Hetzjagd am Grünen See

  • Conte
  • Erschienen: Januar 2009
  • Saarbrücken: Conte, 2009, Seiten: 295, Originalsprache
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Thorsten Sauer
71°

Krimi-Couch Rezension vonJan 2010

Solider Saarlandkrimi

Eine geköpfte Leiche auf dem Limberg, kürzer kann man den neuen Krimi von Elke Schwab nicht zusammen fassen und gleichzeitig charakterisieren: eine bizarre Kriminalgeschichte, die in der beschaulichen Landschaft des Saarlandes angesiedelt ist. Mord und detaillierte Ortsangaben in der Provinz, unverkennbar die beiden Hauptzutaten eines Regionalkrimis und damit die ständig wiederkehrende Frage: Was hat der Roman neben Lokalkolorit noch zu bieten?

Tote im Forstrevier

Ausgerechnet wenige Tage vor der für Revierförster Steiner so wichtigen Treibjagd, liegt eine enthauptete Leiche mitten im Forstrevier. Das bringt nicht nur seine Vorbereitungen für das Ereignis durcheinander, sondern schleudert ihn auch zurück in seine Vergangenheit. Der ehemalige Leiter eines Sondereinsatzkommandos trat den Job als Revierförster an, um über seinen letzten, gründlich misslungenen Einsatz hinweg zu kommen oder – besser gesagt – um ihn zu verdrängen. Doch der so bizarr zugerichtete Tote war ein wichtiger Zeuge im damaligen Fall. Das katapultiert Steiner nicht nur auf Platz eins der Verdächtigenliste von Hauptkommissar Schnur, sondern stürzt ihn auch persönlich in ein Wechselbad der Gefühle. Er muss – als Zugezogener – die Vorbehalte der Dorfbewohner überwinden, indem er eine tadellose Treibjagd organisiert, gegen Wilderer ankämpfen, die hinterhältige Wildfallen aufstellen um seinen Ruf zu beschädigen, und natürlich gegen den Mordverdacht ankämpfen.

Gut recherchierter Lokalkolorit

Elke Schwab hat einen Saarlandkrimi geschrieben, genauer ist es sogar ein Wallerfangen-Krimi. Beinahe in jedem Satz ist die Ortskenntnis der Autorin und ihre Liebe zur Region um den Oberlimberg zu spüren. Nahezu alle Akteure des Plots entstammen der direkten Umgebung oder haben zumindest enge Beziehungen zur Region. Das schafft neben der – für einen Regionalkrimi – unverzichtbaren Portion Lokalkolorit auch eine Art "Locked-Room"-Situation, aus der der Roman einen beträchtlichen Teil der Spannung bezieht. Der Mörder muss aus dem persönlichen Umfeld von Hauptkommissar Schnur kommen und der Ermittler ist dadurch gezwungen im ehemaligen Freundeskreis und damit auch ein Stück weit in der eigenen Vergangenheit zu ermitteln.

Die Geschichte wirkt aber gerade durch die Begrenztheit der saarländischen Provinz ein wenig konstruiert. Im beschaulichen Wallerfangen kennt man sich nicht nur, es hat auch so ziemlich jede mit jedem ein Verhältnis, so dass es von enttäuschten Liebhabern, gehörnten Ehemännern und Stiefsöhnen geradezu wimmelt. Elke Schwab präsentiert dadurch einen ganzen Blumenstrauß möglicher Täter, wobei nicht alle Verbindungen zwingend logisch und nachvollziehbar sind, so dass der geneigte Leser zwar mitunter den Überblick verliert, trotzdem aber schnell auf den wahren Täter stößt, freilich ohne die Hintergründe für die Tat zu kennen, denn die enthüllt die Autorin erst ganz zum Schluss.

Der Roman lebt aber vor allem durch den Lokalkolorit und die schrulligen Figuren. Letztere sind etwas eindimensional beschrieben und haften eng an der von der Autorin zugedachten Rolle: Versoffene, gescheiterte Existenzen, die sich aufgrund in der Vergangenheit gezeigter Gewaltbereitschaft einfach als mögliche Täter aufdrängen.

Dass sie es besser kann, deutet sich vor allem in einer Nebenfigur, dem am Down-Syndrom leidenden Micky, an. Phasenweise aus seiner Perspektive erzählt, bietet er einen interessanten Kontrast zu den sonst eher funktionalen Figuren, zu denen auch die Hauptfigur, der Revierförster Steiner, gehört. Elke Schwab hat spürbar Mühe, ihn facettenreich und lebendig, dabei aber auch authentisch und sympathisch erscheinen zu lassen. Er ist ein Macho gegenüber Frauen, sehr sensibel im Umgang mit seinem Hund und hat Brüche in seinem Lebenslauf. Eigentlich beste Voraussetzungen für eine interessante, vielschichtige Figur, jedoch machen sich gerade hier einige erzählerische Schwächen negativ bemerkbar: Alles ist ein wenig überzeichnet: seine Versagensängste als Revierförster, seine fast kindliche Leibe zu Moritz, seinem Hund, und sein hormongesteuertes Gehabe gegenüber der Assistentin von Kommissar Schnur. Und über allem schwebt der dunkle Vorfall aus der Vergangenheit, der jedoch nie eine echte Bindung zur Geschichte erfährt, sondern nur als Quell möglicher Verdächtiger und Erklärungsversuch für Steiners Fehlverhalten herhalten muss. Die erzählerische Schwäche setzt sich bei den Dialogen fort, die holprig wirken. Als kleines Beispiel mag dienen, dass die Autorin offensichtlich das Wörtchen "kontern" in Dialogen liebt. Dauernd wird "gekontert", wo man auch einfach "antworten", "erwidern" oder die Antwort als solches stehen lassen könnte. Allzu oft verwendet, suggeriert es nur eine Schlagfertigkeit, wo keine ist.

Den erzählerischen und sprachlichen Schwächen stehen jedoch die großen Stärken von Elke Schwab gegenüber und sorgen dafür, dass der Roman als Regionalkrimi funktioniert. Sie verfügt über profunde Ortskenntnis und die Fähigkeit, die malerische Landschaft um den Limberg lebendig werden zu lassen. Man spürt, dass sie intensiv vor Ort recherchiert hat und dass ihr die Welt der Jäger und Förster nicht fremd ist. Wer die Region kennt, wird sie in den Worten der Autorin wiedererkennen und wer die Hügel um Wallerfangen nicht kennt, kann sie sich vorstellen.

Damit ist der Roman eine Empfehlung für jene Leser, die ein Faible für Regionalkrimis und - im Idealfall – eine Beziehung zum Saarland haben. Darüber hinaus bietet der Roman zwar eine lebendige Erzählwelt und einen recht interessant konstruierten Kriminalfall, er leidet jedoch ein wenig an den erwähnten Schwächen.

Hetzjagd am Grünen See

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