Das Zeichen der Vier

Erschienen: Januar 1902

Bibliographische Angaben

  • London: Lippincott, 1890, Titel: 'The sign of the Four', Originalsprache
  • Stuttgart: Lutz, 1902, Seiten: 239, Übersetzt: Richard Gutschmidt
  • Bern: Scherz, 1948, Seiten: 184, Übersetzt: ?
  • Hamburg: Blüchert, 1961, Seiten: 188, Übersetzt: Tatjana Wlassow
  • Frankfurt am Main; Berlin: Ullstein, 1970, Seiten: 164, Übersetzt: Tatjana Wlassow
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1985, Seiten: 140, Übersetzt: Renate Wyler
  • Zürich: Haffmanns, 1988, Seiten: 164, Übersetzt: Leslie Giger
  • Zürich: Haffmanns, 1989, Seiten: 164, Übersetzt: Leslie Giger
  • Zürich: Haffmanns, 1990, Seiten: 164, Übersetzt: Leslie Giger
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1998, Seiten: 140, Übersetzt: Renate Wyler
  • Zürich: Kein und Aber, 2005, Seiten: 164, Übersetzt: Leslie Giger
  • Frankfurt am Main; Leipzig: Insel, 2007, Seiten: 196, Übersetzt: Leslie Giger

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85°
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Michael Drewniok
Eine überzeugende Leichtigkeit, die allen Pastiches fehlt

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2003

Sherlock Holmes in The Sign of the FourHerbst 1888 London im Nebel, selbst das Verbrechen rührt sich nicht. Gelangweilt tröstet sich der Beratende Detektiv Sherlock Holmes mit dem Inhalt seines Kokainfläschchens, als ihn endlich ein neuer Fall schlagartig zur Abstinenz bringt: Der jungen Mary Morstan wird schon seit sechs Jahren an jedem Geburtstag eine wertvolle Perle zugeschickt. Nun hat sich der bisher anonym gebliebene Wohltäter an sie gewandt und lockt mit Informationen über das Schicksal ihres vor Jahren verschollenen Vaters. Captain Morstan, der in Indien stationiert gewesen war, habe dort einen enormen Schatz gefunden, um den er und damit auch seine Tochter freilich geprellt worden seien. Nun sei der Tag der Gerechtigkeit gekommen.

Dem Treffen möchte Mary verständlicherweise nicht ohne Beistand beiwohnen. Holmes, den die verwickelte Vorgeschichte fasziniert, erklärt sofort seine Unterstützung. Dr. John Watson, sein Freund, Chronist und inoffizieller Assistent, steht ihm zur Seite, zumal er sich auf den ersten Blick in die neue Klientin verliebt hat. Die Spur führt das Trio zunächst zum exzentrischen Thaddeus Sholto, der sich als Sohn des Mannes zu erkennen gibt, der Captain Morstan einst nicht nur betrogen, sondern auch umgebracht hat. Des auf diese Weise ertrogenen Schatzes konnte sich der alte Sholto freilich nicht lange erfreuen: Außer Morstan waren noch andere eingeweiht gewesen - wie viele dies waren, ließ sich einem Zettel entnehmen, der sich bei der Leiche des von Verfolgungsängsten getriebenen und vor seiner Zeit verstorbenen Sholto fand: "Das Zeichen der Vier" stand dort geschrieben.

Ein Mann mit Holzbein und ein Urwelt-Zwerg

Sherlock Holmes in Das Zeichen der VierSeither hütet Thaddeus' vom väterlichen Geiz infizierte Bruder Bartholomew den Schatz. Geerbt hat er allerdings auch dessen unheimlichen Verfolger: einen Mann mit Holzbein und einen Urwelt-Zwerg, der mit vergifteten Blasrohrpfeilen schießt. Dieses mörderische Duo hat den unglücklichen Bartholomew schon gefunden, als Mary Morstan mit ihren Begleitern im Sholto-Haus auftaucht, um Gerechtigkeit und ihren Anteil zu fordern. Da die Polizei wie immer hilflos im Kreise tappt, setzt Holmes die Suche fort. Es entspinnt sich eine Jagd kreuz und quer durch die verwinkelten Gassen des viktorianischen London, welche die bekanntlich beachtlichen Geisteskräfte des großen Detektivs aufs Äußerste beansprucht und in einer tollkühnen Verfolgung per Dampfboot über die nächtliche Themse gipfelt ...

Kaum drei Jahre liegen zwischen "Das Zeichen der Vier" und Eine Studie in Scharlachrot, dem ersten Roman um Sherlock Holmes und Dr. Watson. In dieser Zeit hat Verfasser Arthur Conan Doyle ganz offensichtlich eine Menge in Sachen Plotentwicklung und Handlungsführung gelernt. Während "Eine Studie ..." praktisch in zwei separate, nur notdürftig miteinander verbundene Segmente zerfiel, erzählt "Das Zeichen der Vier" tatsächlich eine klassische Geschichte mit Anfang, Hauptteil und Schluss.

Doyle geht auf Nummer Sicher und stellt für jene Leser, die "Eine Studie ..." bereits vergessen haben, noch einmal Sherlock Holmes und die Kunst der kriminalistischen Deduktion vor. Das gelingt ihm erneut meisterlich, zumal es mit der erstaunlichen, von fanatischen Sherlockisten nicht gern in den Vordergrund gestellten Eröffnung einhergeht, dass Mr. Holmes ein Fixer ist. Um 1890 war dies verpönt, aber nicht strafbar, obwohl Dr. Watsons mahnende Worte verraten, dass man um die schädlichen Nebenwirkungen der Droge schon wusste.

