Headhunter

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Oslo: Aschehoug, 2008, Titel: 'Hodejegerne', Seiten: 238, Originalsprache
  • Hamburg: HörbuchHamburg, 2010, Seiten: 4, Übersetzt: Johannes Steck, Bemerkung: gekürzte Lesung

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Andreas Kurth
Kunst, Killer und Kloake

Rezension von Andreas Kurth Dez 2008

Die moderne Industriegesellschaft hat durch ihre hoch entwickelte Arbeitsteilung eine besondere Profession zum Leben erweckt. Kopfjäger (Headhunter) werden die Spezialisten genannt, deren Aufgabe darin besteht, die richtige Person für einen hoch bezahlten Posten in der Wirtschaft zu finden. In Norwegen gehört Roger Brown zur Elite dieser Spezies – und niemand ahnt, dass er seine Gespräche mit den Anwärtern auf diverse Manager-Jobs dazu nutzt, diese anschließend zu bestehlen. Durch seine Frau hat er gute Kenntnisse in der Kunstszene, ein Freund aus dem kriminellen Milieu sorgt für das gefahrlose Eindringen in fremde Wohnungen und hat die nötigen Kontakte, um die gestohlenen Gemälde anschließend im Ausland verkaufen zu können. Als eines Tages etwas bei einem Einbruch komplett schief läuft, gerät Brown in eine verzweifelte Lage. Seine Frau betrügt ihn offenbar, und einer seiner Job-Kandidaten entpuppt sich als gnadenloser Killer, der ihm nach dem Leben trachtet. Sein bereits aufregendes Leben gerät völlig aus der Bahn – aber Roger Brown gedenkt, sich gegen die Attacken zu wehren.

Dieser Roman ist ein ganz spezielles Buch – für Autor und Leser gleichermaßen. Jo Nesbø hat mit Headhunter ein Buch geschrieben, dessen komplette Einnahmen in eine von ihm gegründete Stiftung fließen, die sich für die Bekämpfung von Analphabetismus unter Kindern einsetzt. Ein Projekt, das dem norwegischen Bestseller-Autor nach eigener Aussage besonders wichtig ist. Für die Leser gibt es zudem ein ganz spezielles Leseerlebnis, weil sie nach den vielen Romanen mit Harry Hole einen neuen Protagonisten verkraften müssen, wenn auch nur für dieses eine Buch. Eine Fortsetzung wird es jedenfalls nicht geben, und ob die Harry-Hole-Reihe weitergeht, ist derzeit in Experten-Kreisen einen viel diskutierte Fragen. Informationen dazu gibt es jedenfalls noch nicht.

Wer Headhunter lesen will – und ich kann die Lektüre nur empfehlen – muss Harry Hole vergessen. Roger Brown ist ein völlig anderer Typ von Protagonist, eine höchst ambivalente Figur, die man akzeptieren oder auch aus guten Gründen ablehnen kann. Er ist ein arroganter Headhunter, aber auch ein dreister Dieb und später wird er sogar zum Mörder. Mit so einer vielschichtigen Hauptfigur muss man sich erst einmal auseinander setzen, aber Jo Nesbø ist halt ein hervorragender Geschichten-Erzähler, und so entwickelt er Figur und Szenario in gewohnt gekonnter Weise, und fesselt dabei seine Leser mit seinem flüssigen und spannenden Stil von Beginn an. Der Autor schwankt zwischen Tragi-Komik und blutigem Ernst, was für viele Leser gewöhnungsbedürftig sein dürfte. Aber der Erzählstil ist der ungewöhnlichen Figur des Roger Brown durchaus angepasst. Vieles bleibt zunächst rätselhaft oder erscheint sogar widersinnig, wird aber später geradezu genial aufgelöst.

Roger Brown hat in Diana zu seinem eigenen Erstaunen seine Traumfrau gefunden. Sie unterhält eine angesehene  Galerie, in die er viel Geld stecken muss. Seine clever geplanten und ausgeführten Kunst-Raube halten ihn über Wasser, bis er den Ehebetrug seiner Frau entdeckt. Der niederländische Manager Greve schien eben noch ein Top-Kandidat für einen begehrten Posten – und ist im nächsten Moment eine mehr als ernst zu nehmende Bedrohung für Rogers Leib und Leben.

Im  ersten Drittel des Buches hat man sich als Leser noch gefragt, ob das der gleiche Autor ist, den man von den Harry-Hole-Büchern kennt. Doch dann gibt  Jo Nesbø richtig Gas, und in  gewohnter Weise reiht er Winkelzüge und überraschende Wendungen aneinander, die zu einer geradezu atemberaubenden Spannung führen. Dabei greift er wieder einmal tief in die Kiste seiner Erzählkunst, es wird deftig und brutal.

Am Ende des Buches freut man sich nach dem unglaublichen Finale auf die Verfilmung, die im März 2012 in die deutschen Kinos kommen wird. Manche Dinge mögen dem Leser in diesem Buch unrealistisch erscheinen, aber  es ist schließlich ein Roman und kein Sachbuch. Und außerdem bin ich der Meinung, dass Jo Nesbø  hier nur die willkommene Gelegenheit genutzt hat, und bei diesem Buch gnadenlos seiner Erzähl-Lust gefrönt hat. Headhunter dürfte die Rezensenten ebenso spalten wie die Fan-Gemeinde das Autors. Aber das war schon bei den letzten zwei Bände aus der Harry-Hole-Reihe so. Am Ende hilft nur eines – selber lesen und eine eigene Meinung bilden. Es lohnt sich.

 

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