Cobra Gold

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • London: Century, 2007, Titel: 'Cobra gold', Seiten: 321, Originalsprache
  • München: Knaur-Taschenbuch, 2008, Seiten: 447, Übersetzt: Stefan Troßbach

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Michael Drewniok
Bankräuber mutieren zu Terroristenjägern

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2009

1979 tobt im Libanon der Bürgerkrieg. Christliche und moslemische Gruppen kämpfen erbittert um die Macht. Die Hauptstadt Beirut ist ein Trümmerfeld. Der Westen will Frieden in der wichtigsten Erdöl-Region der Erde. Nach ständigen Attacken durch Palästinenser marschierten israelische Truppen ein. Islamische Terrorgruppen versuchen das Ausland durch Anschläge von einer weiteren Einmischung abzuhalten.

Im Januar des genannten Jahres plant der britische Special Air Service (SAS) eine geheime Operation in Beirut. Dort hält trotz der prekären Situation die „Imperial Bank of Beirut" weiterhin ihre Pforten geöffnet. Alle kriegführenden Parteien unterhalten hier Konten. Die Bank gilt als neutrales Territorium und wird verschont. Doch der SAS hat Kenntnis von Papieren bekommen, die grundlegende Informationen über arabische Terrorzellen enthalten und in einem bestimmten Schließfach aufbewahrt werden. Neun Männer sollen unter dem Kommando ihres charismatischen Anführers Luke Kilbride nach Beirut gehen, die Bank überfallen und die Papiere sichern.

Kilbride gedenkt die Gelegenheit zu nutzen: Im Tresor der Bank lagern Goldbarren im Wert von 50 Mio. Dollar! Die wollen er und seine Männer sich unter den Nagel reißen, an einem sicheren Ort verstecken und bergen, wenn Gras über die Sache gewachsen ist. Der Coup, Deckname „Cobra Gold", gelingt, nur dass Kilbride im Safe nicht 700, sondern mehr als 2000 Goldbarren findet! Eine besonders fanatische Terrorgruppe, die „Schwarzen Assassinen", lagert hier ihre Kriegskasse. Kilbride und seine Kameraden rauben 26.000 kg Gold und versenken es vor der Küste in einer Höhle der Palmeninsel. Anschließend kehren sie zu ihrem Stützpunkt zurück.

Fast drei Jahrzehnte dauert es, bis Frieden im Libanon einkehrt. Endlich kann der Schatz gehoben werden. Allerdings haben die Assassinen die Suche nach ihrem Gold nie aufgegeben. Sie planen eine weltweite Terroraktion und benötigen Geld. Außerdem sollen die frevlerischen Diebe einen schrecklichen Tod erleiden. Kilbride und seine acht Gefährten lassen sich auf ein gewagtes Spiel ein. Sie wollen nicht nur das Gold holen, sondern müssen sich auch die Assassinen vom Hals schaffen ...

Ein Haufen verwegener Hunde

Dieser Plot erfreut sich konstanter Beliebtheit: Eine Gruppe ebenso verschworener wie kühner Profis, die sich um Gefahr und Vorschriften (oder das Gesetz) nicht kümmern, plant ein eigentlich unmögliches Unternehmen und zieht es durch, auch wenn nicht alle dies überleben werden. Vor allem in England treten Haudegen dieses Kalibers seit jeher in unzähligen Kriegsfilmen und Abenteuerromanen in Aktion. Es geht gegen einen übermächtigen, finsteren Gegner, der die schlauen Schlichen, mit denen er gehörig dezimiert wird, stets ‚verdient‘. In Cobra Gold sind es nicht die sonst von den Briten immer gern an der Nase herumgeführten Nazis, sondern ihr modernes Pendant: moslemische Terroristen.

Die Dramaturgie der Handlung ist simpel; warum auch nicht, denn sie hat sich bewährt und funktioniert immer, wenn bestimmte Regeln beachtet werden. Es beginnt mit einem unkonventionellen Plan und setzt sich mit der Suche nach entsprechenden Kampfgefährten fort, die erst einmal tüchtig gedrillt werden, damit sie in Form für ihre Taten kommen. Dabei wird mächtig gestöhnt und geflucht, aber an einem Strang gezogen, denn in der Sache sind solche Draufgänger eisern und höchstens in der Umsetzung eigenwillig. Immer gibt es Konfrontationen mit Greenhorns und Sesselfurzern, denen Verachtung demonstriert und die eigene Feigheit widergespiegelt wird.

