Der Venusmörder

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Buenos Aires: Planeta, 2001, Titel: 'La plegaria del vidente', Originalsprache
  • München: Piper, 2009, Seiten: 252, Übersetzt: Petra Zickmann

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Thomas Kürten
Stochern im Nebel der Wahrheit

Buch-Rezension von Thomas Kürten Mär 2009

In Mar del Plata an der argentinischen Küste geht ein Serienmörder um. Die Prostituierten im Vergnügungsviertel La Perla müssen bei jeder Begegnung mit einem Freier fürchten, einem gefährlichen Psychopathen in die Hände zu fallen. Der Killer schlägt plötzlich und unerwartet in immer kürzeren Abständen und mit chirurgischer Akribie zu, um dann die Leichen im Straßengraben wieder abzulegen. Er folgt keinem Muster, hinterlässt keine Spuren und auch im Leben der Opfer scheinen keine gemeinsamen „Bekannten" zu existieren, die auf einen möglichen Zusammenhang schließen ließen.

Wer regelmäßig lateinamerikanische Krimis liest, kann erwarten, dass er immer wieder Romane mit literarischen Ansprüchen in Händen halten wird. Literarisch anspruchsvoll - dieses Attribut trifft sicherlich auch auf den Venusmörder des Argentiniers Carlos Balmaceda zu. In seinem Roman verarbeitet der Autor einen der Realität entlehnten Stoff: Tatsächlich hielt ein Serienmörder Mar del Plata lange Zeit in Angst und Schrecken. Doch nicht diese Tatsache allein, sondern vielmehr die Art der Präsentation und Erzählung machen den „Venusmörder" zu einem ungewöhnlich gelungenen Roman.

Drei Jäger und ein flinker Hase

In loser Folge die Perspektive wechselnd erzählt Balmaceda die Suche nach dem Mörder aus der Sicht von drei Männern, die auf ihre Weise Spuren zu finden hoffen. Zum einen ist da Comisario Bilbao, genannt „der Baske", der mit den Methoden der Polizei die Öffentlichkeit beruhigen und seinen eigenen Job retten will. Zum anderen sind da ein Journalist, dessen Hauptinteresse bei den Mordfällen seiner Schlagzeile für den nächsten Tag gilt. Und da ist ein Seher, ein Mensch mit übersinnlichen Fähigkeiten, dem seine Albträume düstere Vorzeichen verraten.

Alle drei begeben sich auf ihre Art und Weise auf die Suche nach dem Mörder und kommen ihm dabei bedrohlich nahe. Doch während der Comisario gegen eine linkische Staatsanwältin, einen publicitysüchtigen Gerichtsmediziner und ungeduldige Vorgesetzte antreten muss und er vor lauter Gemauschel und Manipulation den Fall beinahe aus den Augen verliert, gerät der Reporter bei seiner Suche nach Zerstreuung zwischen den blutigen Schlagzeilen immer wieder ins Rotlichtviertel. Zeitweise erweckt er beim Leser den Eindruck, dass aufgrund seiner kruden und gewalttätigen Gedanken auch er der Täter sein könnte.

Der Kern der Wahrheit

Doch ein blinder Mann mit übersinnlichen Kräften kommt durch seine Visionen der Identität des wahren Täters sehr nahe. Er ist die zentrale Figur in diesem Roman, ein Mann, der in seinen Träumen die Wahrheiten des Lebens sehen kann und zu Jugendzeiten vor dieser Wahrheit entfliehen wollte, indem er sich selbst blendete. Oftmals ist die Wahrheit nicht das, was die Menschen gerne als Wahrheit sehen wollen. Dies ist die Kernaussage des Romans. Voreingenommenheit kann so sehr blenden, dass einige mögliche Wahrheiten von vornherein ausgeschlossen werden.

Der Journalist und besonders der Comisario gehen sogar so weit, dass sie sich Fakten zurechtlegen und nach eigenem Gutdünken interpretieren. Beide agieren in ihren eigenen Realitätsmustern und spüren deshalb nicht die Gefahr eines unberechenbaren, aber realen Täters, dem sie mehr oder weniger zufällig viel zu nahe kommen. „Der Venusmörder" ist ein ungewöhnlich beängstigender Thriller über das Geschäft mit der Wahrheit und dem, was als Wahrheit verkauft werden kann. Wer durch die sicherlich sehr anspruchsvolle Erzählung den Zugang zu den Charakteren gefunden hat, dem sei ein Gänsehautfinale garantiert.

Der Venusmörder

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Letzte Kommentare:
04.08.2009 21:30:39
Brengel

Ich habe das Buch lediglich aus einer Laune heraus gekauft - und habe offenbar einen Glücksgriff getan: Eine eindringliche und zugleich humorvolle Sprache, eine verstörende, sehr dicht erzählte Geschichte und gelungene Perspektivwechsel zwischen den drei Erzählern Seher, Baske und Journalist machen das Buch sehr lesenswert. Tempo und Spannung werden immer mehr bis zu einem Herzschlagfinale gesteigert - und zu dann erfährt man nebenbei auch noch eine menge über Argentinien. Wie Balmaceda das alles auf lediglich 250 Seiten bekommen hat, bleibt mir schleierhaft. Großartiger Roman.

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