Der Augensammler

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Köln: Lübbe Audio, 2010, Seiten: 4, Übersetzt: Simon Jäger

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Jürgen Priester
Praline oder Schokoriegel?

Buch-Rezension von Jürgen Priester Dez 2009

An einer anderen Stelle zu einem anderen Buch hat sich einmal ein Leser in seinem Kommentar darüber beschwert, dass die Einschätzung des Buches durch den Rezensenten eklatant von der vorherrschenden Bewertung durch die Leser abweiche, dass der Rezensent es an der nötigen Objektivität habe fehlen lassen. Eine Meinungsverschiedenheit, die uns des öfteren begegnet. Um dem in gewisser Weise Rechnung zutragen, sei der dann folgenden Rezension ein Zitat einer begeisterten Leserin vorangestellt:

"Nach dem ich diesen wirklich guten Thriller beendet hatte, musste ich das Buch erst einmal auf die Seite legen und ausatmen. Dieses Buch ist voller Spannung, jedoch wird es zum Schluss noch einmal derart spannend, das ich dachte, ich vergesse das Atmen beim lesen. Das bedeutet, die Spannung steigt und steigt, wird gehalten, und wenn man glaubt sie hätte den Höhepunkt erreicht, geht's noch einmal so richtig los. Sebastian Fitzek hat es wieder einmal geschafft ein Buch derart spannend und mysteriös zu schreiben, dass man regelrecht an das Buch gefesselt ist und es nicht mehr aus der Hand legen mag."

So weit Leserin "Kesseziege" aus einem anderen Forum. Eine glaubhafte und ehrliche Einschätzung, die ja bereits von vielen anderen Lesern geteilt wird. Schön, dass es einem Autor gelingt seine Fangemeinde immer aufs Neue zu beeindrucken.

Der Augensammler ist der 6. Thriller von Sebastian Fitzek und man kann davon ausgehen, dass der Titel hier Programm ist, erinnert er doch an die Sammelleidenschaft namhafter Autoren wie Jeffery Deaver oder Sabine Thiesler. Ob nun Insekten, Kinder, Puppen oder Knochen, ob als Trophäe oder Devotionalie: wenn in einer Geschichte gesammelt wird, haben wir es meist mit einem psychopathischen Serienmörder zu tun. Auch der Klappentext vom "Augensammler" weist in diese Richtung: "Erst tötet er die Mutter, dann verschleppt er das Kind und gibt dem Vater 45 Stunden Zeit für die Suche...

Dreimal hat Der Augensammler schon zugeschlagen als der Ich-Erzähler Alexander Zorbach die Bühne betritt und vom Drama seines Lebens erzählt. Damit beim Leser keinerlei Irritationen entstehen, was hier Sache sein wird, spricht Zorbach ihn schon im Prolog direkt an und droht mit einem "Protokoll des Grauens".

Alexander Zorbach ist Polizeireporter bei einer Berliner Tageszeitung und folgt in dieser Eigenschaft den Spuren eines Mehrfachtäters, der von der Presse Der Augensammler genannt wird. Da Zorbach früher selbst Polizist gewesen war, verfügt er über entsprechende Erfahrungen und hilfreiche Kontakte. Den Polizeidienst hatte er damals verlassen (müssen), weil er als Verhandlungsführer in einem Entführungsfall glaubte die geistig verwirrte Täterin erschießen zu müssen. Eine Entscheidung, die er trotz therapeutischer Unterstützung nicht verwinden konnte. In seinem neuen Beruf recht erfolgreich vernachlässigt er Frau und Kind – die Scheidung droht. Immer öfter zieht er sich in sein geheimes Hausboot-Refugium zurück.

Der vierte "Augensammler"-Fall wird ihm möglicherweise zum Verhängnis. Sein frühes Erscheinen am Tatort, das Auffinden seiner verlorengegangenen Brieftasche im Garten des Opfers und seine Bekanntschaft mit der Opferfamilie machen ihn verdächtig. Der ermittelnde Beamte, Zorbachs ehemaliger Kollege Stoya, ist eigentlich von Zorbachs Unschuld überzeugt, doch auch er kann die Indizien weder vom Tisch wischen, noch erklären. Auch Zorbach zweifelt zunehmend an seiner Wahrnehmungsfähigkeit. Noch mysteriöser wird für ihn die Angelegenheit als er in seinem Hausboot die blinde Physiotherapeutin Alina Gregoriev antrifft. Diese behauptet mit dem "Augensammler" in Kontakt gewesen zu sein, wobei sich bei ihr Visionen über seine Taten eingestellt hätten. Zorbach steht dem verständlicherweise skeptisch gegenüber. Da er aber keinen anderen Ansatzpunkt hat, den Verdacht gegen sich zu entkräften, beschließt er, Alinas vage Andeutungen zu überprüfen.

So weit, so kurz, so vielversprechend!

Sebastian Fitzek erzählt seine Geschichte aus wechselnden Perspektiven. Es dominiert die des Ich-Erzählers Alexander Zorbach. Zur Abrundung des Bildes lässt Fitzek auch die anderen Akteure, die blinde Alina Gregoriev, den Polizisten Philipp Stoya und den Redaktionseleven Frank Lahmann zu Worte kommen, immer wieder eingestreut die Gefühle und Gedanken des kindlichen Gefangenen Tobias Traunstein. Häufiger Perspektiv- und Szenenwechsel, gepaart mit kurz gehaltenen Kapiteln, beides versehen mit möglichst vielen Cliffhangern, ist ein Konzept, das eigentlich Spannung und Tempo garantieren sollte, wenn es um einen Wettlauf gegen die Uhr geht. Der Countdown läuft. Die Mutter ist ermordet, die Kinder entführt. Wo bleibt das im Prolog so theatralisch angekündigte Grauen? Wo bleibt die Spannung? Der zur Suche verdammte Vater säuft sich einen. Die Polizisten hocken gemütlich im Präsidium und lauschen den wohlfeilen Ausführungen des Profilers Hohlfort über die Götter der griechischen Mythologie und deren Relevanz für den anstehenden Fall. Über Ermittlungsergebnisse aus den drei vorangegangenen Fällen verlieren die Experten kein Wort. Nur Wut und Frust und falsche Verdächtigungen. Dem "Augensammler" sind sie keinen Schritt näher gekommen.

