Schilf

  • Schöffling
  • Erschienen: Januar 2007
  • Frankfurt am Main: Schöffling, 2007, Seiten: 380, Originalsprache
  • München: btb, 2009, Originalsprache
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Wolfgang Franßen
50°

Krimi-Couch Rezension von Wolfgang Franßen Jun 2009

Im Pfadfinderlager des Verbrechens

Sprache ist etwas Schönes. Hat man sie erst mal für sich entdeckt, packt man die Welt darin ein und sei es das beschauliche Freiburg. Allerdings wandelt Julie Zeh nicht auf den Spuren Oliver Bottinis und schlägt sich mit einer alkoholkranken Kommissarin herum, ihr Metier ist das Geistige, die physikalische Spekulation. Den Leser erwartet nicht sogleich ein reißerisches Entre, vielmehr trifft er auf eine kunstvolle Bildbeschreibung, die sprachliche Poesie versprüht,
Bereits im erste Absatz, in dem leider auch das platt getretene Wortspiel von der Dreisam und der Einsamkeit zu dritt auftaucht, gibt die Autorin den Ton vor und der hat nichts mit Hard-Boiled, nichts mit Psychosen, nichts mit Verschwörungen zu tun.

Julie Zeh lässt sich nicht vom Genre verführen, sie bemüht sich, ihm ihren Stempel aufzudrücken, mag das Titelblatt von Schilf auch die Nähe zu Hitchcock heraufbeschwören, wir vermissen bereits auf den ersten Seiten die klaustrophobische Enge des Altmeisters, die partnerschaftlichen Abgründe einer Patricia Highsmith, die bei ähnlich gelagerter Konstellation die Idylle stets in eine Vorhölle verwandelte.

Bei Julie Zeh fühlt man sich an das deutsche Beziehungsdrama erinnert. Gründlich bespiegelt, korrekt austariert, gesellschaftspolitisch kritisch . Wir schließen uns bei Julie Zeh der Frage an. Und werden der Autorin nicht gerecht. Sie will gar keinen Krimi schreiben. Die Geschichte um die Ermordung Dabbelings und der Entführung Liams ist allenfalls ein Kriminalroman in Versatzstücken. Allerdings spielt er nicht mit dem Genre und gewinnt ihm keine neuen Seiten ab.

Harry Mulisch hat es in seinem Roman Die Entdeckung des Himmels vorgemacht, und das Schicksal einer Handvoll Wissenschaftler und Ärzte zur naturwissenschaftlichen Gesetzen unterliegenden Analyse einer illustren Gesellschaft verknüpft. Julie Zeh benutzt hingegen das Tableau. Trotz allem Beiwerk, allem Bedienen des Handwerks, die Spannung erstickt auf den ersten Seiten. Bisweilen treten dem Leser sprachmächtige Bilder entgegen. Zumeist jedoch hangelt die Autorin sich an einem detailbesessenen Alltag entlang. Formulierungen wie:

 

Die Laternen am Rand des Parkplatzes tragen weiße Röcke aus Licht.

 

gehören in die Welt der Poesie und unterstreichen gleichwohl den Ehrgeiz der Autorin, mehr zu wollen, als einem kriminalistischen Plot zur Geltung verhelfen. Warum also der Griff zum Genre? Um auszuprobieren, dass man das kann?

Schöne Sätze anstelle von Whodunnit

Die Geschichte von Maike, Sebastian, Schilf und Kollegen ist kein Whodunnit. Der Mörder ist bekannt, die Motive liegen auf der Hand, von Interesse ist allenfalls die Frage, kommt der Erpresser mit seiner perfiden Intrige durch. Was bei einer Highsmith zu einem abgründigen Kammerspiel führt, in dem die Seelenlage schonungslos im Alltag entblößt wird, gerät bei Julie Zeh zu einem platt gewalzten ach-so-tiefen-sinnieren über das menschliche Sein und hinein in physikalische Spekulation. Die Antriebsfeder ist das theoretische Spiel mit der Möglichkeit. Seltsam fern erscheinen einem die Figuren, auf Dialoge wird weitgehend verzichtet. So entsteht eine Geschichte, bei der mehr über etwas erzählt, als erfahren wird.

Die Autorin hält Abstand, sucht die Umschreibung. Wenn ein Kind verschwindet, kommt es zu der Feststellung, dass es sich bei allem um einen Drei-Wörter-Satz handelt:

 

Ich liebe dich. Ich hasse dich. Vater ist tot. Ich bin schwanger. Liam ist fort. Dabbeling muss weg. Nach einem Drei-Wörter Satz ist man ganz allein.

 

Der Liebhaber von Spannungsliteratur auch. Julie Zeh schwebt zwischen den Zeilen über ein Freiburg hinweg, das seltsam fremd schimmert. Und so ist es gut, dass ein Mordopfer zum Standbild erstarrt, bis Sebastian mit seinen Überlegungen zu Ende ist, während die Welt eigentlich aus den Fugen gerät.

Vermutlich muss man den Roman anders lesen. In ihm nicht den Suspense vermissen, sich vielmehr von seinen Beschreibungen hinweg tragen lassen, seine philosophischen Betrachtungen zu schätzen wissen, um ihn als das zu bewerten, was er sein soll.

Auf Wiedersehen, Beobachter, denkt der Kommissar am Ende.

Und wir mit ihm.

Schilf

Juli Zeh, Schöffling

Schilf

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