Elena weiss Bescheid

  • Unionsverlag
  • Erschienen: Januar 2009
  • Buenos Aires: Clarín, 2007, Titel: 'Elena sabe', Originalsprache
  • Zürich: Unionsverlag, 2009, Seiten: 192, Übersetzt: Peter Kultzen
  • Zürich: Unionsverlag, 2011, Seiten: 186
Elena weiss Bescheid
Elena weiss Bescheid
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Wolfgang Franßen
85°

Krimi-Couch Rezension vonAug 2009

Taub unter Tauben

Dass man sich nicht in einem klassischen Kriminalroman befindet, merkt der Leser sogleich, wenn er den Roman aufschlägt. Neben der Tageszeit finden wir den Hinweis auf die Anzahl der Tabletten, die Elena hat schlucken müssen, um einen mühsamen, sich teilweise dahin schleppenden Tag zu bewältigen, der längst von einer Tragödie überschattet ist. Elena ist dreiundsechzig, ihre Tochter hat sich im Glockenturm erhängt und die Untersuchungen der Polizei fördern einen Selbstmord zu Tage, an den die Mutter nicht glauben will.

Manchmal können vorangestellte Zitate berühmter Schriftsteller zur Last fallen. Wer sich in Thomas Bernhards Sprachlabyrinth und klaustrophobischen Selbstbespiegelungen auskennt, glaubt sich auf dessen Spuren, wenn er die ersten Seiten von Elena weiß Bescheid liest. Elena leidet an Parkinson, ist es gewohnt, ihre Umgebung en detail zu beobachten, sich gemächlich in ihr zurecht zu finden, um die Folgen der Krankheit tragen zu können. Sie macht sich Gedanken darüber, ob Parkinson nun eher weiblich oder männlich anzusiedeln ist, sammelt Eindrücke und Rückblicke, während sie sich wie ein Fremde in die Welt eines Verbrechens wirft.

Sich selbst ausgesetzt

Es ist der Blick einer Außenstehenden, einer Außenseiterin, einer Gebrechlichen. Betörend. Verstörend. Sie ist keine inspirierte Ermittlerin, keine ausgebildete Spurenleserin, keine leidenschaftliche Aufklärerin. Eine Betroffene, die mit ihrem Alltag zu kämpfen hat. So dass der Umstand, dass Elena nicht mehr in einen Jackenärmel zurückfindet, zu einer kleinen Tragödie führt, die nachweist, wie sehr Elena es gewohnt ist, sich dem Scheitern auszusetzen, sich zurechtzufinden.

Claudia Pineiro beschreibt ein Leben, das sich jeden Tag neu zusammensetzen, erfinden muss. Sie nimmt sich die Zeit, dies davon zu erzählen. Purer Suspense kommt da keiner auf. Eher vertraut ein Leser sich Elenas Welt an.

 

Sie zittern gar nicht, Sie Ärmste, angeblich ist Parkinson ohne zittern noch schlimmer, dann geht es noch schneller.

 

Das Krankheitsbild ist nicht ermutigend. Vor allem wenn die Äußerung von einer Frau stammt, die selber darunter leidet und wie Espenlaub zittert. Stationen müssen an den Fingern abgezählt werden, Schilder hängen im Winkel eines schielenden Blicks. Die Frage, die Elena bewegt, lautet: Ist man noch Mutter, wenn die Tochter tot ist?

Claudia Pineiro schafft es, uns das Verbrechen wie etwas vorzuführen, das weit weg von einem geschieht und in der Mitte alles umkrempelt. Sie kommt ohne das übliche Ambiente der umkrempelnden Wenden, der zerreißenden Gefahr des Abscheulichen aus.

Der Titel ist Programm

Elena weiß Bescheid. Sie spürt es. Sie durchstreift die Erinnerungen, klopft den angeblichen Tatvorgang ab, notiert in schiefen, verwackelten Buchstaben ihren Zweifel, setzt sich zur Wehr, indem sie beharrlich bleibt. Ein ruhiges Buch trotz all der Verzweiflung. Eine Geschichte über ein Zurechtfinden im bewussten sich aussetzen.

Claudio Pineiro ist ein frischer, abseitiger Blick gelungen. Eine Geschichte, die sich genauso gut der Misere widmen könnte, einen Zug verpasst zu haben. Dass es ein Mord ist, den Elena umtreibt, werden vor allem Leser zu schätzen wissen, die das Immergleiche langweilt, für die eine Geschichte mehr als nur ein Plot ist.

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