Teufelskind

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Tokio: Kodansha, 2004, Titel: 'Aimun-ri, Mama', Originalsprache
  • München: Goldmann, 2008, Seiten: 220, Übersetzt: Frank Rövekamp

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Peter Münder
Rachsüchtige Randexistenz

Buch-Rezension von Peter Münder Dez 2008

Seit ihrem Welterfolg Out(dt.: Die Umarmung des Todes) von 1997 gilt Natsuo Kirino als extremste Tabu-Verletzerin Japans: Kein Autor hatte es bisher gewagt, so blutrünstige Morde zu beschreiben und rachsüchtige Frauen als eiskalte Killer in den Mittelpunkt sozialkritischer Romane zu stellen. In ihrem neuesten Krimi Teufelskind setzt die ungewöhnliche Autorin diese Tabuverletzungen fort und zieht den Leser sofort mit ihrem packenden Erzählstil in einen unwiderstehlichen Sog.

Eine lange gedemütigte und misshandelte Frau ermordet kaltblütig ihren Ehemann, während drei Kolleginnen aus einer Lunchpaket-Firma ihr helfen, die Leiche zu zerstückeln und in kleinen Päckchen unauffällig in Müllsäcken zu entsorgen- diese unerhörte Tabuverletzung in ihrem Roman Die Umarmung des Todes sorgte in Japan zwar für einen Sturm der Entrüstung, aber damit war 1997 auch Natsuo Kirinos internationaler literarischer Durchbruch gewährleistet. Damals kam es aber auch vor, wie Elke Kreil in ihrem spannenden "Teufelskind"- Nachwort berichtet, dass die Skandal-Autorin zwar zu Radio-Interviews eingeladen wurde, doch diese Interviews dann von empörten Moderatoren und Redakteuren einfach abgesagt wurden. Mit dieser dubiosen, anscheinend gänzlich amoralischen Außenseiterin wollten viele auf patriarchalische Verhältnisse fixierte konservative Japaner nichts zu tun haben. Offenbar hatten diese Entrüstungsfanatiker aber auch den Unterschied zwischen Fakt und Fiktion völlig aus den Augen verloren.

Das Paradoxe und Verstörende an dieser 57-jährigen, in neunzehn Sprachen übersetzten Autorin ist die Hartnäckigkeit, mit der die gelernte Juristin sich mit literarischen Mitteln für ausgegrenzte, ausgebeutete und verfemte Frauen einsetzt. Natsuo Kirino hatte Jura an der Tokioter Seikei-Universität studiert, war nach vielen frustrierenden Job-Erlebnissen in einer autoritären Männerwelt Texterin in Werbeagenturen und dann Magazin-Redakteurin geworden und hatte erleben müssen, dass emanzipierte, berufstätige Frauen in Japan immer noch wie exotische, nicht ganz ernst zu nehmende Kreaturen behandelt werden. So beschloß sie dann, selbständige Drehbuchautorin und Schriftstellerin zu werden. Sie entdeckte die Faszination amerikanischer Hard-Boiled-Krimis und stellte 1993 mit ihrer Privatdetektivin Murano Miro im preisgekrönten Roman Regen auf ihrem Gesicht die erste japanische Schnüfflerin als Hauptfigur in den Mittelpunkt des Geschehens. Inzwischen hat diese ungewöhnliche Autorin sechzehn Romane, vier Kurzgeschichtenbände sowie Essays veröffentlicht; fünf ihrer Romane sind verfilmt worden.

