Sprengkraft

  • TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch
  • Erschienen: Januar 2009
  • Daun: TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch, 2009, Seiten: 10, Übersetzt: Horst Eckert
  • Dortmund: Grafit, 2011, Seiten: 410, Originalsprache
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Lars Schafft
88°

Krimi-Couch Rezension von Lars Schafft Dez 2008

Dynamit

Gleich drei Themenstränge im elften Roman, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: Moritz Lemke, Journalist, sucht nach einem lukrativen Job im PR-Bereich. Hatte er noch genügend Anstand, ein unmoralisches Angebot eines völlig moralverarmten Ministerienvertreters abzulehnen, zwingt ihn die Ebbe in seiner Kasse dazu, bei einem Duisburger Baulöwen anzuheuern. Mit Firmenhistorie soll es dieses Mal allerdings nichts zu tun haben - der Unternehmer ist Mäzen der rechtsorientierten Partei der "Freiheitlichen", die in den Medien so ausgerichtet werden soll, dass sie den Einzug in den Landtag schafft. Ihre zentrale Botschaft: Toleranz ist gut, aber irgendwann ist auch mal Schluss damit, spätestens wenn in Köln eine riesige Moschee gebaut werden soll.

Dies ist dann auch genau der Anknüpfungspunkt zum zweiten Strang: Junge Marokkaner haben in Düsseldorf die Drogenszene fest im Griff. Jedoch kam es vor einiger Zeit zu einem Mord am Kiezboss, der unaufgeklärt blieb. Martin Zander, Polizist und bekannt aus Eckerts Zwillingsfalle, soll sich diesem "Cold Case" annehmen, nachdem seine Ermittlungseinheit wegen massiven Korruptionsvorwürfen aufgelöst worden ist. In der autarken Gemeinschaft der Muslime stößt er so auf Rafi, den jungen Bruder des Ermordeten. Freilich stellt Rafi keine große Hilfe dar, schmiedet er doch im Stillen mit seinen Glaubensbrüdern einen ganz anderen Plan: Die "Ungläubigen" sollen durch einen Bombenanschlag in Düsseldorf aufgeweckt werden. Und tatsächlich soll bald eine Bombe hochgehen, die den "Freiheitlichen" direkt in die Hände spielt...

Horst Eckerts neuer Roman hat genau das, was der Titel verspricht. Die Themen sind erschreckend real, was der Autor durch fiktive Zeitungssauschnitte untermauert. Zudem stört es ihn nicht, Personen des öffentlichen Lebens wie Anne Will oder Reinhold Beckmann namentlich zu erwähnen. Mehr oder minder offensichtliche Nähen seiner Figuren zu realen Menschen tun ein Übriges dazu, Sprengkraft wenig fiktiv erscheinen zu lassen: Wer bei der Spitzenkandidatin der Freiheitlichen nicht an die Bajuwarin Gabriele Pauli oder den verstorbenen österreichischen Populisten Jörg Haider denkt, hat in letzter Zeit wohl wenig Nachrichten gelesen. Und: Den ein oder anderen Satz, den Eckert seine Charaktere sagen lässt, muss der Leser erst einmal sacken lassen ("Wir Muslime sind die Juden von heute").

Sprengkraft hebt sich zudem ganz deutlich von den früheren Romanen Horst Eckerts ab, was nicht nur die Tatsache belegt, dass der Verlag "Thriller" anstatt "Krimi" aufs Cover gedruckt hat. Eine Tendenz zum Politischen war bei Eckert nach Romanen wie Purpurland oder Königsallee zwar schon deutlich zu erkennen, hier steht sie absolut im Mittelpunkt. Und tatsächlich kommt die Bezeichnung Thriller dem ziemlich nahe, was der Autor hier abgeliefert hat: Es gibt nicht einen Protagonisten, sondern derer gleich mehrere. Flott wie die besten Amerikaner springt Eckert in kurzen Kapiteln so von Perspektive zu Perspektive und versteht es dabei blendend, die Spannung nahtlos aufrechtzuerhalten. Die Lunte, die der Autor am Anfang zündet, brennt unaufhörlich durch bis zum Ende.

Dass dies auf Kosten der Charakterdarstellung geht, macht erfreulicherweise wenig aus. Überhaupt: So durch die Bank hardboiled schlecht wie in Eckerts vorherigen Romanen sind sie in Sprengkraft gar nicht mehr. Martin Zander, zwar korrupt bis zum geht nicht mehr und ein wahrer Macho vor dem Herrn, zeigt erstaunlichen Gerechtigkeitssinn, seine Kollegin Anna Winkler oder LKA-Ermittler Paul Veller kommen gar gänzlich ohne moralische Macken aus. Selbst der käufliche PR-Experte Moritz Lemke zeigt deutliche Skrupel bei dem, was er machen muss.

Bis auf eine kurze Passage, die arg an Schtonk erinnert ("Mein Gott, der Führer!"), ist Eckerts Roman pures Dynamit. Klarer, reinrassiger als alle davor, glaubwürdig, packend und bedrückend, sprachlich ein deutscher Hardboiled, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Spätestens nach Sprengkraft muss man festhalten: Eckert ist einer der besten deutschsprachigen Krimiautoren, der mittlerweile auch keinen Vergleich mit großen internationalen Namen zu scheuen braucht.

Sprengkraft

Horst Eckert, TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch

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