Sherlock Holmes in The Sign of the FourAber dann betritt Mary Morstan die Szene, und das Spiel - so Holmes - beginnt. Auch dieses Mal bringt tief in der Vergangenheit wurzelndes Unrecht die Dinge ins Rollen, aber die Handlung verharrt ganz im Hier und Jetzt - ein doppeltes Vergnügen aus heutiger Sicht, denn Doyle glänzt mit stimmungsvollen Impressionen aus der viktorianischen Themse-Metropole, die für ihn alltägliche Lebensstätte war. Dieses Zeitzeugenschaft verleiht den "echten" Holmes-Romanen jene überzeugende Leichtigkeit, die den unzähligen Pastiches der Zukunft in der Regel abgeht.

Noch etwas hat sich geändert: "Im Zeichen der Vier" nimmt den Leser mit auf eine ebenso ausgedehnte wie turbulente, gut getimte Verfolgungsjagd durch den Mittelteil. Hier gibt es keine Verzögerungen, sondern klug gesetzte Verschnaufpausen, in denen uns Doyle wie nebenbei wichtige Informationen liefert, bevor es mit frischer Kraft weitergeht. Das Finale auf der Themse ist sogar Action pur, wie sie Hollywood nicht dramatischer in Szene setzen könnten.

In letzter Minute Rückfall in alte Sünden

In letzter Minute fällt Doyle dann doch in alte Sünden zurück. Er lässt den gefassten Schurken langatmig die Geschichte des Agra-Schatzes erzählen, statt diese ebenfalls nach und nach in die Handlung einfließen zu lassen, und nimmt dieser dadurch die Dynamik, mit der sie bisher vorangetrieben wurde. Immerhin macht es Doyle kurz und beweist zu guter Letzt einen gut entwickelten Sinn für seifenoperliche Happy-Ends, als er Dr. Watson seine Verlobung und anstehenden Auszug aus der Baker Street Nr. 221b verkünden lässt: ein gelungener Cliffhanger, der neugierig werden lässt, was nun aus unseren Detektiven wird.

Sowohl Sherlock Holmes als auch Dr. Watson haben bereits zu jener Form gefunden, die sie unsterblich werden ließ. Das Zusammenspiel ist harmonisch und lässt wiederum erkennen, dass Watson weit mehr als der an Lesers Statt staunende Depp und Holmes' Wasserträger ist; wieso hätte ihn der Detektiv wohl sonst postwendend für einen neuen Fall zwangsrekrutiert, als der gute Doktor sich in der Baker Street blicken ließ? Trotz aller gebotenen viktorianischen Gefühlskühle lässt Doyle zudem immer wieder durchscheinen, dass Sherlock Holmes beileibe keine Denkmaschine, sondern ein komplexer Charakter mit zwar sorgsam verborgenen, aber sicherlich präsenten Emotionen ist; diesen Aspekt nahm er später hin und wieder übrigens wieder zurück, wenn es einer Geschichte dienlich war. (Doyle nahm es mit der Kohärenz oder der Chronologie seiner Holmes-Saga übrigens nicht annähernd so genau wie ihre fanatischen Anhänger.)

Doyle nimmt die Chronologie nicht ganz so ernst

Sherlock Holmes in The Sign of the FourRecht lebensecht wirkt auch der holzbeinige Übertäter Small (der sicherlich Züge des legendären Long John Silver aus Robert Louis Stevensons "Treasure Island"/"Die Schatzinsel" von 1883 trägt), der konsequent sein Schurkenspiel treibt und sich ohne Reue als guter Verlierer zeigt, dem sogar seinen sittenstrengen Häschern widerwillige Anerkennung zollen. Mit der Figur des Insulaners Tonga entlarvt sich Doyle unfreiwillig als typischer Repräsentant des britischen Empires, dessen göttliche Mission es ist, sich die Welt untertan zu machen, die ausserhalb des Mutterlandes nur von Wilden, Heiden, Hunnen und "schwarzen Teufeln" bevölkert wird, welche ohne strenge Führung ohnehin nichts Rechtes mit ihr anzufangen wissen.

Miss Morstan neigt zwar in kritischen Situation zu Ohnmachtsanfällen (wie es sich einer Lady ziemt), aber sie ist trotzdem nicht das typische Doylesche Weibchen, das Hände ringend primär vor irgendwelchem Ungemach gerettet werden muss, sondern verfügt über Willensstärke und Köpfchen, wie sogar Sherlock Holmes, der unverbesserliche Chauvinist, widerwillig eingesteht. Athelny Jones gibt den aufgeblasenen, unbelehrbaren Polizisten, in dessen Anwesenheit das Licht des Meisters Holmes um so heller strahlt; Doyle spricht hier auch der zeitgenössischen Öffentlichkeit aus der Seele, die nicht vergessen hatte, dass die ohnehin kaum für ihre kriminalistischen Leistungen bekannte Polizei erst vor etwa einem Jahr, im Spätherbst 1888, den Serienmörder Jack the Ripper nicht fassen konnte.

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