Untereinander halten ‚die Jungs‘ wie Pech und Schwefel zusammen. Sie saufen, prügeln sich, steigen den Frauen hinterher, lieben Landser-Scherze und geistlose Foppereien. Kritiker können ihnen zu Recht vorwerfen, sie wollten nicht erwachsen werden. Das dürfen sie auch nicht, da sonst niemals unterhaltsame Schwachsinns-Unternehmen wie „Cobra Gold" zustande kämen.

Der Anführer gibt den Kitt, der die Teufelskerle zusammenhält. Luke Kilbride ist der Kopf, der koordiniert, was sich acht Querköpfe einfallen lassen - der ‚Vernünftige‘, der es inzwischen zu einem soliden Leben gebracht hat, während sich ‚die Jungs‘ ziellos treiben ließen. Die Bergung des Goldes ist ihnen nicht nur des Geldes wegen wichtig - es gibt ihrem Dasein wieder Sinn.

Einst und jetzt - gut und mittelmäßig

Als Roman zerfällt Cobra Gold in zwei Hauptteile. Nr. 1 schildert die Ereignisse des Jahres 1979. Hier läuft Verfasser Lewis zu grandioser Form auf. Der Banküberfall in den Wirren eines mörderischen Bürgerkriegs liest sich kinoreif. Jedes Wort sitzt, die Handlung wird im Höllentempo vorangetrieben. Lewis kennt Land und Leute und weiß dies für seine Geschichte zu nutzen. Der große Coup bietet Spannung pur.

Leider gelingt dem Verfasser die Rückkehr in den Libanon nicht mehr so überzeugend. Die Fahrt lässt sichtlich nach, stattdessen wirkt die Handlung zerfahren. Vor allem beginnt Lewis seinen Figuren ein Privatleben zu generieren, für das sie nicht geschaffen wurden. Bisher auf ihre Rolle als Tausendsassas beschränkte ‚Jungs‘ entwickeln plötzlich Frühlingsgefühle, soll heißen: Männer in ihren Fünfziger verlieben sich in knapp zwanzigjährige und selbstverständlich wunderschöne Frauen, die sich gern dem Werben solcher Kämpen ergeben, weil in Afrika das Alter geehrt wird. Klischeehaft und unbeholfen geschriebene Liebesszenen lassen den Leser peinlich berührt stöhnen. Der generell unnötige Versuch, einer Räuberpistole ‚Tiefe‘ einzuhauchen, schadet ihr nachhaltig.

Keine gute Idee ist auch die Weitung des Blickwinkels. Die Realität bot im ersten Teil die Folie, vor der neun Männern ihr ganz privater Husarenstreich gelang. Nunmehr wird das Gold zur Nebensache. Plötzlich geht es um die Ausschaltung islamischen Terrorgesindels. Aus Bankräubern werden Handlanger des britischen Geheimdienstes und Retter der Welt. Im Mittelpunkt steht nicht mehr die Hebung eines Schatzes. Zum Wohl der Menschheit wird stattdessen einer Lumpenbande eine gigantische Bombe untergeschoben, die sie in Stücke reißen soll. Das hinterlässt einen schlechten Nachgeschmack, wozu passt, dass Kilbride und Co. nunmehr metzeln, was ihre prall gefüllte Waffenkammer hergibt, und sogar vor Folter nicht zurückschrecken.

Haut die Burnusköpfe - aber nur die richtigen ...

Aber es sind ja richtig böse Mistkerle, die ins staubige Gras beißen. Lewis versucht beschwichtigend zu differenzieren: 99,9% aller Moslems sind friedliche Menschen, die weder einander noch ihren christlichen Nachbarn Böses antun. Die restlichen 0,1% sind jene Brandstifter, die frömmelnd und verlogen ihre eigenen Landsleute unterdrücken und die nicht-islamische Welt mit Terror überziehen.

Weil Lewis vorsichtshalber möglichen Protesten zuvorkommen möchte, konstruiert er für seine Geschichte eine eigene, ganz besonders fiese Mördertruppe. Die „Schwarzen Assassinen" knüpfen an eine arabische Attentäter-Organisation an, die vor einem Jahrtausend ihr Unwesen trieb. Sogar die religiösen Fanatiker im eigenen Land fürchteten sie. Lewis kreiert mit dem „Scheich" einen richtigen Bilderbuch-Buhmann, der feurigen Blickes Fremdenhass predigt und Mordbefehle erteilt, während er fromm seine Teekanne schwingt. Solcher Abschaum gehört geradezu ausgetilgt, so Lewis‘ Schlussfolgerung, die er nicht ausspricht, sondern seinen Lesern überlässt.

