Motus!

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Paris: Gallimard, 1953, Titel: 'Motus!', Seiten: 184, Originalsprache, Bemerkung: als John Amila
  • Saarbrücken: Conte, 2008, Seiten: 175, Übersetzt: Helm S. Germer

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Jochen König
Fiebriger Noir in Gestalt einer Boulevardkomödie

Buch-Rezension von Jochen König Dez 2009

Als der Schleusenarbeiter André Lenoir, genannt Dédé, die Leiche eines Kapitäns im Wasser treibend findet, beginnen nicht nur für ihn aufreibende Tage. Denn der Kapitän der Hématite ist keines natürlichen Todes gestorben. Drei Kugeln aus einem Revolver, der augenscheinlich Dédés Chef Coutre gehört, haben ihn unsanft vom Leben in den Tod befördert. Der tumbe Dorfpolizist Fumet verhaftet Coutre, worauf Schleusenarbeiter und Schiffer einen Streik herauf beschwören.

Dédé entdeckt unterdessen, dass rund um die Hématite verdächtige Aktivitäten vonstatten gehen, die mit der anliegenden Militärbasis zu tun haben.

Auf dem Heimweg wird er halbtot geschlagen, überlebt mit knapper Not und kann sich in sein protziges Heim schleppen. Dort wird er von seiner Gattin Jacqueline und deren Bruder Gregoire verarztet und beginnt sein eigenes Süppchen zu kochen. Was völlig misslingt. Denn in jener Nacht wird er beinahe selbst zum Mörder, verliert seine Frau fast an einen imaginären Nebenbuhler und muss erleben wie seine kleine Heimatinsel von Soldaten, dem Staatsschutz, einem verbrecherischen Reeder und seinen Helfern geentert wird. Dazwischen ist noch Raum für Familien- und Beziehungsdramen. Am Ende hat nicht nur der seelisch und körperlich Verletzte Indochina-Veteran Dédé den Überblick verloren.

Motus! (wie der Anhang ausschweifend erklärt: "wird wie im Deutschen: Pst!, bzw. Pscht! gebraucht. Das heißt wenn man jemand bedeuten will, dass er zu einer Sache schweigen soll." Ähnlich hakelig präsentieren sich die Übersetzung des Kollektivs, das sich hinter Helm S. Germer verbirgt, insgesamt.) ist ein Noir in Gestalt einer Boulevardkomödie. Immer wenn rechts jemand die Szene mit Getöse verlässt, torkelt von links eine neue Figur auf die Bühne. Das können Staatsschützer, finstere Mordgesellen oder Totgeglaubte sein. Jean Amila genügen 175 Seiten, um ein Höchstmaß an Chaos und Verwirrung zu stiften. Im Zentrum der verwundete André Lenoir, der im Fieberwahn durch die wüste Handlung stolpert, die neben Morden, Hochverrat, familiären Geheimnissen, Korruption, vermutetem Missbrauch, auch noch Anmerkungen zu Standesdünkel und selbstzerstörerischen Beziehungen einzubringen weiß.

Dabei gelingen Amila opulente Szenen, vor allem im Zusammenspiel Dédés und seiner Frau Jacqueline, die sich zwischen Sehnsucht und Ablehnung umkreisen und am Ende vielleicht eine kleine Chance auf eine gemeinsame Zukunft erhalten. Nicht nur, dass Jacqueline aus gesellschaftlich weit gehobeneren Kreisen als der Prolet Dédé stammt, auch scheint er ständig gegen den Schatten einer übermächtigen Liebe ankämpfen zu müssen. In Gestalt des übellaunigen Bruders Gregoire werden die Vorbehalte der Familie Jacquelines nur allzu deutlich. Doch Dédé kämpft allen hinterhältigen Attacken zum Trotz, um die Liebe zu seiner Gattin und wird möglicherweise belohnt werden.

Amila gelingt es, diesen zaghaften Kampf inmitten eines weit größeren Getümmels keineswegs untergehen zu lassen, sondern all die Ressentiments und verzweifelten Bemühungen beider Ehepartner glaubhaft darzustellen. Ob Amila zum Schluss die Übersicht verliert, oder sich schlicht den Luxus erlaubt, nicht alle Fäden zu entwirren, ist nicht eindeutig zu klären. Das interessante Nebenfiguren kommentarlos aus der Handlung verschwinden, ist zumindest bedauerlich. Da der Leser aber weitgehend auf die Beobachtungen des delirierenden Dédé angewiesen ist, auch nachvollziehbar.

Motus!, dessen selbstsichere und sich um Konventionen wenig scherende Attitüde, am Rande von Wahn und Wahnsinn, wie ein früher Vorläufer von Twin Peaks wirkt, findet zwischen Jim Thompson, Joseph Conrad und Emile Zola im Vollrausch eine unbehauene, aber eindrucksvolle Nische. Dem rührigen Conte Verlag ist es zu verdanken, dass auch dieses mit Schwächen behaftete und dennoch ergötzliche Frühwerk Jean Amilas zurecht seine deutsche Veröffentlichung erlebt.

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