Kuhls Kosmos

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Pulp Master, 2008, Seiten: 333, Originalsprache

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Jochen König
Another beat has turned into a killer

Buch-Rezension von Jochen König Nov 2008

1980 war nicht das Jahr, in dem Conny Kramer starb, wohl aber Mario "Rio" Bravo. Das Disco-Jahrzehnt geht zu Ende und den Pharmajunkie, DJ und bekennenden Disco-Fan Rio Bravo erwischt die verirrte Kugel eines halluzinierenden GIs, der im Rausch auf ein "fliegendes Monstrum" schießt. Ein paar Kugeln gehen daneben. Wilde Zeiten in "Kamerun", jenem Frankfurter Viertel, das eigentlich Gallus heißt und gerne als sozialer Brennpunkt etikettiert wird. Mittendrin die "Gestörten vom Block": Rio Bravo und sein Kumpel Anton Kuhlmann, genannt Kuhl.

Drogen, kleine Gaunereien, die meist schief gehen, Desillusion, große Pläne und das definitive Disco-Inferno bestimmen das Leben der beiden 19-jährigen. Rio möchte gerne Astronaut bei der NASA werden (uimmerhin besitzt er schon einen Helm). Kuhl hingegen träumt, sich in der Silvesternacht zwischen den Schenkeln einer willigen Schönen im finalen Orgasmus das Hirn rauszublasen. Daburo Shuuto, sterben wie ein Yakuza. Nie mehr ultra-low, sondern den Tod super-abnorm-mellow erleben. Auf Nassau, jenem Ort, wo sich die Schönen und Reichen auf dem Golfplatz treffen und Pläne schmieden. Kuhl, erfahrener Schwerenöter und mutmaßlicher Raubmörder, soll als Pornoproduzent verpflichtet werden. Er macht, was er am besten kann: mittreiben lassen, philosophieren, das Leben als Warteschleife betrachten. Während der wahre Kuhl den exquisitesten Abgang plant, den er sich nur vorstellen kann. Das in der Heimat sein bester Freund getötet wird, bekommt Kuhl vermutlich nicht mehr mit. Der in Rio Bravos Todesfall ermittelnde Kommissar Herbrichter führt ihn als verschollen, vermutet ihn sogar tot. Seine Beteiligung am gewaltsamen Tod zweier Zuhälter scheint zweifelhaft. Ist er der Killer oder nur ein zufällig anwesender Zeuge? Fragen, die vermutlich nur der Gestaltwerther, der unsichtbare, schattenhafte Begleiter Rio Bravos beantworten kann.

Es wird viel halluziniert in Kuhls Kosmos. Kaum etwas ist greifbar, selbst Kuhls Flucht nach Nassau mit einem Geldkoffer als Gepäck, hängt etwas Surreales an. Ist Nassau doch bevölkert mit seltsamen Menschen, wie der abgetakelten Pornoaktrice Pola, die eigentlich Pauline heißt und aus München stammt, dem Zuhälter Bosco, einem Barmann namens Franzl und dem Möchtegern-Filmmogul Earl, geboren als Aurel B. Holsten. Kuhls Nassau ist ein genauso schmutziger Ort wie seine Heimat "Kamerun", die halbseidenen Figuren tragen andere Namen, sind aber vom selben Schlag. In Frankfurt rätselt Kommissar Herbrichter über Kuhls Schicksal, während er die Umstände von Bravos Tod zu entschlüsseln versucht. Wie der umfangreiche Anhang verrät, zieht er dabei sogar Rios Plattensammlung zu Rate, die populäre Scheiben wie Obskuritäten beinhaltet. Alles Disco, versteht sich, aber Herbrichter sieht Verweise auf Satanismus, Drogenmissbrauch und den Neffen Luis Trenkers. Die hedonistischen 80er kündigen sich an, das Yuppie-Jahrzehnt, in dem für Figuren wie Rio und Kuhl kein Platz mehr zu sein scheint. Aber wer weiß, was der Gestaltwerther noch ausbrütet.

