Abwärts

Erschienen: Januar 1984

Bibliographische Angaben

  • Bielefeld: Pendragon, 2009, Seiten: 258, Originalsprache
  • München: Heyne, 1984, Seiten: 189, Originalsprache

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Peter Münder
Schock im Schacht

Buch-Rezension von Peter Münder Jan 2009

Abwärts, der packende Fahrstuhl-Thriller von 1984 mit Götz George´ und Renee´ Soutendijk in den Hauptrollen, ist einer der erfolgreichsten deutschen Filme der letzten zwanzig Jahre. Frank Göhre, der mit Carl Schenkel das Drehbuch schrieb, hat nun den Roman zum Film nachgeliefert und die faszinierende Entstehungsgeschichte in einem Nachwort festgehalten- ein unwiderstehlicher Lesegenuß.

Sind die einfachsten Stories, wie "Abwärts" demonstriert, nicht oft die spannendsten? In einem Bürohochhaus steigen an einem Freitagabend vier Personen in den Fahrstuhl; es geht zwar abwärts, doch dann bleibt der Lift auf hundert Meter Höhe stecken und der normale Feierabend wird für das eingeschlossene Lift-Quartett Marion, Jörg, Pit und Gössmann zum Horror-Trip. Man streitet sich bald über richtige Pannenbewältigungs- Strategien, versucht Panik-Attacken in den Griff zu bekommen, entdeckt grundlegende Animositäten gegenüber den anderen Pannenopfern, grübelt über eigene Fehler nach, über Beziehungskrisen, Berufsintrigen und Karriereknicks. Es kommt sogar- oben auf der Fahrstuhlkabine, im Fahrstuhlschacht- zum lebensgefährlichen Showdown zwischen dem blasierten Werbetexter Jörg und dem jungen Kurierfahrer Pit. Das alles hatte die mitreißende "Abwärts"- Verfilmung 1984 (Regie: Carl Schenkel) grandios umgesetzt. Frank Göhre hatte damals zusammen mit dem Regisseur Carl Schenkel das Drehbuch geschrieben; nun liefert er den Roman zum Film, was manche Film-Fans vielleicht skeptisch beurteilen dürften. Doch diese Skeptiker können beruhigt sein- der Roman ist so spannend wie der Film und Göhres Bericht über die Entstehungsgeschichte und die Verwirklichung der Idee bis zum fertigen Drehbuch und dem Kino-Hit liest sich auch wie ein Krimi.

Göhre ging es ja nie nur um reißerische Spannungsmomente oder um plumpe Effekthascherei- in seinen Krimis ("St. Pauli-Trilogie", "Zappas letzter Hit") wurde immer eine sozialkritische Dimension gesellschaftlicher Verhältnisse thematisiert. Vor allem stand für Frank Göhre immer die grenzenlose Gier nach Geld und Sex seiner meist im Abseits stehenden Figuren im Mittelpunkt. Für Leser seiner neuesten Romane dürfte es faszinierend sein, diese Aspekte jetzt wieder im "Abseits"-Roman zu entdecken- hochkonzentriert und in knackigen Dialogen so auf den Punkt gebracht, dass das psychologische Dilemma der Figuren, ihre Realitätsverkennung, ihr autosuggestives Dahindämmern in einem bequemen Lebenslügen-Konstrukt, deutlich wird.

Jörg, der arrivierte Werbetexter, hält sich immer noch für unwiderstehlich. Hatte er seine Kollegin Marion nicht in den Job eingewiesen, hat er ihr nicht alles beigebracht, was ihr dann Erfolg und Prestige einbrachte? Hatten sie damals nicht eine heiße Affäre gehabt? Warum soll er nun bei ihr abgemeldet sein? Bloß weil da nun der komische Freund Robby aufgetaucht ist? Doch Marion ist die erste, die bei der Panne im Fahrstuhl durchdreht, hysterisch wird und ihn als passiven Schlaffi verhöhnt. Immer wieder stachelt sie Jörg an, etwas zu tun- als ob er der praktische deus ex machina mit dem neuesten Turbo-Schrauber aus dem Baumarkt wäre. Da sich der junge Pit über den Sprücheklopfer Jörg mokiert ("das bringt alles gar nichts!"), will Jörg es dem fatalistischen Schnösel erst Recht zeigen- also klettert er durch eine offene Abdeckung auf das Kabinendach und laboriert an Kabeln und Verstrebungen herum, während der unauffällige, maulfaule und verschüchterte alte Buchhalter Gössmann sich in einer Ecke verbiestert an seine große Tasche klammert und meistens nur den Voyeur spielt.

