Warten auf Poirot

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: ariadne, 2009, Seiten: 188, Originalsprache

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Jochen König
Launiges Kammerspiel mit Todesfolgen

Buch-Rezension von Jochen König Aug 2009

Fünf Freundinnen, die sich seit Schulzeiten kennen, wollen das Neujahrfest gemeinsam auf einer einsamen Berghütte verbringen. Friede, Freude, Eierpunsch, ausgelassene Gespräche und nostalgische Erinnerungsreisen sollte man meinen. Doch weit gefehlt. Unterschiedliche Biographien, Lebensentwürfe und Schicksale prallen aufeinander.

Plötzlich liegt eine der Freundinnen mit durchschnittener Kehle im Zimmer. Die vier Überlebenden begeben sich auf Mördersuche, stoßen auf Lügen und Geheimnisse. Poirot hält es derweil wie die Beckettsche Figur, auf die der Romantitel anspielt: er erscheint nicht. Ist aber auch egal, denn am Ende wird eine Täterin entlarvt. Oder doch nicht?

Nora Miedler macht eigentlich alles verkehrt, was man beim Schreiben eines Kriminalromans nur verkehrt machen kann. Sie kreiert eine Erzählerin, die man im wahren Leben nicht mit der Kneifzange anfassen würde, ihre fünf, vier, drei Protagonistinnen reden und reden, als ob es kein Morgen gäbe, und ein Ermittler kommt gar nicht vor. Und doch ist Warten auf Poirot ein verlockendes, witziges und spannendes Stück Kriminalliteratur geworden, das über seine 188 prall gefüllten Seiten überzeugt.

Wir lernen kennen: Charlie, die 28-jährige Erzählerin, leicht hysterisch und von Panikattacken geplagt, hetzt sie durch den Roman wie ein Teenager durch's Tagebuch kurz vorm Schlafengehen. Sie lässt uns unverblümt teilhaben an ihren Gedanken, ihrer chaotischen Gefühlswelt und ihren Ängsten. Von Beginn an verdächtig, wünscht sie doch der schönen Rita gleich im ersten Satz den Tod an den Hals. Und wir wissen ja alle, wie das so ist mit Wünschen: manchmal werden sie zum Fluch.

Weitere Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs: Marnie, Edelprostituierte und alkoholkrankes, zynisches Wrack (wenn auch Poirot nicht auftaucht, Philip Marlowe hat eine Seelenverwandte in den verschneiten Alpen); Ingrid, die karrieregeile Anwältin, aufgestiegen aus ärmlichen Verhältnissen, hat sie ihre Freundinnen auf der beruflichen Erfolgsleiter hinter sich gelassen. Schließlich Sonja, die gemütvolle, ewig ausgleichende Übermutter.

Wie sollte es anders sein, jede der Figuren hütet ein dunkles Geheimnis - vielleicht mit Ausnahme Charlies; die so gerne dunkel und geheimnisvoll wäre, und doch nur ein durchschnittliches Menschenkind ist. Manchmal wird es ihr bewusst, aber da helfen hysterische Lachanfälle, um von der eigenen Mittelmäßigkeit abzulenken. Immerhin erhält sie die Chance über sich hinaus zu wachsen.

Nora Miedler gelingt es, diesen Stereotypen des 21. Jahrhunderts Leben einzuhauchen; mögen sie auch scheinbar einem Katalog des alltäglichen Wahnsinns entstiegen sein, gibt es immer wieder Brüche und Widerhaken, die diese aus unerfindlichen Gründen aneinander gebundenen Weibsbilder, nachvollziehbar und menschlich erscheinen lassen. Sie haben ihre Leichen im Keller, aber letztlich ist keine so vermodert, dass man deswegen morden müsste. Oder doch? Miedler lässt immer wieder geschickt durchblicken, wie wenig weit eine bourgeoise Biographie vom Schritt in die Kriminalität entfernt ist.

Und so nimmt es auch nicht Wunder, dass sämtliche Protagonistinnen in ziemlich kurzer Zeit in der Lage sind, sich gegenseitig zu durchschauen. Da rätselt Charlie herum, welche Motive und Motivationen die fünf so unterschiedlichen Charaktere verbindet und wird gleich darauf kunstgerecht von ihren Mitreisenden diagnostiziert. Doch Miedler gönnt den Freundinnen die positive Botschaft nicht, die aus dieser Vertrautheit resultieren könnte: den anderen trotz seiner Schwächen und Macken zu akzeptieren und vielleicht dabei zu helfen, Probleme zu lösen und Krisen zu überwinden. Stattdessen wird Nähe tödlich.

Schlecht für die jungen Damen, gut für uns Leser. Denn Miedler führt uns mit sicherer Hand durch ein Kriegsgebiet und heil wieder heraus. Die Tarnung als paranoide Hanni und Nanni-Phantasie gibt dem ganzen einen hinterfotzigen Witz, der bei der Stange hält, auch wenn gerade mal nichts passiert, außer Räsonnieren und Parlieren. Da Miedler aber auf altkluge Bemerkungen und Plattitüden verzichtet, und vor allem jede ihrer Heldinnen ernst nimmt - wenn auch die von allen umkreiste Rita etwas blass bleibt (im Verlauf nachvollziehbar) - ist Warten auf Poirot ein rundum gelungenes Debüt.

Und wenn Nora Miedler am Ende alles ins Ungefähre kippen lässt, ist das nur konsequent. Denn all den Hoffnungen, Lügen und kleinen Erfolgen ist eins gemein: sie stehen auf verdammt wackeligen Beinen. Ein Buch wie Warten auf Poirot haut sie dann auch noch skrupellos, aber mit viel Verständnis, weg.

It must be love....

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