Für Kuhls Kosmos hat Thor Kunkel, vier Jahre nach seinem umstrittenen Roman Endstufe, die Protagonisten seines Schwarzlicht-Terrariums reaktiviert und schickt sie auf eine aberwitzige Odyssee. Der Ex-Fernsehtechniker und Nachtwächter Kuhl ist dabei Dreh- und Angelpunkt des sich selbst bestätigenden Chaos. Kuhl rechnet immer mit dem Schlimmsten und ist überrascht, wenn es eintrifft. Sei es sein genialer Plan, die Wohnungen von potentiell sterbenskranken Rentnern zu beobachten, um sie im Falle einer länger anhaltenden Finsternis zu entrümpeln. Manchmal leben Menschen dummerweise im Dunklen. Oder der von der RAF abgeschaute Clou, einen Einkaufswagen voller Spirituosen zu klauen, indem man einmal bezahlt und zweimal abkassiert. Bedauerlich, wenn Kaufhof-Kassiererinnen ein besseres Gedächtnis haben, als vermutet, und das Kaufhaus zur zuschnappenden Falle wird. Wie Kuhl und Rio mit dem gewaltgeilen Wachpersonal fertig werden, ist ein großartiges Schelmenstück, dessen knappes, blutiges Finish mehr Fragen aufwirft, als beantwortet.

Mitunter gibt sich Kuhl zu eloquent und selbstreflexiv für einen Loser aus dem Ghetto. Da ist er eindeutig Kind seines Schöpfers. Aber wie er der Welt fast jederzeit Paroli bietet (sein mehrseitiges Wortgefecht mit Melissa, der beflissenen Mitarbeiterin des Arbeitsamtes, ist ein komödiantisches Kleinod), gleichzeitig in fast allen Belangen scheitert und trotzdem weitermacht, ist von erstaunlicher Konsequenz und zeugt gleichzeitig von einem Leben voller vergebener Möglichkeiten.
Wer einen stringenten Kriminalroman erwartet, wird an Kuhls Kosmos verzweifeln.

Zwar gibt es gewalthaltige Momente, doch die Auflösung seiner Kriminalfälle interessiert Kunkel nur wenig. Er überlässt es dem Leser zu entscheiden, ob er das Buch als schwarzhumorigen Blick auf kriminelle Karrieren sehen möchte, oder als die Darstellung des verzweifelten Versuchs einer Gruppe spätpubertärer Jugendlicher, einer Zukunft ohne Hoffnung zu entkommen. Dabei stellt er keine Schuldigen bloß, er beobachtet nur und haut uns das Gesehene entsprechend ruppig um die Ohren. Kuhls Kosmos fordert seine Leser zum Mitdenken auf, und dies auf äußerst unterhaltsame Weise. Ein deutscher Krimi. Nicht regio, nicht sozio, nicht lamentierend - einfach nur hula

 

"Disco Radio Action! While one beat keeps you staying alive, another beat has turned into a killer... You got it?"
"Born To Be Alive!"

 

Kuhls Kosmos

Kuhls Kosmos

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Letzte Kommentare:
08.12.2009 08:10:12
koepper

Kuhls Kosmos ist ein unterhaltsames Buch. Kein Krimi im klassischen Sinne. Unterhaltsam sind die Rückblenden in die siebziger Jahre; Kunkel erinnert uns an "Kung fu fighting" und andere musikalische Verbrechen. Auch die politischen Strömungen dieser Zeit werden schlagwortartig beleuchtet.
Die Hauptperson Kuhl ist gut gezeichnet. Der ewige Loser, der endlich mal zu Geld kommt und in die Welt der abgedrehten Gestalten eintaucht. Das Geld geht zur Neige und auch die Hoffung auf ein gutes Leben. Das schildert Kunkel sehr gut. Das Buch hat einen traurigen Klang, dennoch ist es bisweilen sehr humorvoll. Vor allem das dauernde Scheitern des Ganoven Kuhl ist z.T. sehr witzig dargestellt. Außergewöhnliche Kost, empfehlenswert.

31.03.2009 16:41:32
Miles Riffergott

Alle Achtung, dieser Roman hat es in sich und ist ein würdiger Nachfolger von Kunkels "Schwarzlicht-Terrarium". Kunkel schreibt so wie Sibylle Berg gerne schreiben würde und noch viel besser, er ist unser bester Konstrukteur des alltäglichen Grauens und wirklich extrem herbe Kost, wäre da nicht immer wieder Kunkels aberwitziger Galgenhumor, der aus allem raushaut. Ein spannendes und aberwitziges Lesevergnügen für alle, die die Null-Acht-Fünfzehn-Krimi-Kost satt haben!

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