Bestechend am Abwärts-Roman ist die geradezu expressionistische Dichte, mit der in wenigen, kurz angerissenen Stichworten die Sehnsüchte, Hoffnungen und Versagensängste- ein ganzes Leben- auf einige Sekunden komprimiert wird und vor uns als innerer Monolog abläuft. Als Pit beim Reparaturversuch oben auf der Fahrstuhlkabine abrutscht und beinah in die Tiefe gestürzt wäre, gehen ihm einzelne Szenen durch den Kopf: "Wie er unter dem Küchentisch hockte, die Hausschuhe seines Vaters vor sich. Das Gesicht der Mutter, Tränen in den Augen. Der Pausenhof. Eine Tüte Milch in der Hand. Mit dem Moped auf vereister Straße. Ein auf ihn zufliegender Schraubenschlüssel. Herumflatternde Papiere. Pommes mit Ketchup. Stimmen, wirr, unverständlich, weit weg. Deutlich nur sein Name. "Peter, du hast. Peter, du sollst. Pit. Pit!" Ein durchdringender Schrei".

Dass "Abwärts" kein Selbstgänger war, dass das Duo Göhre/Schenkel sich eineinhalb Jahre Zeit für das Drehschreiben nahm und auf frühe Tingeltouren mit Treatments und auf das Antichambrieren bei Produzenten verzichtete, um sich erst mal in Ruhe auf das Fertigstellen eines (fast) perfekten Drehbuchs zu konzentrieren, beschreibt Frank Göhre in seinem Nachwort über die Geschichte des Films, das gleichzeitig ein später Nachruf auf den 2003 gestorbenen Carl Schenkel ist. Wunderbar und begeisternd, wie lakonisch Göhre die kuriosen Entwicklungsphasen ihres "Abwärts"-Projekts beschreibt: Von der "Viel brauche ich nicht"-Idee bis zum hochgeschraubten Millionen-Etat mit den großen Stars Götz George, Renee´ Soutendijk, Hannes Jaenicke und Wolfgang Kieling sowie einer Glamour-Premiere mit großem Medienrummel. Trotzdem war der Film zuerst kein Hit- erst nachdem Götz George als Wettkandidat bei "Wetten dass..." auftrat, wurde "Abwärts" ein Riesenerfolg. Im Pressetext wurde der Film damals übrigens mit den knackigen Sätzen angekündigt "Drei Männer und eine Frau, die sich nicht mehr unter Kontrolle haben. Eingesperrt auf engstem Raum, irgendwo zwischen dem 27. Stockwerk und dem Abgrund"- und genauso eine Situation ergab sich am letzten Drehtag, nach Aufnahme der letzen Szene. O-Ton Frank Göhre im Nachwort: "Ich half dem Produktionsleiter Erwin Mäkelburg und seinem Kollegen Axel Golsner beim Packen einiger Materialkisten, wir überzeugten uns noch einmal, dass nichts liegengeblieben war und schleppten das Zeug in den Fahrstuhl. Wir waren im 27. oder 29. Stock, Mäkelburg drückte auf "E" und es ging- abwärts. Es ging derart rasend schnell, dass wir einen Moment brauchten, bis uns klar wurde, wir fuhren nicht hinunter, die Kabine sauste in die Tiefe. Ich schrie, Golsner schrie- Mäkelburg aber brachte den Spruch: "Das war´s dann, Leute! Aus, Ende!" Doch dann griff eine Fangvorrichtung..."

Während Sartre ja noch (im Einakter Geschlossene Gesellschaft) die These formulierte "Die Hölle, das sind die anderen", zeigt Göhre in Abwärts den Alltag als zermürbende Hölle und spannenden Psycho-Thriller. Hier, auf engstem Raum, wo die Probleme und Konflikte der vier Eingeschlossenen hoch kochen, wird plötzlich deutlich: Nicht die anderen sind die Hölle, sondern jeder Einzelne bereitet sich selbst seine eigene Hölle- allerdings mit Hilfe der anderen Leidensgenossen. Keine Frage: Abwärts ist auch als Roman ein großer, rundum gelungener Wurf.

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