Gewaltige Hölle

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Buenos Aires: Editorial Legasa, 1989, Titel: 'Infierno grande ', Seiten: 105, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Eichborn, 2010, Seiten: 194, Übersetzt: Angelica Ammar

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Wolfgang Franßen
Rentner, Sex und ein Massengrab

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Mai 2009

Haben wir das nicht alle schon selber erlebt? Jemanden, der wie in "Der Tausender" seinen Schuh auf einen Geldschein stellt, um ihn heimlich für sich zu veranschlagen? Von Spannern wie in "Eine Frage der Körperöffnungen" gehört? Selber darüber nachgedacht, ob wir nicht wie in "Das Geheimnis" ein uns bekannt gewordenes Ereignis zu unserem Nutzen einsetzen? Trotzdem mangelt es Guillermo Martínez Erzählungen an Alltäglichkeit. Sie versprühen den Esprit, mehr sein zu wollen als nur eine Beobachtung.

In "Déjà-vu oder das Königreich der Horizontalen" nähert sich der Autor jenem doppelten Boden von Wirklichkeit an, der ihn, wie der Buchumschlag verspricht, als Borges Meisterschüler auszeichnet.

 

"´Das berühmte Déjà-vu’, wirft mein Vater zusammenhanglos ein. "Wenn man bedenkt, dass die Pythagoreer und später Sokrates auf dem Déjà-vu ihre Hoffnung auf frühere Leben und mutatis mutandis auf mögliche zukünftige Leben begründeten. Déjà-vu ist doch nichts als das krätzige Alter. Man muss nur lange genug leben, und irgendwann kommen einem alle Gesichter bekannt vor, ist man in jedem letzten Loch gewesen ... ."

 

Nur dass der Enkel von so viel Altersweisheit wenig hält. Er sieht sich von seiner Familie umzingelt. Da beginnt kranke Großmutter plötzlich russische Lieder aus ihrer Kindheit zu singen, obwohl sie die eigentlich längst vergessen hat. Da dämmert sie ihrem Sterben ausgerechnet auf einer jener Matratze im Krankenhaus entgegen, die aus der Fabrik des Großvaters stammte, der sich selbst als König der Horizontalen bezeichnete. Und da schreckt der Enkel beim Sex mit der Krankenschwester neben dem Bett der Großmutter vor der Färbung des weiblichen Geschlechts zurück, weil ihn ein Déjà-vu befällt. Er sieht die ganze Familie mit einmal in der Horizontalen, tot und verspürt bereits die sabbernde Flüssigkeit seines Vaters in seinem Mund.

Guillermo Martinez legt in seinem Buch Gewaltige Hölle einundzwanzig Erzählungen auf knapp einhundertzweiundneunzig Seiten vor. Für viele von ihnen ist kaum Raum zum Entfalten. Sie wirken eigentümlich verkürzt, mit aller Macht auf den Punkt, die Pointe gebracht. Zumeist wird aus der Ich-Perspektive erzählt und der enge Kreis der persönlichen Wahrnehmung nicht verlassen.

In "Was jedes Mädchen sehen soll" bittet eine Mutter einen Mann, ihrer zweijährigen Tochter seine Männlichkeit zu zeigen, damit das Kind dem Umstand entgeht, dass "alle Eltern ihre Kinder verschlingen". Einer Theorie folgend, die die Mutter sich im Buch "Erziehung und Kindermord" angelesen hat. Angeblich muss die Entblößung vor der Beendigung des zweiten Lebensjahrs vollzogen werden, um keinen Schaden beim Kind zu hinter lassen. Der Mann ist behilflich und verspricht sich davon, Sex mit der Mutter zu haben. Wozu es nicht kommen wird. Es ist naive Geschichte, bei der man sich fragt, wie dumm und naiv Erwachsene durch die Welt stapfen und der Sex als etwas erscheint, das egal, ob vollzogen oder nur angedacht, außerhalb von einem liegt.

Martinez Welt entspringt dem Hörsaal, der Mathematik, teilweise erscheinen die Erzählungen wie in "I Ging oder der Papiermann" wie Versuchsanordnungen, Gleichungen, in denen ein Handvoll Menschen aufeinander los gelassen werden.

Abgesehen von der Titel gebenden ersten Erzählung Gewaltige Hölle ist dabei kaum Thrill zu verspüren. In ihr versetzt das Verschwinden zweier Menschen ein Dorf in Panik, das sich sogleich auf die Suche nach ihnen macht. Ein Hund führt sie schließlich zu einem Leichenteil, einer Stelle, unter deren Erde die Vergangenheit grausig begraben liegt. Ein groteskes Tableau, bei dem der Hund am Ende als Schuldiger herhalten muss.

Die Zusammenstellung der Erzählungen in Gewaltige Hölle erscheint willkürlich. Auf Geschichten wie "Ein Friseur für Lew Dawidowitsch" hätte man gut verzichten können. Doch sagt man nicht: Man erinnerte sich eh nur an zwei, drei gute Erzählungen in einem Band?

Die sind es Wert gelesen zu werden.

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