Eishauch

  • Knaur
  • Erschienen: Januar 2009
  • New York: Random House, 1999, Titel: 'City of Ice', Seiten: 403, Originalsprache
  • München: Knaur, 2009, Seiten: 587, Übersetzt: Friederike Levin
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Jochen König
86°

Krimi-Couch Rezension vonMai 2009

Faszinierender kanadischer Noir

Wieder einmal ist der Originaltitel der deutschen Ausgabe um Längen überlegen. "Eishauch" klingt nach horriblem Öko-Thriller und davon ist John Farrows Buch weit entfernt. City of Ice ist da wesentlich treffender, denn Montreal im tiefsten Winter ist die Stadt aus Eis, und das bezieht sich nicht allein auf Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Denn die kanadische Großstadt befindet sich im Ausnahmezustand. Auf den Straßen herrscht Krieg, im Mittelpunkt augenscheinlich zwei Biker-Gangs, die "Rocket Machine" und die "Hells Angels". Doch die Drahtzieher sitzen woanders. Während die Mafia immer mehr an Boden und Einfluss verliert, breiten sich russische Gangster aus, nicht selten unterstützt von ehemaligen KGB Agenten auf der Suche nach neuen Betätigungsfeldern. Was natürlich der CIA nicht verborgen bleibt, die gerne im kanadischen Ausland eine Schlacht im Untergrund gegen alte und neue Bedrohungen ausficht.

Als Detective Sergeant Emile Cinq-Mars zusammen mit seinem Partner Bill Mathers die Leiche eines jungen Informanten findet, geschmückt mit dem Hinweis "Frohe Weihnachten, M5", der sich direkt an ihn richtet, weiß er sofort, dass dieser Mord folgenschwere Auswirkungen haben wird. Denn der Kreis der Verdächtigen reicht bis in den Polizeiapparat hinein.

Obwohl Emiles Motto "Traue niemandem!" ist, findet er nicht nur in seinem Partner sondern auch dem engagierten Journalisten Okinder Boyle wertvolle Unterstützung.
Cinq-Mars, der Polizist mit dem legendären Ruf und der exorbitanten Aufklärungsquote hat ein ganz einfaches Rezept für seinen polizeilichen Erfolg. Er besitzt eine bestens unterrichtete anonyme Quelle, die ihm erfolgsverheißende Hinweise en masse liefert. Je weiter sich Cinq-Mars aber auf die Fährte des ermordeten Hagop Artinian begibt, eines Adepten seines Tippgebers, um so mehr verdichtet sich der Verdacht, dass sein "Steeplechase Arch" genannter Informant, eine Schlüsselfigur in jenem Mordfall und dem Bandenkrieg ist.

Als Cinq-Mars herausfindet, dass sein Kontakt vermutlich gerade dabei ist, die junge, naiv-abenteuerlustige Studentin Julia Murdick um jeden Preis in den kriminellen Untergrund einzuschleusen, erweitern sich seine Ziele: jetzt will er nicht nur den Mord an Artinian aufklären, sondern auch die junge Frau retten. Ein ungleicher Kampf, doch Cinq-Mars hat einiges an skrupelloser Raffinesse aufzubieten, um die zahlenmäßige Überlegenheit seiner Gegner auszugleichen.

Eishauch ist das Porträt einer heillosen Welt, in deren Mittelpunkt John Farrow den Sergeant-Detective Emile Cinq-Mars gesetzt hat, einen überzeugten Katholiken, der sich genau nach jenem verlorenen Heil sehnt, aber Realist genug ist, um zu wissen, dass dies ein frommer Wunsch ist. Zwar hat er sich außerhalb Montreals, der zweiten "Hauptfigur" des Romans, seine Enklave geschaffen, inklusive liebender Ehefrau und Pferdezucht, doch selbst diese ländliche Idylle bleibt keine Unberührte. Leise Beziehungszweifel und eine mögliche Bedrohung durch die sich ausbreitende Gewalt werfen düstere Schatten hinaus auf's Land.

