Marionetten

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2008, Seiten: 5, Übersetzt: Knaup, Herbert
  • Berlin: Ullstein, 2009, Seiten: 366
  • Hamburg: Hamburger Abendblatt, 2010, Seiten: 388

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Jochen König
Resignative Aufklärung

Buch-Rezension von Jochen König Dez 2008

 Ausnahmsweise ist die deutsche Titelgebung eines übersetzten Romans einmal annähernd so gelungen wie der Titel des Originals. Auch wenn Marionetten der hintergründige Humor der Originalausgabe fehlt, trifft er doch ins Schwarze. Denn fast alle Figuren aus John Le Carrés neuem Roman sind fremdbestimmte Charaktere, selbst diejenigen, die sich für Puppenspieler halten, werden an wenig seidenen Fäden ruppig auf die ihnen angewiesenen Positionen gezogen.

Mit Marionetten widmet sich Le Carré einem aktuellen, brisanten und gleichzeitig medial über Gebühr beanspruchtem Thema: dem Terrorismus und seiner Bekämpfung im Schatten des elften September 2001. Als Handlungsort hat er sich Hamburg ausgesucht, dort, wo eine mögliche radikale Entwicklung verschlafen, zumindest aber übersehen wurde. Und das nicht nur von deutschen Geheimdienstlern. Wurden Kader geschmiedet, während die Nachrichtendienste vor Ort - Hamburg als internationaler Umschlagplatz legalen und illegalen Gefahrengutes wimmelt nur so vor internationalen "Beobachtern" - däumchendrehend und gemeinsam Espresso schlürfend, die Planung der todbringenden Flüge gen New York verpassten.

Deshalb heißt es in den Folgejahren Augen auf! und forsch angemerkt, wenn sich terroristische Aktivitäten Richtung Fischmarkt bewegen. Hellwach werden die Dienste, als sich der junge Issa Karpow bei einer türkischen Familie einnistet. Ein 23-jajhriger tschetschenischer Moslem, dessen Fluchtroute ihn über die Türkei, Schweden und Dänemark schließlich nach Deutschland führt. Mit dem Wunsch Allah zu dienen und Medizin studieren zu dürfen. Gezeichnet von schweren Misshandlungen und diversen Gefängnisaufenthalten, bittet er die junge Anwältin Annabel Richter seine Interessen zu vertreten. Eine davon ist die Einsichtnahme in ein Schwarzgeldkonto, dass sein Vater bei einer kleinen englischen Bank unterhielt.

Tommy Brue, Erbe und Vorsitzender jener Bank, ist heilfroh, dass jenes "Lipizzaner" genannte Konto endlich vor seiner Auflösung steht. Doch so einfach ist die Sache nicht. Issa möchte keinen Nutzen aus dem verbrecherisch angehäuften Geld des Mannes ziehen, der durch eine Vergewaltigung sein Erzeuger wurde. Annabel Richter und Tommy Brue versuchen das Beste für Karpow rauszuholen, doch er bleibt standhaft. Bis die Geheimdienste anklopfen, Richter und Brue instrumentalisieren und einen Plan aushecken, Geld und Karpow auszunutzen, um Dr. Abdullah, einen möglichen Unterstützer terroristischer Aktivitäten für ihre Belange einzuspannen. Doch wie so oft, wenn mehrere Parteien an ein und demselben Spiel beteiligt sind, macht man sich schon mal gegenseitig Striche durch die Rechnung. Das ziemlich abrupte Ende des Romans ist ein einziger Strich, bzw. Fragezeichen.

Obwohl etliche Agenten seinen Roman bevölkern, ist Le Carré weit davon entfernt, eine Jason Bourne oder gar James Bond-Paraphrase zu schreiben. Man kann es mutig oder Manko nennen: Marionetten bietet kein Personal zur Identifikation an. Ob Geheimdienstmitarbeiter oder mutmaßlicher Terrorist, sämtliche Personen schwimmen im Ungefähren, bieten wenig greifbares, das sie als nachvollziehbare Identifikationsfiguren zulässt. Issa Karpow ist ein getriebener Simpel, eine unbedarfte Figur, die Schlimmes erfahren hat, naive Träume von einem "normalen" Leben träumt, gleichzeitig aber zum Zielsubjekt politischer Interessen wird.

