Abt Jerusalem und die Hohe Schule des Todes

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Leer: Leda, 2009, Seiten: 240, Originalsprache

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Thorsten Sauer
Historischer Lokalkrimi oder kriminologischer Historienroman?

Buch-Rezension von Thorsten Sauer Feb 2010

Die Technische Universität Braunschweig hat – vielleicht etwas unerwartet für eine Technische Hochschule – bis ins Jahre 1745 zurückreichende Wurzeln. Aus dem ehrwürdigen Collegium Carolinum, so etwas wie ein humanistisches Gymnasium, entwickelte sich im Laufe von 250 Jahren mit der TU Braunschweig eine der renommierten Adressen in Deutschland für angehende Ingenieure. Isa Schikorsky stellt diesem realen Hintergrund eine fiktive Mordserie an die Seite und schafft sich damit den Plot für einen historischen Lokalkrimi oder einen kriminologischen Historienroman, je nachdem. Egal zu welchem Genre man eher tendiert, in beiden Fällen ist die Lektüre unterhaltsam.

Gespenstischer Mörder

Abt Jerusalem, seines Zeichens Direktor am Collegium Carolinum, der Hohen Schule des Herzogtums, hat eigentlich schon genug Probleme. Seine Schule hat sich immer noch nicht gegen die klassischen Bildungseinrichtungen etablieren können und der Abt befürchtet einen Schwund der adeligen Studenten. Angesichts der alltäglichen Probleme seines Geschäfts kommt ihm eine toter Hauswärter gar nicht recht, insbesondere da ein aus der Brust des Toten ragendes Messer allzu deutlich den Schluss aufdrängt, dass der Tod beileibe kein natürlicher war.

Das sofort von einigen Studenten gestreute Gerücht, der Hauswärter sei von dem seit Jahren im Gemäuer des Collegium Carolinum spukenden Gespenst ermordet worden, macht die Situation nicht besser, also setzt der streitbare Abt alles daran, den vermeintlichen Mord zu vertuschen, um größeren Schaden von der Schule und seiner persönlichen Karriere abzuwenden. Das gelingt – fast. Doch als ein weiterer Toter auftaucht und Augenzeugen das Gespenst wieder beobachtet haben wollen, stellt der Collegiums-Student Fritz Bosse eigene Nachforschungen an und macht einige überraschende Entdeckungen, die die Stadtmauern Braunschweigs erschüttern.

Lebendiges 18. Jahrhundert

"Braunschweigkrimi" prangt unter dem etwas skurril anmutenden Titel. Das stimmt, wenn auch erst auf den zweiten Blick. Ebenso richtig wäre "historischer Krimi". In Wahrheit bedient sich Schikorsky eines Kunstgriffes, der beispielsweise auch Schätzing mit Tod und Teufel gelang. Sie katapultiert den Lokalkrimi sozusagen ins 18. Jahrhundert. Was für Schätzing und Köln der Dom ist, findet Schikorsky in der Technische Universität Braunschweig: Mittelpunkt und Ausgang einer fesselnden Kriminalgeschichte, die trotz des zeitlichen Zurückversetzens spürbar den Flair der jeweiligen Stadt atmet.

Der Kölner Dom hat dabei nur auf den ersten flüchtigen Blick mehr zu bieten als die TU Braunschweig, denn was Schikorsky um den authentischen Hintergrund des Collegium Carolinum und der realen Figur des Abts erfindet, ist eine reinrassige Kriminalgeschichte. Neben des feinen Schreibstils lebt die Geschichte vor allem von den Figuren. Es macht Spaß, den Abt und seine Kollegen Professoren bei den verzweifelten Versuchen zu beobachten, den Mordfall zu vertuschen oder für die eigenen Karriereziele zu nutzen. Dazwischen kann der Leser mit dem aus einfachen Verhältnissen stammenden Studenten Fritz Bosse fiebern, der, um nicht in die Mühlen des Machtspiels zu geraten, verzweifelt versucht, möglichst diskret den verzwickten Fall zu lösen.

Isa Schikorsky macht aus diesem Plot ein spannendes kleines Buch, das beste Unterhaltung bietet, wohl auch deshalb, weil sie nicht der Versuchung erliegt, die feine Geschichte zu einem mehrere hundert Seiten umfassenden Werk aufzublasen. Auf rund 230 Seiten ist der Kriminalfall ohne nennenswerte Längen in einer lebendigen Sprache erzählt und gelöst.

Abt Jerusalem und die Hohe Schule des Todes bietet gute Unterhaltung und eine erfrischende Interpretation des arg strapazierten Subgenres "Lokalkrimi".

Abt Jerusalem und die Hohe Schule des Todes

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