Mord-Westfalen. Kriminelle Geschichten aus Ostwestfalen-Lippe

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Bielefeld: Pendragon, 2008, Seiten: 382, Originalsprache

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Jochen König
Regionales ohne Regio-Anstrich

Rezension von Jochen König Dez 2008

Sammelbände mit Kurzgeschichten bringen Regale voller Kriminalliteratur nicht gerade zum Bersten; Anthologien mit Geschichten deutscher Autoren dürften sogar noch größeren Seltenheitswert besitzen, als die ihrer angloamerikanischen Kollegen. Wenn sie zudem einen geographischen Bezugspunkt als Thema wählen, ist der Argwohn, literarischer Einfalt aufzusitzen, nicht weit: der gefürchtete "Regio-Krimi" wartet.

Dieses schwabbelige Definitionsmonster, das in seiner negativen Auslegung bedeutet,  dass ein Buch nur wegen seiner regionalen Bezüge minimale Bedeutung gewinnt. Sonst verleiht der geistigen Unternährung nichts weiter ihre Daseinsberechtigung. Wenn der Dreh- und Angelpunkt zudem Ostwestfalen-Lippe heißt, könnte man Schlimmes befürchten. Zumindest riecht es bedenklich nach gemütvollem Biedermann und nicht nach gefährlichem Brandstifter. Doch im Falle Mord-Westfalens gibt es eine erleichterte Entwarnung. Der Pendragon-Verlag hat mit seiner Anthologie ein lesenswertes Kompendium zusammengestellt, das etliche unterhaltsame und spannende Erzählungen beinhaltet und sogar die ein- oder andere Überraschung (und kleine Sensation) birgt.

Zwar sind nicht alle Geschichten Treffer, aber die schwächeren Elaborate sind ziemlich kurz, und als misslungene Pointenlieferanten noch mit einem Kopfschütteln oder höhnischem Gelächter zu goutieren. Leider geht es gleich mit solch einem Rohrkrepierer los: Dietmar Bittrichs liebestolle Killerkühe sind nur albern, aber mit knapp fünf Seiten schnell abgegrast. Eine ähnliche Grundidee, überzeugender umgesetzt, zeigt Renate Niemann einige Seiten weiter mit ihrem "Aufwind". Sie verzichtet glücklicherweise auf Kühe.

Vernachlässigenswert sind auch Marcus Winters "Der Garten des Todes", Monika Weterings "Hollywood Gruft" und Horst Bosetzkys "Im selben Boot". Interessanterweise sind fast alle Geschichten, die nur auf eine, meist magere Pointe abzielen, die kläglichsten des Buches. Aus der oben genannten Troika zieht sich Bosetzky (der früher als -ky einer der Inbegriffe des Sozio-Krimis war. Was, u.a. für den Rezensenten, eher Warnung als Empfehlung darstellt) am besten aus der Affäre. Seine Aufsteigerstory ist zwar reichlich platt, aber immerhin halbwegs amüsant und konsequent zum Abschluss gebracht. Das hätte schlimmer kommen können.

Eine Unverfrorenheit ist hingegen Hellmuth Opitz "Frau im roten Sessel". Als kleines, gemeines Pastiche ginge die Geschichte ja in Ordnung, wenn sie nicht nur ein in Details veränderter Abklatsch von Roald Dahls "Des Pfarrers Freude" wäre. Da Opitz - neben Henry Slesar und Celia Fremlin - Dahl selbst im Text erwähnt, könnte man wohlgesinnt auf eine Hommage tippen. Doch das Vorbild unoriginell und nahezu unverändert zu kopieren, zeugt nicht gerade von Respekt und Einfallsreichtum. Da gefallen sogar Sandra Niermeyers verworrene Studie eines Wahns "Das Haus gegenüber", der blasse, ziemlich unglaubwürdige "Rufmord" und Stefan Gruners seltsamer Psycho-Quatsch vom Einfluss fremder Herzen besser (ich empfehle trotzdem lieber Eric Reds Film Body Parts).

Im Mittelfeld tummeln sich Erwin Grosches "Auftragskiller", der seine eigentlich gut erzählte und entwickelte Geschichte, um einen vermeintlichen Todeskandidaten als angeheuerten Killer durch eine unvorbereitete und wenig glaubhafte Schlusswendung selbst unterminiert. "Sünne Peider", "Der Prokurist" und besonders "Totensonntag auf dem Teutberg" sind das solide, unterhaltsame Fundament, das Anthologien wie die vorliegende brauchen.

Gut gemeint, aber überambitioniert begleitet Stefan Bruns seine "Franziska Spiegel" durch die letzten Tage des Dritten Reichs. Seine teilweise nur aus einem Wort bestehenden Stakkatosätze lenken eher vom Gehalt der todtraurigen Geschichte ab, als dass sie sie stützen. Einprägsam bleibt die Geschichte dennoch. "Franziska Spiegel" ist eine von drei Geschichten, die sich den Auswirkungen des Nationalsozialismus widmen.

Sabine Ernsts "Schwarzer Frühling" leidet unter ihrem überhasteten und wenig überzeugendem Schluss, ist davor aber eine ausdrucksvolle Schilderung des ländlichen Lebens im Schatten des Reichadlers. Exzellent ist Emanuel Bergmanns Hänsel & Gretel-Paraphrase "Der Zyklop". Thomas Harris hat eine ähnliche Ausgangsidee zu einem kompletten Roman aufgeblasen; Bergmann beschränkt sich auf eine überzeugende und gut geschriebene Skizze. Spannend und stimmungsvoll. Womit wir bei den Highlights wären.

