Die 52

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • München: Blanvalet, 2009, Seiten: 447, Übersetzt: Fred Kinzel

Couch-Wertung:

51°
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Jochen König
Eine klischeehafte Mixtur aus Karl May, Dan Brown und fantastischem Action-Adventure

Buch-Rezension von Jochen König Apr 2009

Als der amerikanische Autor Adam Sabir sich mit dem Zigeuner Babel Samana trifft, ahnt er nicht, dass dieses Zusammenkunft sein ganzes Leben radikal auf den Kopf stellen wird. Der drogensüchtige Samana hat angeblich ein geheimes Manuskript des Nostradamus in seinem Besitz, das er an den Höchstbietenden verkaufen möchte. Doch zu einem Verkaufsgespräch kommt es nicht, stattdessen macht Samana den überrumpelten Sabir zu seinem Blutsbruder. Wenig später ist Babel Samana tot und Adam Sabir, dessen Blut überall an Samanas Kleidung klebte, der Hauptverdächtige in einem Mordfall. Er flieht, mit zwei letzten Worten Samanas als vagem Hinweis auf sein weiteres Vorgehen. Der amerikanische Autor ist ein findiges Kerlchen und stößt bald auf Babels Sippe, allen voran dessen Schwester Yola. Nachdem man ihn als mutmaßlichen Mörder zunächst umbringen will, kann er den Rat der Zigeuner und Yola überzeugen, dass er unschuldig ist. Er bleibt am Leben und wird zum offiziellen Beschützer Yolas. Zusammen mit dem in Yola verliebten Alexi, begibt sich Adam auf die Suche nach Nostradamus Manuskript, das jene 52 Verse enthält, die angeblich das Armageddon voraussagen, allerdings auch die Möglichkeit in Aussicht stellen, es zu verhindern. Dummerweise ist ihnen nicht nur die Polizei, in Gestalt des integren Inspektor Calque und seines sich selbst überschätzenden Assistenten Macron, auf den Fersen, sondern auch ein erbarmungsloser Killer. Jener Anchor Bale ist im Auftrag der mysteriösen "Corpus Maleficus"-Vereinigung hinter dem Manuskript her, um es zu vernichten. Dabei kommt es ihm auf den ein oder anderen Toten nicht an. So entwickelt sich eine wilde Hatz durch ganz Frankreich, von einem möglichen Versteck der Weissagungen zum nächsten. Der raffinierte und skrupellose Bale ist seinen potenziellen Opfern meist einen Schritt voraus und hinkt trotzdem hinterher. Zwischen Zigeunerfesten, schwarzen Madonnen und fast behaglichen Zufluchtsorten, schlagen sie ihm immer ein Schnippchen. Bis zum Finale.

Karl May ist zurück. Sein Old Shatterhand ist ein nicht ganz so schlagkräftiger amerikanischer Schriftsteller, der über sich hinauswachsen darf. Winnetou ist zum spitzbübischen Zigeuner mutiert, keineswegs so edel wie das indianische Vorbild, aber hilfreich und gut allemal. Nscho-tschi ist jetzt Shatterhands "Blutsschwester" und möglicherweise künftige Gattin Winnetous. Als Apachen fungiert die bunte Zigeunerschar, deren archaische Riten, Feste und Richtlinien seitenlang, laut Glossar versetzt mit wohlklingenden "Begriffen aus Zigeunersprachen", vorm Leser ausgebreitet werden. So entsteht das klischeehafte Bild einer Gemeinschaft, die parallel zu den Gesetzen und Zeitläufen der modernen westlichen Zivilisation existiert. Reading lenkt dabei gezielt den Blick auf das Pittoreske, Mythenhafte; eine semi-dokumentarische Analyse dieser Gesellschaft innerhalb der Gesellschaft interessiert ihn nicht. So ist munter unterschiedslos von "Zigeunern" die Rede, nur zu Beginn werden Sinti, Roma und der französische Begriff "Gitan" kurz erwähnt. Allerdings ohne tiefergehende Bemerkungen in einem ansonsten vor Erklärungswut nur so berstenden Buch. Aber Realistisches, Aufklärung gar, ist nicht das Anliegen des Romans. Er will unterhalten, mit atemlosen Aktionen, kleinen Sensatiönchen und dem Versprechen, dass trotz Nostradamus Vorhersage des Weltuntergangs alles gut gehen könnte, wenn der Richtige der Bewahrer der 52 Strophen wird. Dass Adam Sabir am Ende in diese Rolle hineinwächst, muss nicht extra betont werden.

Dann gibt es noch die Gegenseite, personifiziert durch den skrupellosen, nahezu übermenschlichen Killer Anchor Bale, der sich wie weiland Robert Patricks T-1000, das fortgeschrittene Terminator-Modell, als nahezu unzerstörbar erweist. Seltsamerweise aber immer an der Eliminierung des unbedarften Adam Sabir und seiner Freunde scheitert.

Die ewig gleiche Masche, das Flüchten der drei Protagonisten, das plötzliche Auftauchen des raffinierten Meuchelmörders, gepaart mit dem Versagen der Polizei, langweilt auf Dauer in seiner Vorhersehbarkeit. Vor allem, weil nie klar wird, was der "Corpus Maleficus" letztlich bewahren, bzw. verhindern will. Die Brisanz der geheimsten aller Vorhersagen Nostradamus wird immer nur behauptet, das Wenige, dass der Roman offenbart, lässt nur einen Schluss zu: die begeisterten Gläubigen werden die Offenbarungen möglicherweise als neue Bibel betrachten, der Rest der Welt wird schulterzuckend weiter existieren. Nichts, was die bekannten Texte nicht auch schon bewirkt hätten. Warum also der ganze Budenzauber? Damit der Leser flüchten kann in eine Welt der Mythen und Geheimnisse, der Faszination einer atavistischen Weltanschauung. Voll gepackt mit Rätseln und Herausforderungen, die nichts anderes als Sprungbretter ins nächst höhere Level sind. So pendelt Die 52 zwischen Karl May, Dan Brown und fantastischem Action-Adventure, bevölkert von Figuren, deren Eindimensionalität ebenfalls gut in ein Computerspiel passen würde.

Zu Beginn lässt die fiebrige Ungewissheit und Unsicherheit, durch die sich Sabir tasten muss, tatsächlich Spannung entstehen. Doch je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr langweilen die Stereotypen und Wiederholungen ähnlicher Versatzstücke.

Das mag für ein paar Stunden am Strand oder in der Badewanne reichen, für einen verschwendeten Gedanken im Anschluss an die Lektüre hingegen nicht.

Allein die Vorstellung, dass ein EINZELNER menschlicher Antichrist die Welt in den Abgrund zu reißen vermag, ist angesichts globaler Katastrophen, permanent versagender Großkonzerne und nur auf das eigene Wohl bedachter Multiinternationalisten schlichtweg lächerlich. Nur übertroffen von der Vorstellung, dass Winnetous und Nscho-tschis Sohn der neue Messias sein könnte.

Wobei dieser Gedanke schon wieder was hat.

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