Hard-boiled und tough sind die ausgegrenzten Einzelgängerinnen, die sie nach Die Umarmung des Todes in ihren späteren Romanen beschrieb. Da aus den Opfern meistens brutale Täterinnen werden, stellt Natsuo Kirino ihre Figuren, die sich für ihre erlittenen Demütigungen und Mißhandlungen rächen, keineswegs als Sympathieträger dar. Ihre "Teufelskind"-Hauptfigur Aiko Matsushima, uneheliche Tochter einer Prostituierten, unter unsäglichen Bedingungen im "Sternenkinder"-Waisenhaus aufgewachsen, arbeitete selbst im Bordell. Schon als "Sternenkind" befand sie sich in der genau festgelegten Hierarchie auf der untersten Sprosse: Vater unbekannt, Mutter unbekannt, keine Verwandten, keine Freunde- sie war der absolute Abschaum und wurde von allen dementsprechend behandelt. Diese Figur könnte aber auch kaum abstoßender, asozialer oder widerwärtiger sein: Aiko kann keine Kritik ertragen, sie ist extrem berechnend und Erinnerungen an ihre Vergangenheit lösen bei ihr fürchterliche Rachegefühle aus. Überhaupt sind ihre aus nichtigen Anlässen hochkochenden Rachegelüste kaum nachvollziehbar, weil ihre rationale Hemmschwelle längst überschritten ist. Aiko ist ein wahrer Feuerteufel- wer sie beleidigt oder erniedrigt, sie auch nur irgendwie irritiert, endet schnell als verkohlte Leiche in einem wahren Inferno. Aus purer Geldgier bringt sie, als sie vorübergehend in Hotels jobbt, auch mal wohlhabende Gäste um. Irgendwann scheinen bei dieser von der bürgerlichen Gesellschaft verstoßenen Randexistenz alle Sicherungen durchgebrannt zu sein und sie geht von da an nur noch über Leichen. Dies ist genau der Punkt, den die Autorin interessiert.

Survival of the meanest: "Wenn man nicht auch einen gewissen schlechten Zug anerzogen bekommen hat, kommt man in dieser Welt nicht zurecht", meint Aiko zum koreanischen Koch, mit dem sie vorübergehend zusammenlebt. Sie hat sich ihre eigene Biographie aus phantastischen Versatzstücken großbürgerlicher Wohlhabenheit und beeindruckender Status-Symbole zurechtmontiert. Ihre erste Frage nach der Aufnahme bei einer Pflegefamilie bezog sich auf deren Immobilienbesitz und ihre Ersparnisse. Da war sie gerade mal acht Jahre alt, aber schon längst Kleptomanin, die statt des Herzens offenbar einen Taschenrechner in der Brust implantiert hatte.

Ihre Überlebensphilosophie wird einmal so beschrieben: "Allein kann der Mensch nicht leben, deswegen muß man sich die Verbindungen zu Menschen aus der Vergangenheit zunutze machen. Dennoch bleiben diese Menschen letztlich Fremde. Fremde, die lästig werden können, und wenn sie lästig werden, Sachen ausposaunen. Dann muß man sich ihrer entledigen".

Da Natsuo Kirino den psychologischen Knackpunkt sondieren will, der zu kriminellen Aktivitäten führt, breitet sie ein Panoptikum extremer Lebensumstände vor uns aus. Sie zeigt die groteske Bandbreite eines aus dem Ruder gelaufenen Konsumfetischismus, dessen Edel- Marken einen götzenartigen Stellenwert entfaltet haben. Mit dem Scharfsinn einer Ethnologin, die Stammesrituale analysiert, kann sie sich über den Label-Fetischismus und den Image-Kult unter Plutokraten mokieren, der das wahre Wesen der Verhältnisse ausblendet und nur noch das gefällige Plätschern an der Oberfläche wahrnimmt. Sie fächert aufschlußreiche Psychogramme wie das der schmuckbeladenen, in Edelklamotten steckenden erfolgreichen Managementprophetin Matakatsu auf, die sich auf das Rollenspiel im Big-Business-Rattenrennen nur einlässt, weil die auf Erfolg getrimmten männlichen Mitarbeiter auf diese Haltung mit den entsprechenden gimmicks fixiert sind. Das bekannte Wirtschaftswunder- Motto "Hast du was, bist du was" ist ja in Japan schon seit Jahrzehnten als ultimative Maxime internalisiert worden- ganz so, als handele es sich um die Inkarnation einer besonderen, ins Nirwana führenden Heilslehre. Wo sonst liegen Gucci und Fuji als verehrte Schönheits-Ideale so dicht beieinander wie in Nippon? In Natsuo Kirinos Panorama turbokapitalistischer Exzesse wirkt die Misere des ausgegrenzten, verhassten Teufelskindes Aiko besonders schwer erträglich. Das liegt daran, dass diese Autorin die Darstellung sozialer Gegensätze und Konflikte gern auf die Spitze treibt, um uns Leser umso intensiver zu sensibilisieren für das explosive Gemisch, das ein solches Konflikt-Szenario freisetzen kann.

