Berliner Macht

  • Königshausen und Neumann
  • Erschienen: Januar 2009
  • Würzburg: Königshausen und Neumann, 2009, Seiten: 225, Originalsprache
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Wolfgang Franßen
20°

Krimi-Couch Rezension vonJul 2009

Jenseits der Nachbarschaftsläden

Eines darf man Ullrich Wegerich nicht vorwerfen: dass er sein Berlin nicht kennt. Auch wenn er alles daran setzt, dass man es wieder erkennt. Teilweise wie beim Flughafen Tempelhof liest sich der Roman wie der Bericht aus einer Stadtteilzeitung und versprüht den Charme eines alternativen Stadtführers.

Deutscher Autor, deutscher Politthriller, das ist eine Crux in sich. Worte wie Bundestagsabgeordneter, Polizeilicher Staatsschutz, Maximierungsrichtlinien sind nicht gerade von der Art, die unsere Phantasie beflügeln, den Suspense in sich tragen. Sie gehören eher in den Programmpunkt Maybritt Illner: Wir reden solange, bis niemand merkt, dass wir nichts zu sagen haben.

Längst haben wir uns an die korrupten, verschwörerischen Senatoren jenseits des Atlantiks gewöhnt, an die Master in Chief, deren Geheimpläne erst auf Seite 496 vereitelt werden. Doch kaum taucht statt CIA das LKA auf versprüht das den Charme einer kriminellen Dokumentation und der Leser wünscht sich der ein oder andere Strich wäre nicht unter den Tisch gefallen. Wenn Autoren wie LeCarré, Forsyth, Follet, Clancy oder Grisham mag, ihre politischen Intrigen auf den unterschiedlichsten Schauplätze in der Welt verfolgt, muss zugeben, dass wir kinoverseucht bereit sind, ihnen selbst nach Deutschland zu folgen, weil die deutschen Pappkameraden bei ihnen Staffage sind.

Beschreibungen

Die schillernde Gestalt eines Harz-IV-Empfängers, der angeblich als Detektiv gearbeitet haben soll, dient als Leiche. Ist als Konstrukt schon holprig und vermisst die Titelmelodie aus Derrick. Der Polizeirat heißt Göttlich, die Vizepräsidenten des deutschen Bundestages von Schleider und fast jeder Akteur bekommt sogleich einen Vornamen verpasst. Es muss ja alles stimmen, genau recherchiert sein, Stallgeruch mit sich bringen. Warum haftet dem Plot, dann so viel Wächsernes an?

Verhöre gipfeln in Ausbrüchen der Ermittler: "Wir stellen hier die Fragen." Der Kommissar blafft, wird barsch und braucht die Adjektiven, um Gestalt anzunehmen, ihn charakterisiert nicht, dass was er sagt, was er tut, es muss umschrieben werden. Als Absicherung gleichermaßen. Der Leser könnte einen ja nicht verstehen. Da ist es doch klüger, man nimmt ihn an die Hand.

Es sind die typischen Überbeschreibungen, die den Plot langatmig gestalten. Die Figuren enttarnen sich nicht selbst. Wegerich will genau sein, unter Beweis stellen, dass er gut recherchiert hat und oft erstickt eine Geschichte gerade an der Genauigkeit, die einem Leser keinen Platz lässt, sich Bilder zu verschaffen. Dies gebiert meistens das Misstrauen in die eigene Geschichte. Somit wird die Wirkung festgezurrt und besitzt keinen Spielraum mehr.

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