Mörderischer Abschied

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • New York: Minotaur Books, 2008, Titel: 'Three weeks to say goodbye', Originalsprache
  • München: Heyne, 2009, Seiten: 414, Übersetzt: Bernhard Liesen

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Thorsten Sauer
Ein Loblied auf die Selbstjustiz

Buch-Rezension von Thorsten Sauer Dez 2008

Eine kleine Familie, das ist nicht nur in Amerika die gängigste Definition von Glück. Die McGuanes lassen es sich daher einiges Kosten, diesem Glück, das sich auf "natürlichem" Wege einfach nicht einstellen will, durch Adoption nachzuhelfen. Eine freundliche Agentur hilft durch den Formalitätendschungel: einfach die kleine Angeline aussuchen, die Rechnungen bezahlen und schon wird aus der frustrierten Ehe, eine glückliche kleine Familie. Angelines leiblicher Mutter kann es nicht schnell genug gehen mit der Abwicklung der Formalitäten und die Tatsache, dass der leibliche Vater für eine Einverständniserklärung nicht greifbar ist, scheint unerheblich im Vergleich zu der rosigen Zukunft, die Angeline nun blüht. Leider haben Agentur und die McGuanes eine nicht unerhebliche Kleinigkeit übersehen: Angelines Großvater, seines Zeichens einer der einflussreichsten Richter im Land, kann sich nicht mit der Adoptionsfreigabe seines Enkelkindes abfinden und setzt alle Hebel in Bewegung die Kleine zurück in die Familie des leiblichen Vaters zu holen. Die McGuanes jedoch sind bereit für ihr Glück zu kämpfen, erst recht, als sie die Machenschaften hinter der vermeintlich rechtmäßigen Forderung des Richters erkennen, und die Situation beginnt zu eskalieren.

Platzpatronen und scharfe Schüsse

Adoption, Kinderhandel und Pädophilie, gleich drei heikle Themen die sich O.J. Box in seinem Roman vornimmt. Der Mann aus Wyoming hat sich zwar einen Namen mit spannenden Geschichten gemacht, gilt jedoch nicht gerade als der sensibelste und intellektuellste seiner Zunft. So ist es nicht verwunderlich, dass angesichts des Themas, nur eine jämmerliche vor logischen Brüchen strotzende, dafür aber mit übertriebenem Pathos und zweifelhafter Moral gepaarte Story herauskommt. Die hat ihre spannenden Momente zwar dann, wenn Box sich auf die Action konzentrieren kann, Ausgangssituation, Handlungsverlauf und die Auflösung sind jedoch so haarsträubend, dass Box´ Fähigkeit, kurzweilig zu erzählen, den Roman kaum über Groschenroman-Niveau hebt.

Eine junge Mutter, die ihr Kind zur Adoption freigibt, kann nur eine jugendliche Versagerin sein, der Vater, den der Nachwuchs überhaupt nicht interessiert, muss ein Psychopath sein und ein Großvater, der auf die rechtlich einwandfreie Abwicklung einer Adoption pocht, kann nur ein pädophiler Scheißkerl (oder schlimmeres) sein. Willkommen in Box´ Welt!

Glück besteht da aus Familie, gutem Job und kleinem Häuschen. Zum perfekten Glück fehlen dem Stammhalter McGuane jedoch die passenden Waffen. Er schießt leider mit "Platzpatronen", für eine subtilere Metapher für Unfruchtbarkeit fehlen Box offensichtlich die sprachlichen Mittel, doch wozu gibt es Adoptionsagenturen. Die sehen, angesichts der rosigen Zukunft für die kleine Angeline und der Zahlungsbereitschaft der McGuanes, auch großzügig über die kleinen Details einer rechtmäßigen Adoption hinweg und so nimmt das Unglück seinen Lauf. Die arme Angeline, hätten die McGuanes sie nicht "gerettet", wäre sie in einer richtig üblen Sippe gelandet. Denn die Bösen sind bei Box so richtig böse. Keine noch so weit her geholte geistige Abnormität ist ihnen fremd. Gut ist bei Box dagegen wer es gut meint, auch wenn man dabei zwanglos über Leichen geht. Daher zieht Box den Plot als wüste Selbstjustizstory auf. Die Bösen haben das Recht korrumpiert und die Guten müssen sich nach alter Väter Sitte mit Waffengewalt zur Wehr setzen.

Logische Brüche und allzu weit hergeholte Verbindungen, wie die zu einem Geschäftspartner in Europa, stören McGuane genauso wenig, wie die Schaffung von Funktionen anstatt authentischer Figuren. Damit sich die Durchschnittsfamilie anständig zur Wehr setzen kann, platziert Box die genau passenden Personen in das direkte Umfeld. Den reichen aber schwulen Geschäftsmann, der die finanziellen Mittel liefert und natürlich den gerissenen Bullen, der für die etwas rustikalere Gangart und die kriminalistischen Geistesblitze zuständig ist. Damit ist die Frontlinie gezogen und die feindlichen Parteien aufgestellt, die Action kann beginnen. Auf niedrigem Niveau ist das die größte Stärke des Romans, eine Szene in einer Bar könnte gar einem Taranatino-Film entsprungen sein, wenn es Box auch an der lakonischen Distanz zum Geschehen fehlt, die Tarnatinos Filme auszeichnet. Die Auseinandersetzung mit dem ernsten Thema von Mörderischer Abschied beschränkt sich darauf, dass die beiden McGuanes auf fast jeder Seite ihr Unglück klagen und die Schönheit der kleinen Angeline und ihres eigentlich so perfekten Familienglücks preisen dürfen.

Ein (unfruchtbarer) amerikanischer Held

Sicher muss man Mörderischer Abschied nicht als Apologie auf die Selbstjustiz lesen. Möglicherweise ist dieser Thriller das nicht einmal, sondern der Eindruck ist nur der Unfähigkeit des Autors zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit einem heiklen Thema geschuldet. Wer sich an Box krudem Weltbild nicht stört, kann den Roman einfach als actionreichen Pageturner ohne jeglichen Anspruch lesen und wird dabei womöglich sogar spannend unterhalten. Allen anderen sei abgeraten, es gibt bessere Krimis, die den Spagat zwischen Spannung und ernsthafter Auseinandersetzung mit schwierigen Themen glaubwürdiger schaffen.

In jedem Falle sollten sie sich den letzten Absatz des Romans sparen. Wenigstens einmal darf McCuane "scharf" und nicht mit Platzpatronen schießen und es geschieht ein Wunder. Lassen Sie es, es sei denn, sie können sich tatsächlich keinen unfruchtbaren Helden vorstellen!

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