Mitten in der Stadt

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Bielefeld: Pendragon, 2009, Seiten: 219, Originalsprache

Couch-Wertung:

82°
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Jochen König
Eine Könnerin des effizienten Erzählens

Buch-Rezension von Jochen König Jul 2009

In die Auslage eines Juweliers in Kleve rast ein modifizierter Geländewagen. In Sekunden ist der Laden leer geräumt. Beim Zurücksetzen wird der junge Italiener Luca schwer verletzt. Nicht alleine diese Tatsache lässt Kommissar Vincent Grube und sein Team vermuten, dass es sich bei diesem Überfall nicht um die Tat einer bundesweit operierenden Bande handelt, sondern um Nachahmer, die nichts mit dem durchgeplanten Professionalismus der originalen Gangster zu tun haben. Das scheint sich zu bestätigen, als der erste Tote auftaucht.

Verdächtige finden sich rasch: der Onkel und der Vater Lucas, die auf eigene Initiative den flüchtigen Unfallfahrer zur Verantwortung ziehen wollen, der hoch verschuldete Juwelier Berger, der seinen Schmuck kurz vor dem Raub neu versichern ließ, sowie die möglichen Komplizen des Toten.

Stellt sich noch die Frage, welche Rolle Martina Koller spielt, die schwer misshandelte Frau des windigen Gebrauchtwagenhändlers Andreas Koller, deren Geschichte und Entwicklung in eigenen Kapiteln erzählt wird? Am Ende wird sich fast alles aufklären, wie sich das für einen Kriminalroman gehört, doch kaum jemand wird glücklich damit.

Mitten in der Stadt spielt in der deutschen Provinz und ist alles andere als provinziell. Mechtild Borrmann ist eine Könnerin des effizienten Erzählens. Scheinbar mühelos präsentiert sie drei Handlungsstränge (der Überfall und seine - polizeilichen - Folgen, sein Einfluss auf die Geschicke der italienischen Pizzeriabesitzer Vittorio und Roberta, sowie die schmerzvolle Biographie der Martina Koller), die sich an entscheidenden Punkten der Handlung treffen, um schließlich eigendynamisch fortgeführt zu werden.

Borrmann bleibt dicht an ihren Protagonisten dran, verkneift sich aber erschöpfende Gefühlsanalysen. Unaufgeregt und mitfühlend braucht sie keine brutalen Exzesse und herbe Attacken auf die Tränendrüse, um Spannung aufzubauen. Ihre Figuren handeln nachvollziehbar und verkommen nicht zu Klischees, gerade weil sie nicht auf Teufel komm raus originell sein möchte. Italienische Pizzeriabesitzer zwischen geschäftlichem Kalkül und Sehnsucht nach der sonnigen Heimat, die Leidensgeschichte einer malträtierten Ehefrau, das Macho-Gehabe eines Mannes, der jenseits seiner realen Möglichkeiten lebt, unbegabtere Autoren wären knietief im abgeschmackten Betroffenheitsmorast versunken.

Nicht so Borrmann, sie versteht es, die eher exemplarischen als individuellen Befindlichkeiten so auszuloten, dass jeder Charakter seine eigene Färbung erhält und stimmig in die Geschichte eingebaut wird. Denn trotz der Handlungsaufteilung zerfällt Mitten in der Stadt nicht ins Episodenhafte. Für Bindung sorgt das Team der Polizisten, die gemeinsam (und manchmal auf eigene Faust) einen Raub, einen Mord und einen familiären Untergang untersuchen.

Dabei beweist Mechtild Borrmann den Mut, die Vorgänge und Hintergründe zwar aufzuklären, doch auf eine Erlösung in den meisten Fällen zu verzichten. Stattdessen zeigt sie Menschen, die zu gefangen sind in ihren Denk- und Handlungsstrukturen, um ausbrechen zu können. Und so bekommt der Roman ein finsteres Ende spendiert, dass in seiner sarkastischen Verknappung um so nachhltiger wirkt.

219 Seiten reichen Mechtild Borrmann um komplexe Spannungsliteratur zu produzieren, die an keiner Stelle überladen wirkt. Wer glaubt, deutsche Krimis seien chancenlos, international mithalten zu können, sollte sich Mitten in der Stadt zu Gemüte führen. Möglicherweise sitzt ein Sinneswandel drin.

Wem allerdings Sabine Thieslers unbedarfter Ruf nach dicken Schwarten (Bücher unter 500 Seiten sind für sie eher Broschüren) das Maß aller Krimi-Dinge ist, der dürfte sich bei Mechtild Borrmann unwohl fühlen. Und wäre damit zu bedauern.

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