Als Aiko von der ehemaligen "Sternenkinder"-Erzieherin Misae in einem Restaurant zufällig erkannt und von ihr eingeladen wird, noch eine Karaoke-Bar zu besuchen, um über alte Zeiten damals im Waisenhaus zu reden, reagiert dieses "Teufelskind", "in dessen Augen ein kaltes Flackern wie bei einem Raubtier leuchtete" auf dieses Goodwill-Angebot mit einer panischen Mord-Attacke und legt ein Feuer, in dem

die gutmütige Misae mit ihrem Mann verbrennt. Aikos Sichtweise beschränkt sich darauf, das Leben als heimtückische Falle zu interpretieren, frei nach der Devise: "Das Böse lauert immer und überall": Einen kurzen Rückblick, den sie dem von ihr entführten, verwöhnten Matakatsu-Sohn Yasushi gewährt, um ihm Angst einzuflößen, beginnt sie mit dem Satz " Das Erste, woran ich mich erinnern kann, ist, wie ich von einem Tritt über einen langen Flur geflogen bin. Nicht ich selbst habe mich bewegt, nein, ich rollte durch den Tritt auf den Eingang zu. Wer mich so getreten hatte, war ein Hurenmädchen. So was wie dich brauchen wir hier nicht, du nichtsnutzige Schmarotzerin, du Schandfleck, verschwinde hier, verreck einfach...so war es, so hat sie herumgetobt..."

Da die Vergangenheit für Aiko nur aus ekelhaften, deprimierenden Erinnerungssegmenten besteht, wird sie von ihr konsequent ausgeblendet, uminterpretiert oder eliminiert. Da Bekannte aus dem früheren Bordell-Leben penetrante Botschafter vergangener Leiden sind, müssen diese, auch wenn sie harmlos sind, vernichtet werden- dies ist offenbar der entscheidende Stimulus, der Aiko zur Mörderin macht. Aber es gibt trotz dieser nihilistisch-defätistischen Grundhaltung im Roman auch anrührende Momente, die Aikos Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung beschreiben. Sie spricht nämlich in Situationen großer Bedrängnis mit weißen Schuhen, die von ihrer verschollenen Mutter hinterlassen wurden- zu diesen Schuhen hat sie eine intensivere Bindung als zu irgendeinem Menschen. Ein bezeichnender, vernichtender Kritikpunkt gesellschaftlicher Verhältnisse, der an Samuel Becketts pessimistisches Menschenbild erinnert: "Ja, Dinge haben ihr Leben", verkündet die von allen menschlichen Kontakten enttäuschte Winnie im Stück "Glückliche Tage".

Natsuo Kirino wagt sich mit einer seltenen Radikalität aus dem Ghetto schöngeistiger, für Ikebana und Teezeremonien schwärmender höherer Töchter in gruselige Niederungen und gefährliche Abgründe. Mit einem geradezu militanten Furor zieht sie gleich auf mehrere Kriegsschauplätze: An die Patriarchenfront gieriger, geiler und egomanischer Männer sowie in die VIP-Lounge hohlköpfiger plump- materialistischer Hausfrauen und Business-Women, denen offenbar nur Designer-Labels auf die Stirn und in die Augen geklebt sind.

Es ist schon ein beängstigendes Szenario, das die scharfe Kritikerin saturierter, normierter japanischer Verhältnisse hier entwirft. Die Grusel-Effekte und brutalen Killer-Reaktionen sind zwar abstoßend, doch der Einblick in die Psyche des isolierten Teufelskindes Aiko und die Auslöser dieser Terminator-Aktionen gehen einher mit einem faszinierenden Plot und verblüffenden Einsichten in eine fremde Welt, die sich dem Leser nach der Teufelskind Lektüre trotz aller exzessiver Delikte doch als spannende Offenbarung erschließt.

