Im Blutrausch

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • New York: New American Library, 1988, Titel: 'Frenzy', Originalsprache
  • Bellheim: Edition Phantasia, 2009, Seiten: 288, Übersetzt: Joachim Körber

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Jochen König
Sünde, Wahnsinn, Hölle und Bockmist – What a Wonderful World

Buch-Rezension von Jochen König Aug 2009

Jack Eichord ist zurück. Mitsamt seinem vorauseilenden Ruf, DER Spezialist für Serienmörder zu sein, eine Einschätzung, die er selbst gar nicht teilt, verschlägt es ihn diesmal in seine alte Heimatstadt St. Louis. Dort herrscht augenscheinlich ein Bandenkrieg zwischen diversen Mafia-Familien. Eichord, auf der ergebnislosen Jagd nach dem "Augapfel-Killer", kommt sich zuerst fehl am Platz vor, bis ihm irgendwann dämmert: hinter all den Morden steckt nur ein Mann.

Der heißt Frank Spain, ist seines Zeichens Profikiller der Mafia und damit beschäftigt komplett durchzudrehen. Seine Frau hat ihn, den unscheinbaren Mann mit der langweiligen Tarnexistenz verlassen, seine 14-jährige Tochter Tiffany erlebt gerade die Zeit der ersten großen Liebe.

Die Frank nicht gutheißt. Er warnt seine Tochter eindringlich und (zu) vehement vor ihrem Lover Greg. Was die natürlich nicht gerne hört und mit dem smarten Schönling erst ins Bett steigt und anschließend durchbrennt.

Doch Tiff hätte besser auf ihren Daddy gehört. Denn Greg macht sie zunächst abhängig, von sich und Drogen, um sie anschließend unter Liebesschwüren auf den Strich zu schicken.

Es braucht nur einen Arbeitstag, um aus dem Teenager ein vergewaltigtes und brutal misshandeltes Opfer zu machen. Ohne Wert für ihren Liebsten. Der sie erbarmungslos an ein perverses Ehepaar verkauft. Der endgültige Abstieg in die Hölle.

Als Frank Spain erfährt, was seiner Tochter zugestoßen ist, beginnt er einen gnadenlosen Rachefeldzug. Der ihn genau zu den Männern führt, für die er selbst arbeitet, bzw. gearbeitet hat. Aber auch die Mafia ist nicht gegen die Wut eines psychotischen und gleichzeitig kühl planenden Killers gefeit. Am Ende steht nur Jack Eichord Spain im Weg, die Welt in Schutt und Asche zu legen.

War Charles "Chaingang" Bunkowski von Beginn an ein gemeingefährlicher Psychopath ersten Ranges, so hat Frank Spain zunächst die Sympathien des Lesers auf seiner Seite. Er ist ein durchschnittlicher, liebender Vater, der Fehler begeht, die Tausende von durchschnittlichen, liebevollen Vätern begehen. Verlassen von seiner Frau, ist er zu sehr in Selbstmitleid erstarrt, um zu erkennen wie ihm seine Tochter, sein Leben entgleitet. Was bei anderen Familien mit einem schweren Kopf und Katzenjammer endet, führt bei Spain zur Apokalypse. Er, der planvolle Analytiker, der Situationen einschätzen und beurteilen kann, bevor sie eintreffen, scheitert an seinen emotionalen Defiziten, daran, dass er nicht erkennt, was die Menschen, die er von Herzen liebt, wirklich brauchen. So verliert er alles, seine Gefühle, seine Rationalität, seine Menschlichkeit. Bis er sie für einen kurzen Moment wieder findet...

...den Jack Eichord schonungslos ausnutzt. Der bekennende Alkoholiker, der diesmal trocken bleibt, ständig auf der Suche nach Killern und trauter Zweisamkeit. Man erfährt nicht, was aus Edie und ihrer Tochter wurden (s. Fettsack), Eichord ist solo und ein genauer Beobachter seiner beruflichen und privaten Umwelt. So legt er seine Grenzen lapidar fest, findet Verbündete und – wichtiger noch – eine Geliebte. Die heißt diesmal "Rita Paul, geschiedene Haubrich", und verschafft Eichord jene kontemplativen Momente, die verhindern, dass er ein zweiter Frank Spain wird.

Diese Affinität betont Rex Miller gleich zu Beginn des Romans, als sich Eichord und Spain zufällig in einem Geschenkladen begegnen und in Bruchteilen von Sekunden im anderen erkennen. Das ist purer Noir im Geiste Jean Pierre Melvilles. Mit dem großen Unterschied, dass Millers Buch nicht in den regennassen, nächtlichen Straßen von Paris spielt, sondern in einem hell erleuchteten Schlachthaus.

