Der deutsche Freund

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • : Danske Afdeling LGV, 2007, Titel: 'Afgrundens rand', Seiten: 407, Originalsprache
  • Frankfurt: Suhrkamp, 2009, Seiten: 462, Übersetzt: Ulrich Sonnenberg

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Jochen König
Budenzauber

Buch-Rezension von Jochen König Jun 2009

Die Leiche des reichen Unternehmers Keld Borch liegt übel zugerichtet in der Sauna eines Schwulenclubs. Daneben ein zusammen geschlagener Polizist und ein ohnmächtiger Junge, mit dem Borch anscheinend seine pädophilen Neigungen auslebte. Viel zu tun für Vizekriminalkommissar Ole Larsen und seine Kollegin Anita Jensen. Den Mord aufklären, die Identität des Jungen ermitteln und Kriminalassistenten Erik Rohde als Verdächtigen ausschließen. Das gelingt zwar mittelprächtig; doch zeigt sich der Fall weit verzwickter, als es zuerst den Anschein hat. Seine Wurzeln liegen im dritten Reich, einem eingeschworenen Männerbund, einem Freundschaftsverrat, Nazi-Gräueln und einem aufstrebenden Staatsanwalt, der strafrechtliche Entwicklungen so steuert, dass sie ihm und seinen Freunden nicht gefährlich werden können.

Mächtig unter Druck steht das ungleiche Polizisten-Trio im Jahr 1979, als im kalten Krieg noch einmal eine letzte heiße Phase eingeläutet werden sollte. Wenn sie nicht gerade mit ihren multiplen privaten Problemen kämpfen, finden sich die drei an so vielen verschiedenen Fronten wieder, dass einem angst und bange werden kann. Doch was den Musketieren recht war, ist Larsen, Jensen und Rohde nur billig.

Das ist er also. Der Einstieg des renommierten Suhrkamp Verlages in die Niederungen der Genre-Literatur. Solch ein Ausflug ist schon einmal gut gegangen, als in den Siebzigern die hervorragende „Phantastische Bibliothek" Klassiker und solche, die es werden könnten an den Start brachte. Eine Reihe, die unabhängig von ihrem literarischen Gehalt sofort an ihrer einheitlichen Gestaltung erkennbar war. Jetzt scheint man dem Braten nicht zu trauen, denn Der Deutsche Freund kommt daher wie ein x-beliebiger Roman, der auch in jedem anderen Verlag hätte erscheinen können. Wobei die ganze „Reihe" bestenfalls durch ihre Uneinheitlichkeit gekennzeichnet ist. Von Skandinavien geht's in die USA, dann weiter nach Italien, Deutschland und Australien; vom sich gesellschaftskritisch gebenden Polizeiroman ins Surferparadies und weiter zur „kecken und schwungvollen" Screwball-Crime-Comedy. Das klingt wenig durchdacht und nicht sonderlich spannend. Und beginnt gleich mit einem Heuler.

Flott zu lesen ist die atemlose Hatz, die Dorph & Pasternak vorlegen, durchaus; doch rätselt der geneigte Leser, ob der Roman wohl ernst gemeint oder eine überbordende Parodie ist. Zu befürchten ist leider das erste; aber das ändert nichts an dem hohen Ulkfaktor des „deutschen Freundes".
Wirkt das Buch doch wie eine auf die Spitze getriebene Antithese zum landläufigen skandinavischen Kriminalroman, der sich durch bärbeißige Kommissare, behäbige Ermittlungen und die Entdeckung der strukturellen Langsamkeit auszeichnet. Dorph und Pasternak geben von Beginn an Vollgas.

Der erste Polizist wurde wegen seiner Homosexualität gerade zurück gestuft und lässt sich treiben (besinnt sich aber im Lauf der Handlung auf die wahre Liebe zu Frau und Kindern), der zweite Polizist verzehrt sich nach einer Kriminellen, die er selbst ins Gefängnis gebracht hat, und deren Tochter, während seine Frau gerade einen üblen Krebstod stirbt. Die Polizistin schließlich lebt in einem kriegsähnlichen Sorgerechtsstreit mit ihrem prügelnden Gemahl, ebenfalls ein rüder Angehöriger der Strafverfolgungsbehörde.
Als ob das nicht für eine ausgewachsene Milieustudie reichte, werden unsere Helden noch mit Mord, Selbstmord, Pädophilie, Naziverbrechen, politischen Missständen und dem Krieg der Geheimdienste (der ganze Familien auseinander reißen kann) konfrontiert.
Was zu einer wilden Reise durch halb Europa führt, mit Stippvisiten u.a. in Berlin, der Wolfsschanze und Danzig. Als Bonus gibt es neckische Spielereien mit der „Enigma", jenem legendären Verschlüsselungsgerät, dem Robert Harris ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

Das ist der ganz große Budenzauber, in dem ein aufgeregtes Hin und Her herrscht, und das Entsetzen über eine amoralische Gesellschaft bekundet wird, die sehenden Auges auf den Abgrund zutaumelt. Voller unplausibler Merkwürdigkeiten und hanebüchener Zufälle. Am Ende bleibt in diesem bunten Themenpark nichts übrig außer Beliebigkeit. Die vielen Episoden ziehen vorbei wie eine Karnevalstruppe mit grob geschnitzten Dämonenmasken. Spektakulär anzusehen, aber hinter dem furcht erregenden Äußeren ist doch nur ein Durchschnittsgesicht, das man schnell wieder vergisst. Es wird herum geprahlt mit grönländischen Tötungsriten, sexuell konnotiertem Kinderhandel, uneingestandener faschistischer Vergangenheit im Verbund mit aufkeimender Homoerotik; „Kritiken" nennt das laut Verlagswerbung „fern jeder politischen Korrektheit", der kritische Leser sagt dazu: „billige Sensationsmache". Denn keines der angerissenen Themen wird auch nur ansatzweise konsequent zu Ende gedacht, geschweige denn gebracht. Alles bleibt pure Behauptung, oder schlimmer noch Randbemerkung, die pflichtschuldig abgehakt wird, damit der Leser das Buch nicht weit vorm Ende mit sorgentief gerunzelter Stirn in die Ecke schmeißt.

Unterhaltungswert liegt aber tatsächlich in seiner Abstrusität. Der Deutsche Freund hat Großes vor und scheitert kläglich an seinen vermessenen Ansprüchen und seinem unbändigen Ausleben von Klischees. Derart geballt wurde solch ein wildes Stückwerk selten zwischen zwei Buchdeckel gepresst. Und so funktioniert der Roman wie der Titel eines alten Disney Films, immerhin mit dem jungen Kurt Russell in der Hauptrolle: „Es kracht, es zischt, zu seh'n ist nischt."

Also doch eine Parodie? Es so wahrzunehmen ist jedenfalls nicht die schlechteste Alternative.
Eins ist Der deutsche Freund auf keinen Fall; nämlich „harte und raffinierte Spannungsliteratur" wie das „Extra Bladet" laut Klappentext beherzt feststellt.

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