Von unerwartet erfrischender Ironie und komischer Spontaneität sind am Schluss die Bemühungen einiger ehemaliger Bordellmädchen, die nun als Rentnerinnen einen "Ehemaligenverein" ihres Nukarumi-Hauses betreiben und sich mit beeindruckender Energie darum bemühen, ihre deprimierende Situation zu verbessern. Ausgerechnet diese alten Puff-Mädels im Ruhestand durchkreuzen schließlich Aikos sinistre Pläne - woraus Natsuo Kirino ein amüsantes Highlight fabriziert.

"Einem Mann darfst du niemals dein Leben anvertrauen" lautet eine Kapitelüberschrift, die sich wie das durchgängige Leitmotiv der Romane Natsuo Kirinos anhört. Doch ebenso gut könnte das überaus pessimistische Motto dieses spannenden Romans auch heißen: "Einem Menschen darfst du niemals dein Leben anvertrauen".

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Letzte Kommentare:
22.06.2013 20:50:57
PMelittaM

Aiko hat ihre Kindheit in einem Bordell verbracht, Vater und Mutter kennt sie nicht. Auch Pflegeeltern und Heim sind ihr nicht fremd. Als Erwachsene versucht sie sich zu nehmen, was sie nicht hatte – und dafür ist ihr jedes Mittel recht. Jetzt ist sie auf einem Rachefeldzug und gleichzeitig auf der Suche nach ihrer Herkunft.

Natsuo Kirinos Bücher sind nicht einfach zu lesen, so auch dieses. Das liegt zum einen an den skurrilen und teilweise sehr fremd anmutenden Charakteren, mit denen man sich kaum identifizieren kann, sei es die ehemalige Erzieherin, die mit einem ihrer Zöglinge verheiratet ist und mit diesem gerne „Baby“ spielt, sei es der ehemalige Pflegevater, der im Alter entdeckt, dass er gern die Kleider seiner Frau trägt, oder eben Aiko selbst. Wie schon in anderen Werken der Autorin kommen auch hier die Loser der Gesellschaft „zu Wort“, Menschen, die sich ihr Leben anders gewünscht hätten.

Zum anderen liegt das an der Geschichte selbst. Sie ist dreckig und nicht für jeden geeignet. Lesen sollten sie nur erwachsene Leser und solche, die auch mit abartig anmutenden Szenen zurechtkommen. Die Autorin erzählt aus verschiedenen Perspektiven, so dass wir eng an das Geschehen herangeführt werden. Doch es wird durch die Verwendung der dritten Person auch eine gewisse Distanz hergestellt, die auch notwendig ist.

Manchmal erscheinen mir allerdings die Geschehnisse etwas unmotiviert aneinandergereiht, da fehlt – abgesehen von Aiko – ein bisschen der rote Faden. Dennoch ist der Roman interessant zu lesen, schockierend und durchaus spannend und er regt einen zum Nachdenken an.

06.03.2009 10:04:37
schnauzel

Nachdem ich das Buch "Umarmung des Todes "von Kirino gelesen hatte war ich natürlich auch auf "Teufelskind " gespannt..
Ich kann mich da nur der Meinung von Schrodo anschließen. meine Enttäuschung war groß ! Die Storry ist langweilig und teils verwirrend.Aber vielleicht hab ich die ganze Geschichte auch einfach nicht verstanden.

14.02.2009 21:04:27
Schrodo

Ich denke ich kann mich mit diesem Buch von Frau Kirino nicht anfreunden. Vermutlich hab ich nicht verstanden was mir das Buch sagen soll. Für mich sind das nur aneinander Reihungen sinnloser Morde ohne richtigen Hintergrund. Spannung findet überhaupt nicht statt. Ihr erstes in deutscher Sprache erschienenes Buch hatte ich noch mit 80° bewertet, aber diesmal bekommt sie nur 55. Mehr ist leider nicht drin.