Spür die Angst

Spür die Angst
Spür die Angst

Erschienen: Januar 2009

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Wahlström & Widstrand, 2006, Titel: 'Snabba cash: hatet, drivet, jakten', Seiten: 474, Originalsprache
  • Köln: Random House Audio, 2009, Seiten: 5, Übersetzt: Matthias Brandt, Bemerkung: gekürzt

Couch-Wertung:

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Jochen König
Notizen aus der kriminellen Provinz - großspurig: Stockholm Crime

Buch-Rezension von Jochen König Dez 2009

Der etwas andere Krimi aus Schweden. Viele kurze Sätze, kein schwermütiger Kommissar, geschweige denn ein ganzes Team, das sich mit der Tiefenpsychologie des Verbrechens auseinandersetzen muss.   Stattdessen drei Hauptfiguren in (beinahe) unabhängigen Erzählsträngen, die sich unweigerlich aufeinander zu bewegen. Zum einen ist da der Chilene Jorge Salinas Barrio, der als Sündenbock eines serbischen Gangstersyndikats im Knast sitzt, einen Ausbruch wagt und unweigerlich den "Jugos" in die Quere kommt. Dann lernen wir den Studenten Johan Westlund, genannt "JW", kennen. JW aus eher kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend, hat einen ungesunden und seine materiellen Verhältnisse übersteigenden Hang zu den Schönen und Reichen. Um an deren Luxusspielchen teilhaben zu können, fährt er zuerst schwarz Taxi und versucht sich anschließend als Drogendealer. Erfolgsorientiert und sehr begabt, erklimmt er die kriminelle Karriereleiter. Was niemand weiß: es existiert ein tiefer reichender Grund, sich in den Kreisen der Stockholmer Oberklasse umzutreiben. Seine Schwester Camilla verschwand vor vier Jahren spurlos. Einer der letzten Hinweise auf ihre Existenz in Stockholm führt zu einem mysteriösen, reichen Freund, der einen gelben Ferrari fährt.

Der dritte Protagonist ist der serbische Bodybuilder und Gangster Mrado. Gleichzeitig liebender Vater, der in einen Sorgerechtsstreit um seine Tochter Lovisa verwickelt ist, und brutaler Handlanger des einflussreichen Radovan Kranjic, der sein Syndikat mit fester Hand leitet. Mrado ist zwar Mitglied der Führungsebene und damit beschäftigt die gesamte Unterwelt Stockholms, von den jeweiligen nationalen Gruppen und Gesinnungen bis zu verfeindeten Motorradgangs, neu zu organisieren und aufzubauen. Doch gleichzeitig ist er von Umsturzgedanken besessen, hält er doch nicht viel von seinem Boss Rado. Was diesem nicht entgangen ist...

Ob all diese Verstrickungen, Wirrnisse und persönlichen Missionen letztlich zum Verhängnis oder zur Befreiung für die Beteiligten ausarten, schlüsselt Autor Jens Lapidus auf 574 Seiten akribisch auf. So knapp, klar und gehetzt seine Sätze, die gesamte formale Konstruktion auch wirken mag, letztlich nimmt er sich viel Zeit für seine Hauptfiguren, was für gelegentliche Redundanzen sorgt.

Die Polizei kommt nur am Rande vor, sichtbar lediglich in Protokollen einer großangelegten Aktion gegen das organisierte Verbrechen, dem ein oder anderen Einsatz, und einem als verdeckten Ermittler arbeitenden Polizisten. Der wird allerdings mit wenigen Kurzauftritten abgespeist und spielt ansonsten nur in Erwähnungen anderer Figuren, bzw. den Protokollen eine Rolle.

Schreibende Anwälte haben im Moment anscheinend Konjunktur. Doch während der deutsche Ferdinand von Schirach mit seinen Verbrechen kurze Skizzen veröffentlicht, die auf Fällen beruhen, die er selbst bearbeitet hat; versucht sich der Schwede Jens Lapidus an weit Größerem. Spür die Angst gibt sich als Porträt einer Gesellschaft, die vom Verbrechen unterminiert ist. Zwar gibt es kleine, unberechenbare Stolpersteine und einen Apparat, der mehr mit großen Worten als Taten glänzt, doch selbst wenn einzelne Figuren innerhalb des organisierten, kriminellen Systems fallen, ändert sich an den komplexen Strukturen wenig. 

Obwohl die Geschichte(n) offensichtlich in Stockholm und Umgebung spielt, unterbrochen von einem kleinen Ausflug ins große Britannien, gibt sich Lapidus als global player. Seine Protagonisten unterschiedlicher Herkunft könnten sich gerade so, in jeder Metropole des Verbrechens zwischen Miami und Kaliningrad, wiederfinden. Ähnlich verhält es sich mit der zeitlichen Einordnung. Der in Nebensätzen angesprochene Konflikt zwischen Bandidos und Hells Angels verweist tatsächlich mitten in die Gegenwart; aber JW und seine Kumpels scheinen unbehelligt einem Roman des literarischen Brat Packs Ende der 80er, Anfang der 90er entschlüpft. Ob Jay McInerney, oder vor allem Bret Easton Ellis mit seinem American Psycho, dessen konsequente, wenn auch schwer verdauliche Lesart einer korrumpierten und nichtigen Wunderwarenwelt immer wieder durchschimmert, erreicht wird das Gardemaß nicht. So bleibt JW der nette Junge von nebenan, mit überzogenen Ansprüchen und einem Auftrag. Seine Sehnsucht nach dem oberflächlichen Habitus seiner hohlen Freunde wirkt nicht besonders schlüssig. Für den Roman spricht, dass diese Ambivalenz alle Hauptfiguren auszeichnet. Am ehesten bricht noch der Sympathieträger Jorge mit diesem Duktus, ist er derjenige, der die Handlung aktiv vorantreibt.

JW und Mrado sind aus unterschiedlichen Gründen gefangen in der Systematik des Verbrechens. Während JW mit einer Mischung aus Geldgeilheit und Neugierde agiert, ist Mrado Produkt seiner gewalthaltigen Vergangenheit. Aufgewachsen in der Illusion eines vereinten Jugoslawien, wird er nach Titos Tod wie selbstverständlich zum serbischen "Freiheitskämpfer". Von den im Krieg begangenen Gräueltaten bis zum Abschlachten unwilliger Prostituierter ist es nur ein kleiner Schritt.

Das mag für den ein oder anderen erschreckend sein, wirklich bewegend sind die Erkenntnisse, die Lapidus aus den Biographien seines sinistren Trios zieht, nicht.

James Ellroy als Zitatspender – und augenscheinlich großes Vorbild - zu nehmen, ist kein kluger Schachzug; führt es doch unweigerlich zu Fußspuren, die einige Nummern zu groß sind. Denn Spür die Angst ist keine Historienschreibung aus den Kampfgräben des Verbrechens, sondern entwirft ausführliche biographische Notizen aus der kriminellen Provinz. Scarface und Kollegen en miniature. Gelegentliche Brutalitäten sind zwar enthalten, aber alles ist etwas flacher, kleiner und behaglicher; Party im Königshaus mit eingeschlossen. In Europa ticken die Uhren halt langsamer als in den USA, und da dürfen Racheengel wie JW auch mal phlegmatisch reagieren und in vollem Gottvertrauen auf die Polizei warten – bis gar nichts geschieht.

So gelingt Lapidus das Kunststück, als weltläufiger Geschichtsschreiber zu scheitern, und dennoch im mörderischen Herzen Schwedens einen ausbaufähigen Platz zu finden. 

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