Le Carré lässt offen, bis über das Ende hinaus, ob Issa tatsächlich tiefergehende Verbindungen zu radikalen Islamisten besitzt, oder ob er nur ein unbedarfter Tor ist, den das räudige Schicksal in eine hochtourige Schleudertrommel geschickt hat. Dass er an die vom Willen her redlichen Annabel Richter und Tommy Brue gerät, ist Segen und Fluch zugleich. Je mehr die beiden sich bemühen ihn zu retten, um so mehr leiten sie seinen Untergang ein. Denn beide, ambitioniert und idealistisch zugleich, lassen sich in Windeseile von den jeweiligen Geheimdiensten zu willfährigen Handlangern ummodeln.

Dass am Ende alles anders kommt als geplant, geradezu die platteste Lösung zum Ausweg eines schwärenden Konfliktes gewählt wird, ist anerkennenswert und Schwachpunkt. Einfallslos oder realitätsnah - der Text lässt beide Schlüsse zu. Hier sind keine Superhirne unterwegs, sondern durchschnittliche Beamte, die sich in langwierigen Absprachen mit anderen Beamten ihr Weltbild zurecht zimmern. Menschliche Attribute, Sehnsüchte und Verfehlungen werden politisiert, zu Markierungspunkten auf der imaginären Kladde eines Verwaltungsangestellten.

Leider führt das dazu, dass sich Marionetten jeder herkömmlichen Spannungsdramaturgie entzieht. Negativ ausgedrückt: die ersten 250 Seiten des Romans passiert wenig bis gar nichts, außer, dass sich die Protagonisten über die eigene Stellung und ihre jeweiligen Befindlichkeiten klar zu werden versuchen. Issa Karpow ist dabei die Bruchstelle, an der sich sowohl seine Verteidiger wie seine Gegner zu positionieren versuchen. Da er aber alles andere als ein charismatischer und leicht fassbarer Charakter ist, muss der geneigte Leser eine Menge Geduld und Abstraktionsvermögen mitbringen, um nicht Lust und Faden zu verlieren. Die latente Unsicherheit, die Gefahr plötzlich zum Spielball widerstreitender Mächte zu werden, prägt den Roman zwar offensichtlich, wirkt aber nicht sonderlich beklemmend, da die Figuren seltsam kalt lasen. Was um so verwunderlicher ist, da der Roman sprachlich weitgehend ein Genuss ist. Möglicherweise ist Le Carré sogar ein zu eleganter Autor, um den Schmutz, den die verzweifelt nach Feindbildern suchenden Geheimdienste aufwirbeln, sichtbar zu machen. Zur Groteske fehlt ihm leider die nötige exaltierte Ironie.

In einem anderen Punkt ist Marionetten wesentlich treffender. Denn neben der Terroristenhatz, handelt der Roman von Söhnen und Töchtern und den problematischen Beziehungen zu ihren Eltern (vorzugsweise Vätern). Während Issa seinen Erzeuger aus berechtigten Gründen abgrundtief hasst, versuchen sowohl die noch recht junge Annabel Richter, wie der 60-jährige Tommy Brue ihren Vätern zu gefallen und sich gleichzeitig abzunabeln. Hier weist Le Carré auch das ironische Geschick auf, das ihm vorher fehlte: Brues Vater ist immerhin schon einige Jahre tot. Sein Schatten schwebt aber immer noch über dem armen Tommy und sei es in der Gestalt seiner Sekretärin "Frau Elli", die er vom Vater übernommen hat. Obwohl sich Annabel und Tommy erst sperren, sind beide höchst erleichtert, als eine staatliche Institution sie bei der Hand nimmt und ihnen diese Abnabelung erleichtert. Natürlich nur, um sie durch andere Abhängigkeiten zu ersetzen.

Hier, wie in der schwärmerischen Beziehung Brues zu Annabel, gelingen Le Carré hervorragende Passagen, die die schleichende Unterwanderung des Privaten durch repressive Staatsorgane eindringlich schildern. Als Spannungsthriller, bis auf den kurzen Showdown zum Finale, kaum zu gebrauchen, hat Marionetten durchaus seine Meriten als resignativer Aufklärungsroman.

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