Erste Überraschung: Sandra Lüpkes "Irgendwo in Immenhausen". Trotz leichter sprachlicher Unsicherheiten zu Beginn, eines der Highlights im mörderischen Westfalen. Zwei Obdachlose, eine Sehnsucht und eine Reise in eine mörderische Vergangenheit. Am Ende wartet eine tödliche Überraschung. Weil Lüpkes ihre Figuren und ihre Geschichte ernst nimmt, verkommt sie nicht zum Stichwortgeber für kurzes spöttisches Gelächter.

Ähnliches gilt für Nina Georges "Sommersonnenwende", die auf knapp 20 Seiten eine Gruppe unterschiedlicher Menschen in den Bann eines mysteriösen Todesschreis geraten lässt. Ihre spannende Erzählung beginnt scheinbar als eine Art Akte X-Referenz, gibt dem Grauen zum Finale aber einen höchst irdischen Ursprung. Frau Georges bisherige Veröffentlichungen weisen sie nicht gerade als Koryphäe der Kriminalliteratur aus, aber "Sommersonnenwende" lässt einige Erwartungen auf Zukünftiges zu.

Das gilt auch und besonders für Willi Voss und Friedhelm Werremeier. Womit wir bei den kleinen Sensationen wären. Friedhelm Werremeier lässt seinen Paul Trimmel wieder ermitteln. Diesmal in eigener Sache. Denn seine Lebensgefährtin Gaby wurde in Trimmels Beisein erschossen. Trocken, knapp und effizient entwickelt Werremeier seinen kurzen Blick auf Trimmels düstere Stunden. Leider bleiben einige Zusammenhänge im Dunkeln. Was damit zusammenhängt, dass "Späte Rache" lediglich ein Kapitel aus dem Roman "Trimmels letzter Fall" ist, der Anfang 2009 erscheinen soll. Tatsächlich ein Appetitanreger. Wir dürfen gespannt sein.

Demgegenüber fällt Norbert Horsts dialoglastiges "Mitgehört", das seinem Roman Leichensache entstammt, ziemlich ab. Aus dem Zusammenhang gerissen wirkt das wie Alarm für Cobra 11 ohne Bild. Besser gefällt Christoph Höhtkers "Bielefeld", bei dem es sich ebenfalls um eine Romanpassage handelt. Witzig und durchaus Neugier weckend, bleibt überdeutlich, dass am Ende etwas fehlt. Weckt aber Interesse am kompletten Buch.

Am Ende fehlt Willi Voss unschuldigem Mörder auch etwas. Aber das ist bewusst gewählt. Seine düstere Geschichte einer sexuellen Obsession lässt schwer schlucken, ist aber in ihrer Darstellung einer destruktiven Beziehung, sowohl konsequent wie bitter. Sensationell daran: seit über einem Dutzend Jahren die erste originale Veröffentlichung Voss'. Sein letzter Roman aus der ausgezeichneten Holger-Fleestedt-Reihe erschien sogar schon 1992. Höchste Zeit also für eine Wiederentdeckung und die Hoffnung, dass bald neues Material in Romanform erscheint.

Was leider vom 1989 verstorbenen Ulf Miehe ausbleiben wird. "Ein Zufall", bereits 1968 geschrieben und sprachlich alles andere als veraltet, ist eine Geschichte über Verlust, Tod und Verrat. Von der Provinz bis in die Weltstadt Berlin. Miehe hat beides im Griff. Genau wie Frank Göhre, der in der Zeit zurück reist und Figuren aus Annette Droste-Hülshoffs Judenbuche zu neuem Leben (und Tod) verhilft. Alleine als Anregung noch einmal (oder als Premiere) zu Droste-Hülshoffs gerne unterschätzter Novelle zu greifen, nicht hoch genug einzuschätzen. Was auch auf den Schluss- und Höhepunkt des Buches zutrifft.

Jodokus Donatus Hubertus Temmes Novelle "Wer war der Mörder" aus dem Jahr 1873, ist die längste Geschichte der Anthologie, und die einzige, die tatsächlich polizeiliche Ermittlungsarbeit in den Mittelpunkt stellt. Temme lässt seinen Kriminaldirektor in klarer, unaufgeregter Sprache, Fakten mit psychologischem Gespür verbinden und mit etwas Geschick und Neugier an der Welt einen zurückliegenden Fall aufklären. Ein bemerkenswerter Autor, der Jahrhunderte zum Schmelzen bringt - er lädt zu einer Entdeckungsreise ein.

Bad Oeynhausen, Bad Salzuflen, Bellersen, Bielefeld, Bünde, Detmold, Gütersloh, Herford, Lippstadt, Minden, Paderborn, die Senne, Versmold, Werther sowie das Hermannsdenkmal, die Externsteine und das Kaiser-Wilhelm-Denkmal - keiner der Handlungsorte wurde bislang genannt. Beleg dafür, dass die meisten Texte auch ohne Regionalkenntnisse einwandfrei funktionieren. Dass die gelungenen Geschichten lokale Stimmungen und Konstellationen hervorragend einfangen, steht dem nicht entgegen. Aber auch ein bayerischer Leser wird sich an den Externsteinen zurecht finden.

Man hätte auf die ein oder andere Story verzichten können, obwohl wirklich langweiliges nicht an Bord ist. Die Entscheidung von Günter Butkus und Pendragon,  etwas so Gewagtes wie einen Kurzgeschichtenband herauszubringen, sollte durch hohe Verkaufszahlen honoriert werden.

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