Hochzeitsflug

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • München: dtv, 2009, Seiten: 464, Übersetzt: Stefan Moster
  • Helsinki: WSOY, 2001, Titel: 'Uhrilento ', Seiten: 438, Originalsprache

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Jörg Kijanski
Ein Frühwerk des Autors, dass dessen Potentail bereits erkennen lässt

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jan 2009

Nach seiner Trennung von Sara hat sich der deutsche Hirnforscher Christian Brück vor einigen Monaten in Tina Carabella verliebt. Daher passt es Christian gar nicht, dass Tina aus beruflichen Gründen einen Tag vor ihm von Frankfurt nach Nizza fliegen möchte, wo die beiden heiraten wollen. Aber es kommt alles ganz anders, denn Tinas Flugzeug stürzt an der Küste Montenegros ins Meer und als wäre dies nicht tragisch genug, fehlt von den Passagieren jede Spur. Eine Abteilung der US-Luftwaffe übernimmt vor Ort die Ermittlungen, doch diese sind alles andere als aufschlussreich. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass die Hintergründe verschleiert werden sollen. Selbst seltsame Himmelserscheinungen werden als mögliche Ursache ins Spiel gebracht.

Gemeinsam mit Rebecca, deren Mann ebenfalls in der Maschine saß, fliegt Christian kurzerhand nach Montenegro, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Als ihm ein Mann ein Video aus dem Flugzeug kurz vor dem Absturz anbietet, greift Christian zu, muss aber seinen Pass als Pfand zurück lassen, da er nicht den geforderten Geldbetrag bei sich hat. Am nächsten Tag will Christian das Geld übergeben, findet den Einheimischen allerdings nur noch mit einer Schusswunde in der Stirn in dessen Wohnung auf. Als er wenig später am vereinbarten Treffpunkt auch Rebecca auf die gleiche Weise ermordet auffindet, ahnt Christian, dass die Videokassette brisante Informationen enthält. Nicht weniger brisant sind die Ergebnisse, die Sara währenddessen in Tinas Wohnung findet. Demnach war Tina in einer Sekte namens Der Neue Morgen und auch sonst nicht die Person, die Christian zu kennen glaubte...

 

Schon früher hatte Remes ein feines Gespür für hohes Tempo.

Ilkka Remes gehört inzwischen zu den Topautoren des Thrillergenres und so geschieht was nahezu immer geschieht. Die Computer werden durchleuchtet, ob sich vielleicht auf irgendeiner verstaubten Festplatte ein Manuskript des Autors befindet, dass sich - mit einigen Jahren Verspätung - vielleicht doch noch vermarkten lässt. Dazu nehme man den Standardaufkleber "Tipp des Monats" und ein flottes Zitat auf dem Cover: "Dieses Buch ist das Ereignis des Jahres!". Dies meint(e?) zumindest die Aamulehti, Finnlands zweitgrößte Tageszeitung.

Sieht man darüber hinweg, dass die Geschichte im Jahr 2000 spielt, das Mobiltelefon noch weitgehend unbekannt ist und zudem (u. a.) mit der guten alten Deutschen Mark bezahlt wird, dann erhält man einen Thriller, der dem üblichen Mainstream des Genres durchaus gewachsen ist. Ilkka Remes lässt hier bereits erkennen, dass er ein feines Gespür für hohes Erzähltempo hat. Ständig wechselt das Szenario, neue Figuren werden im Akkord eingefügt und dank sehr kurzer Kapitel wird es nie langweilig. Nur einzelne Passagen sorgen für eine wohltuende Unterbrechung des mitunter mörderischen Tempos. Dies natürlich im doppelten Wortsinn, denn die Bösen gehen ja bekanntlich über Leichen.

Eine gefährliche Sekte oder (doch nur wieder) die Amis?

Aber wer sind die Bösen überhaupt, fragt sich Christian, der mit zunehmender Handlung immer weniger weis, wer denn die Frau war, die er heiraten wollte? Die Leser wissen zwar ein ganz kleines bisschen mehr, doch sorgt Ilkka Remes für reichlich Verwirrung. Die Handlung spielt zunächst an zahlreichen Orten (Frankreich, Deutschland, Montenegro und den USA), bevor sich später dann alles nach und nach zusammen fügt. Viel später.

Alles wie gehabt: Kurze Kapitel, hohes Tempo und jede Menge Klischees.

Den "Vorteilen" (kurze Kapitel, hohes Tempo, viel Gemetzel und noch mehr Verfolgungsjagden) stehen die altbekannten Genreschwächen gegenüber. Gut und Böse sind klischeehaft-stereotype Figuren, die nie greifbar sind. Normale Menschen wie beispielsweise der Protagonist, im eigentlichen Leben Wissenschaftler, scheuen keinerlei Risiken, wenngleich Remes sich Mühe gibt, dies zumindest ein wenig zu kaschieren. Allerdings nur oberflächlich. Mehrmals gerät Christian in die Hände der Bösen oder verletzt sich (wirkt dadurch also nicht gänzlich unangreifbar), um dann doch immer wieder erfolgreich fliehen zu können. Notfalls tauchen (so nicht nur am Schluss) aus heiterem Himmel unerwartete Helfer auf. Über die mehr als merkwürdige Arbeitsauffassung der Polizei in Montenegro, aber insbesondere auch der in Frankreich, hüllen wir hier den Mantel des Schweigens und erwähnen zudem nur beiläufig, dass nicht jeder Erzählstrang sauber zu Ende geführt wird.

Man mag solche Romane lieben oder nicht. Wer sich für derartiges 08/15-Rumgebolze erwärmen kann, der wird sich kurzweilig unterhalten, wenngleich die Auflösung das ständige Konstruieren der Handlung auf die Spitze treibt. Remes überspannt den Bogen beim Finale deutlich, lässt aber - wie erwähnt - bereits in diesem frühen Werk sein Potential erkennen.

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