So sollt ihr sterben

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Warschau: Wydawnictwo, 2007, Titel: 'Przystanek śmierć', Originalsprache
  • Berlin: List, 2008, Seiten: 461, Übersetzt: Antje Ritter-Jasińska

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Jochen König
Eine Schraube locker in Sachen Straßenbahnen

Buch-Rezension von Jochen König Jan 2009

Ein erstochener pensionierter Lehrer in einem Straßenbahnwaggon bildet den Auftakt einer Mordserie, die Warschau erschüttert. Weitere Leichen tauchen auf, immer in Verbindung mit Straßenbahnlinien und -haltestellen. Für Kommissar Nowak und sein Team gestalten sich die Ermittlungen schwierig, da es nur wenige Zeugen gibt und Beziehungstaten nahezu ausgeschlossen werden können. Erst, als sich der von den Medien "Straßenbahner" getaufte Serienkiller mit Hinweisen an Adam Nowak wendet, erscheint ein Ende der Mordserie in Sicht.

"Wir haben eine Schraube locker in Sachen Straßenbahnen", heißt es an zentraler Stelle im Text. Selten hat sich ein Buch besser selbst beschrieben. Nicht nur, dass die Kapitel nach Straßenbahnlinien benannt wurden, wir dürfen Kommissar Nowak auch zur Versammlung eines Straßenbahn-Fanclubs begleiten, lernen ein nahezu geheimes Straßenbahnmuseum kennen und können am Ende des Romans das Auto bequem am Stadtrand Warschaus stehen lassen. Denn der öffentliche Nahverkehr hat sich dem Leser völlig erschlossen. Wer dann immer noch nicht genug vom Schienenverkehr hat, bekommt im Anhang einige Internetseiten von Autor Tomasz Konatkowski präsentiert, die eine weitergehende Beschäftigung mit dem Thema ermöglichen.

Doch nicht nur die innerstädtischen Verkehrsbedingungen beschäftigen Nowak auf der Suche nach dem Mörder. Auch die Geschicke des minderbemittelten Fußballclubs Polonia Warszawa und dessen Kampf gegen den Abstieg aus der ersten Liga halten ihn auf Trab. Von der Liebe ganz zu schweigen. Dass er eine Frau findet, die sich sowohl in der Welt der Straßenbahnen auskennt und die bereit ist, mit ihm ins Fußballstadion zu gehen, ist der Hoffnungsschimmer am Ende eines Buches, dessen Ungewöhnlichkeit seine Darstellung des Gewöhnlichen ist - und dort das Besondere entdeckt.

So sollt ihr sterben hat scheinbar wenig Spektakuläres zu bieten, die Morde geschehen im Off, das Wühlen in Eingeweiden wird vermieden, ebenso die Mystifizierung des Mörders - aber auch die des leitenden Ermittlers. Konatkowski porträtiert bodenständige Menschen ohne herausragende Fähigkeiten, die ein Spiegel ihrer jeweiligen Lebensumstände und des Ortes sind, an dem sie leben.

Neben Adam Nowak ist Warschau der zweite Hauptdarsteller des Buches. Von spröden Plattenbauten, schmuddeligen Imbissbuden bis zu nahezu mystischen Friedhöfen führt Konatkowski seine Figuren (und damit den Leser) durch eine Welt, die gezeichnet ist durch ihren Umbruch. Immer wieder tauchen Verweise auf die kommunistische Vergangenheit und ihre Beziehung zur Gegenwart auf. Zwischen Ablehnung und dem milden Bedauern, einem Verrat von Idealen zum Opfer gefallen zu sein, überlässt Konatkowski seinen Lesern ein eigenes Urteil.

Der vielleicht größte Verdienst des Buches ist seine Unaufgeregtheit, seine Glaubwürdigkeit gerade in Bezug auf die Liebesgeschichte zwischen Adam Nowak und Kasia,der Tochter des ehemaligen Straßenbahnfahrers Zurek. Was in vielen Kriminalromanen aufgesetzt wirkt, hat hier Hand und Fuß. Nowak, der studierte Polizist ist kein eindimensionales Wesen, er ist mal nachdenklich, mal nassforsch, erlaubt sich gelegentlich Fehler und Fehleinschätzungen (und denkt mitunter etwas zu viel nach), bleibt aber beharrlich, sowohl an der Mörder- wie an der Beziehungssuche kleben. Dass die Erzählung nicht zur Schmonzette verkommt, ist Konatkowskis lapidarer Sprache, seinem nur scheinbar lässigen Stil zu verdanken, der seine Protagonisten erfreulicherweise nie zu lieb- und leblosen Studienobjekten verkommen lässt.

Auch die Motivation des im letzten (und spannendsten) Drittel etwas beiläufig herbeigezauberten Killers passt nahtlos ins Bild. Dort, wo die Sehnsucht nach Ordnung das alltägliche Bild bestimmt, bricht sich Chaos seinen Weg. Auf die eine oder andere Weise. Der in Kleinigkeiten chaotische und besessene Nowak weiß darum. Das hilft ihm bei der Mörderhatz und beim Erringen der Liebe.

Einen Tick zuviel ähnelt Adam Nowak Ian Rankins John Rebus. Vor allem was seine Lebensumstände angeht, insbesondere aber seinen Musikgeschmack und die Einbindung der musikalischen Begleiter in Nowaks Biographie. So findet sich das ausführlich beschriebene Rolling Stones-Album Exile On Main Street in Rebus´ Plattenschrank ebenfalls an exponierter Stelle. Außerdem könnte Rebus mit Nowak über dessen Einstellung zum Progressive Rock mehrere durchsoffene Nächte diskutieren. Unsympathischer wird Nowak dadurch allerdings nicht. So sollt ihr sterben (der deutsche Titel zielt ebenfalls Richtung Rankin) ist ein lesenswertes Buch, das einige Geduld und Muße fordert, und um einige Seiten zu lang geraten ist. Für Fans des öffentlichen Nahverkehrs dürfte es jedoch ein Bibelersatz werden.

 

"Der Schienenabstand aber entspricht nicht dem aus der Vorkriegszeit, sondern dem heutigen."
"Der Gleisabstand? Wie ist er denn jetzt? Anders als bei der Bahn?"
"Nein, genauso. 1435 Millimeter. Im Übrigen heißt es nicht ´Gleisabstand´, sondern ´Schienenabstand´, der frühere, also der russische, betrug 1524 Millimeter. So wie bei der russischen Bahn."

 

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann reden sie noch darüber, dass es ab Mitte des 19. Jahrhunderts Pferdestraßenbahnen gab, die erste elektrische am 26. März 1908 in Betrieb genommen wurde und wer 1875 Bürgermeister Warschaus war. Es sei ihnen gegönnt.

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