Die knappe, oft assoziative Sprache Millers – wieder gekonnt übersetzt von Joachim Körber – ist einer der Punkte, die Miller weit über durchschnittliche Schöpfer von harter Kriminalliteratur stellt. Er arbeitet mit Wortspielen, mit Sprachrhythmen, umreißt damit seine Charaktere und Handlungen genauer, als wenn er sie in ausführlichsten Erörterungen umreißen würde. Drastik, pubertäres Imponiergehabe, infantiles Vergnügen und pure Poesie schließen sich bei ihm nicht aus; gerade weil er seinen Protagonisten gelegentlich einen kindlich naiven Blick auf die Welt erlaubt – allen voran Jack Eichord – wirkt das Entsetzliche, das Menschen einander antun, um so intensiver. Auch wenn Eichord öfters skandiert "NICHTS BÖSES SEHEN", hält Miller unverblümt drauf. Nicht zur voyeuristischen Befriedigung, sondern als klares Signal: wegsehen ändert nichts.

Im Blutrausch ist weit davon entfernt ein Abfeiern der Selbstjustiz zu propagieren. Auch wenn Frank Spains radikales Vorgehen Verständnis weckt, lässt Miller keine Zweifel offen, dass jemand, der ausschließlich zur Befriedigung seiner Rache lebt, zur menschlichen Hülle wird, zu einem Hybridwesen, das immer mehr von seinen Psychosen gesteuert wird, während ihm mitfühlende Emotionalität und Rationalität abhanden kommen. Am Ende steht die Selbstbefriedigung eines wahnhaft kranken Geistes. Was bei Miller auch als Zustandbeschreibung einer maroden Gesellschaft im ausgehenden 20. Jahrhundert taugen würde.

Komplexer als Fettsack, zeigt sich das als Triptychon angelegte (Tiff/Spain/Eichord) "Im Blutrausch" wieder als höchst eigenwilliger, brutaler, abstoßender, grimmiger, leidenschaftlicher und liebevoller Tritt in die Eingeweide des modernen Lebens. Plane Lösungen für einen Ausweg aus menschlicher Zerstörungslust und –wut bietet Miller nicht an, bestenfalls ein kurzes Innehalten, wenn menschliche Nähe nicht durch ausufernde Gewalt, sondern durch Liebe geprägt wird: "Und es war angenehm und überraschend und zärtlich und inniglich, aber sie wissen ja wie das ist. Selbst wenn es schlecht ist, ist es sagenhaft."

Über zwanzig Jahre hat Frenzy, so der Originaltitel des Romans, auf dem Buckel. In seiner Radikalität und sprachgewaltigen Individualität ist er kein bisschen gealtert. Bleibt zu hoffen, dass die folgenden Romane Rex Millers ebenfalls in absehbarer Zeit auf Deutsch erscheinen werden.

Im Blutrausch

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Letzte Kommentare:
26.08.2009 13:10:09
Alexi1000

Auch dieser Roman von Rex Miller ist mal wieder wahrlich nichts für "zarte Gemüter"!

Es ist die zweite Geschichte um den Ermittler Jack Eichord, den wir schon im "Fettsack" kennengelernt haben. Miller entwickelt den Charakter weiter.

Der erste Teil des Romans besteht erstmal hauptsächlich aus dem Martyrium eines jungen Mädchens, welches bis zur "Schmerzgrenze" ausgewalzt wird. Es ist wirklich kaum zu ertragen, was Miller hier darbietet!
Dabei führt er die Charaktere langsam ein, was es uns um so schmerzlicher werden läßt...

Der zweite Teil konzentriert sich dann auf den Vater des Mädchens.
Er hat Kontakte und Background-Wissen zur Mafia und ein paar bestimmte "Talente"...

als ihm klar wird, was mit seiner Tochter passiert ist, brennen Ihm sämtliche Sicherungen durch, und er steigert sich in besagten Blutrausch...
da haut Miller einem nochmal wieder die Füsse weg...

vorher hat er uns aber so schön manipuliert, das wir das Geschehen "fast" gutheißen...

die Charaktere sind gut ausgearbeitet, es gibt so gut wie keine Durchhänger, und wenn man sich mit dem "Härtegrad" anfreunden kann, eine der Empfehlungen des Jahres...

mir wars 95° wert, und hat mir sogar besser als Fettsack gefallen...