Wer soll's jetzt richten? Alexander Zorbach, unser Held natürlich! Der steht aber selbst unter Verdacht, wirkt orientierungslos und möchte sich am liebsten verkriechen. Doch übersinnliche Unterstützung naht in der Gestalt der blinden Alina Gregoriev, der Seherin, eine Mischung aus Lisbeth Salander (äußerlich) und der Trojanischen Kassandra (visionär). Diese nun führt unseren Helden auf elysische Pfade. Das ist jetzt übertrieben. Aber...

Die Übertreibung ist des Autors Leidenschaft. Da wird aus jedem Pups gleich ein Knall, aus jeder Mücke ein Elefant oder aus einer harmlosen Leuchtschrift ein Menetekel apokalyptischen Schreckens. Wer sich auf so was einlassen kann, der wird auch die Auslassungen und Unstimmigkeiten ignorieren können, der wird gut unterhalten werden.

Einer genaueren Analyse hält der Plot nicht stand. Wenn Dramatisierung zum Selbstzweck wird, nutzt sie ab, ja, läuft Gefahr, lächerlich zu wirken. Mit seinen großmächtigen Ankündigungen im Prolog hat sich Autor Fitzek die Latte sehr hoch gelegt und ist so gezwungen, den markigen Worten entsprechende Taten folgen zu lassen.

Das Serienmörder-Thema mit seinen tausend Mikro-Variationen ist mittlerweile zugenüge abgearbeitet. Anstatt etwas Neues zu wagen, schöpft auch Fitzek lieber aus dem abgestandenen, lauwarmen Pool der Klischees. Ein Täter wie aus dem "Lehr"- Buch: ein Trauma in der Kindheit, dann Bettnässen und Tiere quälen, (keine Feuerchen?), Dominanz des kranken Egos, erste Taten. Fitzek verzichtet auf eine genauere Darstellung des Innenlebens des Täters, lässt ihn nur per E-mail zu Worte kommen. So bleibt dem Leser der Sinn seines sinnlosen Handelns verborgen. Auch wenn der Roman Der Augensammler heißt bleiben Täter, Tätersuche und Tatmotive zweitrangig.

Fitzek legt den Schwerpunkt seiner Handlung auf die Suche nach dem noch lebenden Opfer - hier im akuten Fall die Geschwister Traunstein und das Ultimatum von 45 Stunden und 7 Minuten. Den Wettlauf gegen die Zeit zelebriert Fitzek auch optisch, indem er der Geschichte den Epilog voranstellt , dann Kapitel und Seiten rückläufig nummeriert. Die Geschichte endet mit dem Prolog. Für manche ist das ein zusätzliches Spannungselement, für andere ein netter Gag, für den Autor wohl eine philosophische Kernaussage, wenn man eins der dem Roman vorangestellten Zitate beachtet: It's the end where I begin.

Leider verfolgt Fitzek auch diesen Handlungsstrang nicht konsequent, baut eine Nebenhandlung (Krankenschwester), lässt seine Hauptprotagonisten Alina und Alexander verschiedene Aspekte des Blindseins diskutieren oder über die große Frage philosophieren ob nun das Schicksal oder der Zufall das Leben eines Menschen bestimmt. Das ist gut und schön und interessant, aber es lähmt auch das Wesentliche in einem Thriller: die Spannung.

Der Spruch: "Weniger ist manchmal mehr" trifft auch auf den Augensammler zu. Es sollte uns eigentlich freuen, wenn ein Autor mehr bietet als nur einen straighten Plot. Aber dann muss die Akzentuierung stimmen. Dekorative Elemente sollten die Haupthandlung bereichern, beleben, nicht ablenken, nicht dominieren, auf gar keinen Fall zu Unterlassungssünden führen. Ein Beispiel sei genannt. Da gibt es einen Zeitsprung zwischen der 44. und der 14. Stunde des Ultimatums. Ein Zeitraum von 30 Stunden wird einfach ausgeblendet. Ist da nichts geschehen? Was hat der Held gemacht? Das kann man natürlich als dramaturgischen Kunstgriff deuten, der die angespannte Atmosphäre vor dem Ende des Ultimatums verdichten soll. Aber ohne ein Wort der Erklärung bleibt es, was es ist: ein Loch. Eine andere Unstimmigkeit sachlicher Art kann sogar das filigrane "Spiel" des "Augensammlers" auffliegen lassen.

Doch wer zerpflückt, hinterfragt und analysiert einen Thriller schon so genau - außer ein korinthenkackender Rezensent?

Anforderungen an einen Thriller sind möglicherweise andere. Eine Leserin:

"Vielleicht begründet sich meine Begeisterung darin, dass ich solch' ein Werk als das sehe, was es ist, ein Thriller. Und dieser muss für mich zwar nachvollziehbar sein, aber ganz bestimmt nicht bis ins kleinste Detail logisch!"

So lässt sich resümieren:

Die einen genießen die wahrscheinlich längste Praline der Welt, die anderen kauen auf einem simplen Schokoriegel mit teils dubiosen Zutaten.

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