Um den etwaigen Vorwurf rassistischer Schmähungen endgültig abzufedern, stellt Lewis den Assassinen einen britischen Verräter zur Seite. Dieser übergelaufene und ganz besonders blindgläubige „Sucher" ist der eigentliche Bösewicht. Er tückt noch ärger als der Scheich. Auf ihn kann und soll der Leser seinen vom Verfasser aufgepeitschten Rachedurst („Legt sie um, die Teufelsbrut! Hurra, schon wieder ein Schweinehund von einer Mine/einem Kampfhund/einer MG-Garbe zerfetzt!") konzentrieren.

Im Finale geht es mit Nervengas und selbst gepanschtem Napalm noch einmal richtig zur Sache. Im Schatten dieses Feuerzaubers verdorrt die eigentliche Auflösung. Die Aktionen werden unrealistisch, Hektik ersetzt die ausgeklügelte Dramaturgie, die den ersten Teil des Buches auszeichnet. Als der Held zuletzt im Duell mit dem Schurken sein Ende zu finden scheint, ist dies nur billiger Vorwand für einen schmalzreichen Aufschub des Happy-Ends, mit dem selbstverständlich - und das ist kein Spoiler - das Unternehmen „Cobra Gold" ausklingt. Schade, denn dieser Roman hatte das Zeug zu richtig großer Unterhaltung. So bleibt nur die Erinnerung an einen steilen Aufstieg, dem bis zum jähen Finalabsturz ein sanftes Abgleiten auf hohem unterhaltsamen Niveau folgt.

Cobra Gold

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Letzte Kommentare:
05.05.2010 11:05:01
stefan

Ich komme zu dem gleichen Endergebnis wie der Rezensent, aber aus einer ganz anderen Sicht.

Für mich besticht das Buch durch zwei Grundeinfälle: (1) eine Handvoll Soldaten betätigt sich in den Kriegswirren als Tresorknacker; (2) die für mich brillante Idee der Falschgoldladung, raffiniert hergestellt aus vergoldeten Wolframbarren, die zu einem trickreichen Spiel um betrogene Betrüger führen.

Diese Geschichte ist gut und zügig geschrieben, und ja, die hautnahe Kenntnis des Autors von Land und Kultur in Libanon und Somalia bildet einen sehr interessanten, sehr lebendigen Hintergrund. (Somalische Piraten z.B. wurden erst nach Erscheinen des Buches zu dem festen Begriff, der sie uns heute sind.)

Es fällt aber auf, dass Damien Lewis auch eine Art Waffenfetischist ist, zumindest was aktuelle Militärtechnologie betrifft, und gleich zu Anfang wird der Leser überhäuft mit einem Arsenal von Kurzstreckenraketen oder dem „Schwenkneigekopf“ einer Luftbildkamera. Wäre der Autor nicht so intelligent, dann hätte das Soldatenabenteuer im ersten Teil des Buches – Tresoreinbruch usw. – den miesen Beigeschmack eines Landserheftchens. Meines Erachtens sind die "Helden" aber ganz und gar kein Haufen billig-krawalliger John-Wayne-"Hunde" und werden im zweiten Teil noch etwas menschlicher und sympathischer: Sie veräppeln sich selbst als eine Altherrengang (gleich anfangs schlägt beim Surfen das Zipperlein zu), die den ausgeklügelten Einzelkampf gegen scheinbar übermächtige Gegner aufnimmt. (Übel und zudem überflüssig ist allerdings wirklich eine Psycho-Folterszene.)

Natürlich ist ein Autor bei so einem Stoff heute zu „political correctness“ gezwungen, mag sie manchmal auch entsprechend „gezwungen“ wirken. Dass das Trüppchen dabei gegen besonders böse Moslemterroristen antritt, kann ich nicht verübeln. Zahllose Thrillerhelden haben es jeweils mit einem ganz besonders bösen Gegner zu tun. Und der britische Geheimdienst schneidet kaum besser ab.

Auch in Sachen Wahrscheinlichkeit steht die Geschichte nicht schlechter da als zahllose andere Thriller, wo wir uns vom Autor überzeugen lassen, dass die Geschenisse zumindest denkbar sind. (Nebenbei: Warum sollen somalische Frauen nicht die häusliche Sicherheit mit einem wohl bestallten Mann suchen, den sie auf eine pragmatische Art sogar lieben? Das ist für mich nicht sentimental und führt zu einem runden Happy End. Warum auch das nicht?)

Mein Fazit: Innerhalb des Militär-Sujets, das sicher nicht jedermanns Sache ist, ein überaus originelles, unterhaltsames Buch mit einem Krimi-Oberschurken am Ende.