In Montreal, scheint es, hat das Verbrechen längst gewonnen. Offiziell tobt ein Krieg zwischen zwei verfeindeten Motorrad-Banden, doch bald zeigt sich, das wesentlich mehr Parteien an den brutalen Scharmützeln beteiligt sind. Farrow räumt auf mit dem Trugbild einer gemütvollen Touristenattraktion, dem verklärten Ideal einer Metropole, in der man nachts die Haustür unverschlossen halten kann, und in der, trotz freien Waffenbesitzes, die Verbrechensrate niedrig ist. Sein Montreal ist ein mitleidloser und kalter Ort, unabhängig vom Wetter, voller schmutziger Hinterhöfe, einem Hafen, in dem Gangster und Geheimdienste ihre Geschäfte abwickeln, wie multinationale Großkonzerne mit der Lizenz zum Töten. Maximaler Profit ist das Signum unter dem sich alle Parteien treffen, und nicht einmal Cinq-Mars ist davon auszuschließen. Hat er sich seinen legendären Ruf doch nicht durch hervorragende Polizeiarbeit verdient, sondern durch den glücklichen Umstand, dass ihm ein anonymer Informant die dicksten Brocken zum Fraß hinwirft. Als er verstärkt dessen Motivation und Interessen hinterfragt, gibt es Tote und Verbrechen mit einer auf Cinq-Mars hindeutenden Widmung. Doch ein Erzkatholik, der glaubt Schuld auf sich geladen zu haben, arbeitet um so effektiver.

Und das ist auch nötig, denn Korruption und Verrat haben die Gesellschaft zerfressen und machen natürlich nicht vor der Polizei halt. Der unbestechliche Cinq-Mars lässt sich davon nicht beirren, im Gegenteil, er setzt mit Kalkül darauf und behält am Ende recht. Auch wenn ein hoher Preis dafür zu bezahlen ist. Sein Wahlspruch "Traue niemandem!" ist hingegen nur ein Lippenbekenntnis, denn zweifellos ist er auf Verbündete angewiesen. Die er glücklicherweise besitzt.

Dieser ironische Kniff ist eine der großen Glanzleistungen John Farrows. Zwar zeichnet er Emile Cinq-Mars als einsamen Wolf, als jenen klassischen Einzelgänger, der sich durch die Schar seiner Widersacher wälzt, um am Ende wenigstens der Gerechtigkeit Genüge tun zu können, wenn schon nicht dem Gesetz. Doch immer bleibt deutlich, dass er nur ein Teilchen in einem großen Getriebe ist. Er kann zwar manipulieren und aktiv tätig werden, doch um Ergebnisse zu erzielen, ist er auf Hilfe angewiesen.

Eishauch ist ein höchst komplexer Roman, der sich manchmal in der Vielzahl seiner Figuren und unterschiedlicher Motivationen zu verlieren droht. So bleibt die zunächst exponiert eingeführte Spezialeinheit zur Bekämpfung der Bandenkriminalität, die "Wolverines", schmückendes Beiwerk im Hintergrund, während Julia Murdicks Initiation eher als Störung des Erzählflusses erscheint. Doch Farrow gelingt es, diese nebeneinander her laufenden Entwicklungen, zum Ende hin zu komprimieren und höchst effektiv aufzulösen.

Dabei scheut er sich nicht vor gelegentlichen Ausbrüchen heftiger Brutalität, die jedoch nie zu reinem Selbstzweck mutieren, sondern stets Zeichen einer Gesellschaft sind, die jedes Maß verloren hat. Nicht umsonst ist Eishauch dem elfjährigen Daniel Desrochers gewidmet, der zufälliges Opfer einer Autobombe wurde. Ein Ereignis, das seinen Niederschlag im Roman findet.

Wenn auch einzelne Opfer gerettet werden können, bleiben die Löcher, die das organisierte Verbrecher und seine Widersacher reißen, bestehen. Da können Cinq-Mars und seine lauteren Kollegen stopfen, so viel sie wollen - noch hält der Damm, doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis er bricht.

Der kanadische Autor Trevor Ferguson, der sich hinter dem Pseudonym John Farrow verbirgt, hat mit Eishauch ein ungewöhnlich vielschichtiges und spannendes Kriminalroman-Debüt vorgelegt (unter seinem eigenen Namen verfasste Ferguson zuvor bereits sieben hoch gelobte, aber wenig erfgolgreiche Romane). Bleibt zu hoffen, dass nicht noch einmal eine Dekade vergehen muss, bis Ice Lake, der nächste Roman um Emile Cinq-Mars auf Deutsch erscheint.

Vielleicht dann auch in adäquater Aufmachung und einer Übersetzung, die den Unterschied zwischen Maschinengewehr und Maschinenpistole kennt.

Hintergrundberichte zum realen Rockerkrieg, der zwischen der Biker-Gang "Rock Machine" und den "Hells Angels" Mitte bis Ende der 90er in Quebec tobte, und der rund einhundertfünzig Opfer forderte, finden sich hier.

Eishauch

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