind wir euch auf den Versen

Buch-Rezension von Jochen König Feb 2010

Liebes Tagebuch,

 ich habe eine total aufregende Zeit hinter mir. Ich habe nicht nur Tauchen gelernt, sondern bin auch Mitglied einer Unterwasserrugby-Mannschaft geworden! Erst nur freizeitmäßig, aber dann ist ein Berliner Bundesligaverein auf mich aufmerksam geworden. Jetzt darf ich ganz oben mitspielen. "Tauchball". Diesen Begriff habe ich erfunden (denke ich), und das macht mich ganz stolz!

Was auch sehr schön ist: der Herr Fischer, dem ich einige Webcams auf seiner Werft installiert habe, hat mir ein Schiff überlassen, die "Bird of Prey". Ich habe es repariert, und jetzt mache ich mich auf große Fahrt, Vineta zu suchen. Das Atlantis der Ostsee. Meine Freunde Stinger und Flocke begleiten mich. Flosse leider nicht, weil der keine Zeit hat. Das ist alles so aufregend. Eine legendäre, versunkene Stadt zu suchen. Aber es gibt irgendjemand, der etwas gegen diese Suche hat! Da waren neulich zwei Froschmänner, die haben mich böse attackiert. Mit Waffen und so. Aber die wussten nicht, dass ich Unterwasserrugby spiele und asiatische Kampfsporttechniken beherrsche. Denen habe ich es aber gezeigt, vor allem dem einen, diesem französischen Long John Silver mit seiner Beinprothese! Und Flosse, der dabei war und Polizist ist, hat seine Kollegen alarmiert. Ein richtiges Großaufgebot, sage ich dir. Haben aber leider nichts gefunden. Ob das die gleichen Verbrecher waren, die den Vorbesitzer meiner Segelyacht mit einer Winschkurbel erschlagen haben? Mit einer WINSCHKURBEL, das muss man sich mal vorstellen. Egal, die können mich nicht aufhalten. Ich segle jetzt los und anstelle Flosses nehme ich Mira mit. Die hat zwar keine Ahnung vom Segeln, aber sie ist nett. Ich glaube, sie steht auf mich, obwohl sie irgendwie mit diesem doofen Sharki zusammen ist. Aber das finde ich noch genau raus, und dann wollen wir mal sehen, wen Mira lieber mag. Und jetzt: Leinen los, Vineta wir kommen!
Dein Léon!

PS.: Es funzt zwischen Mira und mir. Mira hat sich an mich geschmiegt. Ich bin glücklich. Und bald Deutscher Meister.

Das ist alles so spannend!

 Nein, ist es nicht. Zunächst dauert es fast 150 Seiten, bevor die seltsame Crew um den hyperaktiven Léon zu Pötte kommt. Davor hat man schon alles über Unterwasserrugby erfahren, was man nie zu fragen wagte; hat mehrfach mitbekommen, wie umständlich es ist, in einen Neoprenanzug zu steigen, weiß, das Tauchen anstrengend ist, und man ziemlich nach Luft schnappen muss, bevor man nach langen Tauchgängen wieder an Land geht. Den massenhaft gebrauchten Seglerjargon hat man ohne Blick ins Glossar gepflegt überlesen. So entgeht einem zwar die volle Dramatik, wenn sich z.B. nach unvorsichtigem Belegen ein Boot am Trampen aufhängt und durch das tonnenschwere Gewicht die Klampe aus dem Rumpf reißen könnte; aber der gesunde Nachtschlaf wird dadurch nicht beeinträchtigt.

Immerhin haben wir Menschen mit so ulkigen Spitznamen wie Flocke (nicht verwandt mit dem Nürnberger Eisbären), Flosse, Stinger, Krake, Foggi, Sharki, Deckel und Mani kennen gelernt. Herr Fischer ist allerdings kein solcher, sondern ein Bootsbauer. Warum auch nicht.

 Vineta, Vineta, du reiche Stadt, Vineta soll untergehn, weil sie viel Böses getan hat.

Mappa Ordica ist das unbedarfteste und gleichzeitig aufgeregteste Buch, das man sich nur vorstellen kann. Ungeschickt im Präsens verfasst, wirkt es noch atemloser, da alle Ereignisse nahezu unvermittelt auf Hauptfigur Léon einprasseln; sei es einfaches Verschlucken oder lebensbedrohliche Angriffe unter Wasser. Allerdings solche, die schon Porter Ricks, Bud, Sandy und Flipper vor 50 Jahren mit wenig Aufwand abwehren konnten. Obwohl die zweiköpfige Mörderbande es in sich hat, und sogar die Literaturmafia (unter strengem Genitiv-Verzicht) hilft:

 

Dann sind sie euch auf den Versen[!]. Der eine ist Belgier und gegen ihn wurde schon zweimal wegen Totschlag ermittelt. Der andere kommt aus Frankreich und hat schon senkrechtes Eisen vor seinen Fenstern genossen.

 

 Toni Glenn findet seine Sportart "Tauchball" ganz toll, ebenso segeln und natürlich schlichtes Tauchen ohne Ball. Er ist beflissen, dies der ganzen Welt – zumindest einer Handvoll Lesern – begeistert mitzuteilen. So wimmelt es von unnützen Schilderungen und Erklärungen, beginnend beim unbeholfenen in Worte kleiden von Gesten, Gesichtsausdrücken und Handhabungen - ein Blick durchbohrt nicht nur, sondern gleich wie ein Pfeil den Schädel. Danke, da wäre der Leser so schnell nicht drauf gekommen – und endet bei einer Unzahl nautischer Fachbegriffe. Über die ein Glossar freundlich aufklärt, und gleich um eine kleine Computerkunde ergänzt – oder befindet sich das "WLAN" direkt unter dem "Genoasegel"?

Kurzum: Mappa Ordica ist ein sprachliches und erzählerisches Debakel erster Kajüte. Dem Buch, Roman zu sagen fällt gar schwer, steht, so seltsam es klingen mag, sein Enthusiasmus im Weg. Toni Glenn, bzw. Held Léon, ist so illuminiert von sich und seiner kleinen Welt, dass er dem erstaunten Leser jede Bagatelle mit Verve injizieren möchte. Doch jemand, der diese Begeisterung nicht teilt, wird Motive, Spannung, Emotionen und eine Handlung, die mehr bietet als Plattitüden und den kartographierten Trip einer postpubertären Rasselbande zum nahe gelegenen Baggersee, vermissen.

 Oder anders gesagt: Mappa Ordica ist ein ganz tolles Buch für (angehende) Unterwasserrugby-Spieler, für Taucher, denen Sauerstoffmangel ein halluzinierendes Hoch beschert, sowie für Segler, die nicht ohne ein gepflegtes "Schot- und Mastbruch" ins heimische Bett gehen und von aufregenden Fahrten zu sagenhaften Stätten träumen. Alle anderen sollten nur zugreifen, wenn sie überzeugt sind, dass Literatur jedes sprachliche und inhaltliche Hyperventilieren irgendwie heil übersteht.

Als halbwegs lesbarer Kriminalroman ist Mappa Ordica voll mit dem Fender am Dalben hängen geblieben.

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