Das Clean Team

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • München: Heyne, 2009, Seiten: 493, Übersetzt: Alexander Wagner

Couch-Wertung:

87°
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Jochen König
Nachtschwarze Screwball-Comedy

Buch-Rezension von Jochen König Jan 2010

Webster Fillmore Goodhue, genannt "Web", ist ein ehemaliger Grundschullehrer, der nach einem traumatischen Erlebnis den Schuldienst quittiert hat und jetzt im Tätowier- und Piercing-Studio seines alten Freundes Chev rumhängt. Wenn er nicht gerade schläft, oder seinen Mitmenschen mit sarkastischen Bemerkungen auf den Keks geht.

Ein kaputtes Handy führt dazu, dass er einen Job annimmt. Im "Clean Team" des rührigen Po Sin, das darauf spezialisiert ist, Tatorte oder Messie-Wohnungen nach Todesfällen von allen Hinterlassenschaften der Verblichenen zu reinigen.

Wider Erwarten bleibt es nicht bei einer Schicht, Web tritt auch am zweiten Tag seinen Dienst an. Und gelangt so an den Schauplatz eines äußerst unappetitlichen Selbstmordes. Doch statt nur Blut und Gehäckseltes zu entfernen, lernt Web Soledad, die reizende Tochter des Selbstmörders, kennen. "Hell of a woman" kannte schon Jim Thompson und folgerichtig steckt Web schneller im tiefen Dreck, als er ihn wegschippen kann.

Doch nicht nur Soledad und ihr durchgeknallter, leicht debiler Halbbruder Jaime machen ihm das Leben schwer, auch die ominöse Genossenschaft der Tatortreiniger kommt Po Sin und ihm in die Quere. Umso mehr, da Po Sins tumber Neffe Ding-Bum die Seiten wechselt, nachdem sein Onkel ihn zugunsten Webs rausgeschmissen hat. Weitere Schatten auf Webs Gemüt sind seine Angst vor Busfahrten, sein misantropischer, zynischer Daddy und ein mordlüsterner Cowboy, der ihn für Jaimes Fehler verantwortlich macht. Web hat also alle Hände voll zu tun, um sämtlichen Übergriffen mit heiler Haut und genesender Psyche zu entkommen.
Heil bleibt die Haut beileibe nicht, aber die Psyche hat eine Chance... und Web außerdem ein paar tatkräftige Freunde.

 Der Klappentext vergleicht Charlie Hustons Protagonist mit Joel und Ethan Coens Filmfigur "Big Lebowski" und hat damit nicht ganz Unrecht; liegt gleichzeitig aber weit daneben. Wo der "Dude" ein in sich ruhender Charakter war, ist Web eine traumatisierte, getriebene Seele, der den Schmerz, den ihm die Welt zugefügt hat, mit permanenten Sticheleien zurückzahlt. Ganz egal, wen er damit verletzt. Freunde, Feinde, Hinterbliebene oder sich selbst.

Ähnlich ist er Lebowski in seinem Stoizismus und seiner Hartnäckigkeit, die ihn spöttelnd auch nach dem x-ten Niederschlag wieder aufstehen lässt.

 Wichtiger jedoch ist, dass Das Clean Team ein Entwicklungsroman ist, in dem der Protagonist zurück ins Leben findet, ein Leben, in dem Kommunikation mehr ist, als sich schlagfertig Zynismen zuzuraunen. Dass dabei keine wehleidige Selbstfindungsposse herauskommt, ist Charlie Hustons Talent hoch anzurechnen. Huston versteht es, die Handlung fast ausschließlich durch seine geschliffenen, derben und gelegentlich ausufernden Mono- und Dialoge voran zu treiben. Der erzählende Text ist unterstützendes Beiwerk, knapp und klar formuliert.

So direkt und ausschweifend mitunter geredet wird, überlässt Huston viel der Phantasie seiner Leser, lässt Raum, die Geschichten, die er preisgibt, selbst zusammen zu setzen.

Dabei ist er gerade, was die Reinigungsarbeit angeht, besonders zu Beginn, sehr detailfreudig. Nichts für schwache Mägen.

 Das Clean Team ist eine schwarzhumorige Screwball-Comedy, die mit viel bösem Witz und überzeugenden Figuren Genre-Klassikern des Noir folgt (Loser verliebt sich in Femme Fatale, gerät in dicke Schwierigkeiten und gräbt sich unter Verlusten und schmerzhaften Erkenntnissen wieder ans Tageslicht – falls er überlebt), diese aber derart hoffnungsvoll interpretiert, dass etwas Eigenständiges dabei heraus kommt. Leider hat man sich nicht getraut, den vieldeutigen und auf die tiefere Intention des Romans verweisenden Originaltitel zu übertragen. So wird aus dem poetischen The Mystic Arts of Erasing All Signs of Death ein flaches, denglisches Das Clean Team.

Huston feiert so eine Art sarkastischen Sieg des positiven Denkens und liefert gleichzeitig ein optimistisches Spiegelbild seiner eigenen Hank Thompson-Trilogie: Wer seinen Freunden und Geliebten eine (oder mehrere Chancen) gibt, hat am Ende die Aussicht auf ein wenig Ruhe und etwas mehr Zufriedenheit. Und wenn als (Über)Lebenshilfe das Beseitigen von blutigen Spuren hilft.

Oder wie Po Sin gerne und vielfach zu sagen pflegt: "Fickende Hölle". Die diesmal nicht den Sieg davon trägt.

PS.: Irgendjemand sollte endlich Stephen King vom Lobhudeln abhalten. Entweder wird sein Name für den letzten Mist verheizt, oder er muss wie im vorliegenden Fall unsäglichen Stuss von sich geben. Denn mit "Beavis & Butthead" hat Web rein gar nichts gemein!

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