Bunker

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2009, Seiten: 4, Übersetzt: Andrea Sawatzki
  • München: btb, 2011, Seiten: 125, Originalsprache

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Dieter Paul Rudolph
Ein Missverständnis

Buch-Rezension von Dieter Paul Rudolph Dez 2008

Von "misslungen" über "noch nie so geärgert" bis "krude, verworren, zäh": Wohl keine andere Krimineuerscheinung musste sich 2009 harschere Urteile gefallen lassen als Andrea Maria Schenkels Bunker. Aus dem sensationellen Shooting-Star von Tannöd wurde der Sandsack, an dem sich die Enttäuschung, ja, bisweilen blanke Wut scheinbar düpierter Käufer austoben konnte, selbst die professionelle Kritik äußerte sich überwiegend ablehnend. Zurecht?

 Im Gegensatz zu Tannöd und Kalteis verläßt sich Schenkel in Bunker nicht mehr auf historische Ereignisse. Der Fall ist fiktiv, reine Phantasie (auf die Doppeldeutigkeit dieses Wortes kommen wir gleich zu sprechen). Eine Frau, Angestellte einer Autovermietung, wird an ihrem Arbeitsplatz überfallen und entführt. Worum geht es dem Täter? Will er Lösegeld oder sich rächen? Ist er ein Sadist, ein potentieller Vergewaltiger? Er bringt die Frau zu einer einsam gelegenen Mühle, sperrt sie dort ein. Was nun geschieht, hören wir aus zwei Ich-Perspektiven, der des Mannes, des "Täters" und der seines "Opfers", und das ist durchaus bekannter Schenkel-Stil. Hier informiert uns keine allwissende Erzählerin in korrektem Dudendeutsch, hier sitzen wir in den Köpfen der Ichs und lauschen. Eine dritte Erzählebene kommt hinzu: Wir werden Zeugen, wie Polizei und Rettungswagen zur Mühle fahren. Es hat einen Toten gegeben, einen Verletzten – doch wen?

Die eigentliche Handlung verläuft mit jener psychologischen Dramaturgie, die wir aus ähnlichen Werken kennen. Die Frau wird gedemütigt, geschlagen, unternimmt Fluchtversuche. Doch allmählich kommt es zu Irritiationen. Zwar sind die einzelnen Erzählebenen typografisch voneinander abgesetzt, doch bei manchem Gedanken fragen wir uns, ob er nicht auch von der jeweils anderen Person stammen könnte. Die Frau scheint zudem ihren Peiniger zu kennen – jedenfalls mutmaßt sie das. Ist er wirklich jener Mann, dem sie einst selbst Unrecht zugefügt hat?

Spätestens hier beginnen die Ereignisse ihre erwarteten Bahnen zu verlassen. Das Opfer wird zu Täterin, sie bewegt sich zeitweise frei, ohne abermals einen Fluchtversuch zu unternehmen. Der Täter selbst wird zwangsläufig zum Opfer, ja, gegen Ende gar zum Werkzeug der Frau.

Was soll das? In der Kritik ist immer wieder von den Unzulänglichkeiten, gar Unkorrektheiten der Sprache die Rede – als seien die Ausnahmesituationen, in denen sich die beiden Protagonisten befinden, durch dudenmäßiges Schuldeutsch darzustellen. Auch die zahlreichen Vor- und Rückblenden irritieren, doch gerade sie sind der Schlüssel zum Verständnis des Textes. Den nämlich darf man nicht als eine kontinuierliche Geschichte lesen und vor allem nicht als die Geschichte ZWEIER Personen. Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass sich der Konflikt zwischen Opfer und Täter in einer einzigen Psyche abspielt, wo sich beide Gefühle, das Opfer- und das Tätersein, bis aufs Blut bekämpfen (wer diese Hinweise genauer kennenlernen möchte, sei an meine ausführlichen Belege unter http://www.hinternet.de/weblog/2009/04/andrea-maria-schenkel-bunker.php verwiesen). Liest man den Text folgerichtig nicht mehr als den offensichtlichen Entführungsfall, sondern ein inneres Gemetzel, bei dem sich die Kontrahenten als eigenständige Personen selbstständig gemacht haben, zeigt die Geschichte völlig neue und durchaus spannende Facetten. Sie ist selbst ein Phantasiekonstrukt, die einzige Möglichkeit, Seelenkonflikte auszutragen, indem man sie in eine scheinbar überschaubare Kriminalgeschichte mit ebenso scheinbar klar umrissenen Figuren (Täter / Opfer, gut / böse) auslagert. Ziel ist es, dem "inneren Bunker" zu entfliehen, einer der Kontrahenten muss sterben, der andere wieder frei sein. Und genauso geschieht es.

Ein herkömmlicher Kriminalroman wird Bunker aber auch dadurch nicht. Dafür eine spannende psychologische Studie, bei der Andrea Maria Schenkel mit Versatzstücken des Genres experimentiert und von ihrer Leserschaft sehr viel verlangt, unter anderem eben auch, all die Hinweise auszuwerten, die zum eigentlichen Kern der Erzählung führen. Ein Buch also für Leute, die bereit sind, sich einen Text zu erarbeiten, notfalls durch eine abermalige Lektüre. Kein Buch für Freundinnen und Freunde üblicher "Krimispannung", die einen Text "nicht mehr aus der Hand legen" können und stolz darauf sind, ihn in neuer Rekordzeit konsumiert zu haben.

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