Letzte Schicht

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Paris: Rivages, 2006, Titel: 'Lorraine connection ', Seiten: 194, Originalsprache
  • Hamburg: Argument, 2010, Seiten: 252, Übersetzt: Andrea Stephani

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88°
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Jochen König
Auf den Punkt erzähltes Konglomerat aus Dichtung und Dokumentation

Buch-Rezension von Jochen König Jan 2010

Eine Firma in Pondange, Lothringen, die Bildröhren herstellt. Viele unterbezahlte Hilfskräfte an schlecht gesicherten Bändern. Unfälle sind vorprogrammiert. Erst wird ein koreanischer Ingenieur durch Rotorblätter geköpft, dann erleidet eine junge Arbeiterin aufgrund eines Stromschlags eine Fehlgeburt. Die couragierte Rolande Lepetit, die sich vehement für das Unfallopfer einsetzt, wird entlassen. Die Arbeiter mucken auf, der Betriebsrat muss Position beziehen: es kommt zum Streik. In dessen chaotischem Verlauf allerdings keine neuen Arbeitsbedingungen geschaffen werden, sondern die Situation sich grundlegend verändert. Ein paar computerbewanderte Arbeiter entdecken eher zufällig den wahren Zweck der kleinstädtischen Firma, die vom Großkonzern Matra-Daewoo geleitet wird: das Verschieben von Geldern und Subventionsbetrug.

Doch bevor sich irgendwelche Erkenntnisse ihren Weg nach außen bahnen können, wird die Fabrik abgefackelt. Die Computer verbrennen mit. Mögliche Zeugen der Brandstiftung haben tödliche Unfälle, und da die Polizei ganz im Sinne der Chefetage handelt, könnte die riesengroße, betrügerische Luftblase zerplatzen, ohne dass sie Spuren hinterließe.

Dummerweise konkurrieren derweil in Paris die Firmen Alcatel und Matra-Daewoo um die Übernahme des Unterhaltungselektronik- und Rüstungsindustrieriesen Thomson. Sieht es zunächst danach aus als hätte Matra die Ausschreibung gewonnen, beginnt Alcatel schmutzige Wäsche zu suchen, zu finden und zu waschen. Dazu engagiert man den ehemaligen Polizisten und jetzigen Versicherungsdetektiv Carlos Montoya. Er soll im scheinbar beschaulichen Pondange nach einem verwertbaren Skandal suchen. Dass er diesen findet und im Sinne seiner Arbeitgeber aufdeckt, dürfte keine großartige Überraschung sein.

Wenn im Klappentext zu lesen ist, dass Dominque Manottis Bezugspunkte "James Ellroy, die neuzeitliche Wirtschaftsgeschichte und die 68er Bewegung" sind, kommt Freude auf. Alleine "James Ellroy" in einem Satz mit den 68ern genannt zu sehen, ist die Lektüre wert. "I’m a real conservative", beschwört der amerikanische Autor oft und gerne. Davon ist Manotti weit entfernt. Ganz im Gegenteil, die ersten 80 Seiten der "letzten Schicht" lesen sich wie ein antikapitalistisches Manifest. Formal rücken Ellroy und seine französische Kollegin dann doch zusammen: es gibt keine Fokussierung auf wenige Einzelpersonen, Manotti fährt ein ganzes Arsenal an Figuren auf, dass sie knapp, aber präzise charakterisiert. Kein Wort zu viel. Kurze Sätze mit der Wucht eines Vorschlaghammers auf’s Papier geschlagen. Ihr gelingt dabei das Kunststück, selbst Personen, die nur Kurzauftritte haben, ein Gesicht zu verleihen. Leider verliert sie manchen Handlungsträger auch aus den Augen – wie den rührigen Nourredine, der eher aus Zufall zum Streikführer wird, dann zum Sündenbock abgestempelt werden soll, um sich noch vor der Mitte des Romans quasi in Luft aufzulösen. Ein bisschen Verlust ist immer. Wie im richtigen Leben, da verliert man auch schon mal wichtige Menschen aus den Augen, obwohl man sich eigentlich, ganz sicher melden wollte...

Nourredine war auch nur ein winziges Steinchen in einem riesigen Mosaik, das kapitalistische Wirtschaftspraxis heißt. Es wäre leicht ihn zu retten, doch er spielt in dem rotierenden Machtgefüge einfach keine Rolle. Dabei hat er noch das Glück (vermutlich) zu überleben. Für manch anderen, der das Pech hatte zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein und zu viel gesehen, bzw. gehört hat, sieht es wesentlich düsterer aus. Denn im Verbund mit der Firmenleitung lässt der windige Besitzer einer Sicherheitsfirma eine Gruppe skrupelloser Söldner agieren.

Letzte Schicht handelt vom Überleben in einer Welt ohne Mitleid. Geschäftsinteressen regieren, und selbst der Privatermittler Carlos Montoya steht nur vom äußeren Gestus in klassischer Hard-boiled-Tradition. Tatsächlich ist er nicht mehr als der willfährige Handlanger eines großen Konzerns mit Besitzansprüchen. Seine Melancholie, seine Sehnsucht nach Nähe, die Heimkehr in die verhasste Gegend seiner Kindheit, kapselt er sauber ins Private ab; als Ermittler folgt er stoisch den Spuren eines groß angelegten Betrugs, während dessen Abwicklung Menschenleben und –schicksale keine Rolle spielen. Er liefert seinem Arbeitgeber Alcatel genau jene Ergebnisse, die die Firma braucht, um Matra-Daewoo ein Bein zu stellen. Montoya selbst geht dabei zu nachlässig mit bedrohten Zeugen um und wird so ein Mitschuldiger. Dass die Verantwortlichen von Alcatel keinen Deut besser sind als ihre Konkurrenz, auch daran bestehen keine Zweifel.

Man mag Dominque Manotti vorwerfen, dass sie ihre Geschichte(n) etwas zu plakativ erzählt, aber ist das nicht genau einer der Vorzüge, die das Genre Kriminalroman bietet? Zu bündeln, spannend auf die Spitze zu treiben, was die Realität vorgibt. Und Manotti hat keine Scheu Ross und Reiter bei den real existierenden Namen zu nennen. Einen Link zur wahren "Affäre der Thomson-Privatisierung" gibt es bereits im Innern des Buchdeckels. Und das ist das wahrhaft Erschreckende an dem Roman, der auf seinen 250 Seiten einen scharfsichtig entworfenen Mikrokosmos entstehen lässt: genauso könnte es zugegangen sein. Nicht viel Raum für Farbe, aber für ein Schwarzweiß, das viele Grautöne zulässt.

Nicht nur das; abseits vom Dokumentarischen gelingt ein versöhnlicher Coup. Rolande Lepetit, die Frau, mit deren Entlassung der Streik seinen Anfang nahm, lernt schnell dazu und lässt das verbrecherische System für sich arbeiten. Mit einem Augenzwinkern ringt die literarische Fiktion am Ende der bedrückenden Realität wenigstens einen kleinen Sieg ab.

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