Paperboy

Erschienen: Januar 1996

Bibliographische Angaben

  • New York: Random House, 1995, Titel: 'The Paperboy', Seiten: 307, Originalsprache
  • München: Goldmann, 1996, Titel: 'Schwarz auf weiß', Seiten: 350, Übersetzt: Bernhard Robben
  • München: Goldmann, 1998, Titel: 'Schwarz auf weiß', Seiten: 350, Übersetzt: Bernhard Robben
  • München: Liebeskind, 2013, Seiten: 320

Couch-Wertung:

88°
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Jochen König
There’s a lot of things going on here, That even newspapers don’t understand

Buch-Rezension von Jochen König Okt 2008

Eigentlich passend zum Kinostart des "Paperboy"-Films sollte der 1995 erschienene Roman Pete Dexters, nach der wenig erfolgreichen deutschen Erstveröffentlichung bereits 1996 (1998 als Taschenbuch), unter dem Titel Schwarz auf Weiß, eine Neuauflage, wieder in der ansprechenden Übersetzung Bernhard Robbens, im Liebeskind-Verlag erleben. Doch irgendwer hat gekniffen und so wird der umstrittene Film Ende Juni lediglich auf DVD (und vermutlich BluRay) erscheinen. Das ist bedauerlich, was die mögliche erweiterte Vermarktung angeht, aber der Roman steht auch allein gut da.

1969 in Moat County, Florida. Der 20-jährige Erzähler Jack James ist gerade von der Uni geflogen und kehrt nach Hause zurück, um für seinen Vater, den Besitzer der kleinen "Moat County Tribune"-Gazette als Lieferwagen-Fahrer zu arbeiten. Er hat kein Interesse ins Zeitungsgeschäft einzusteigen, das überlässt er lieber seinem großen Bruder Ward, der mit seinem Partner Yardley Acheman ein aufgehender Stern am Journalistenhimmel ist.

Doch wie der Zufall es will, führen eine Frau und eine mögliche Story Ward zurück in seine Heimat. Die Frau heißt Charlotte Bless, ein alterndes Verbrecher-Groupie, deren momentanes Interesse ihrem derzeitigen "Verlobten", dem inhaftierten Hillary Van Wetter gilt. Den sie für unschuldig hält, Sheriff Thurmond Call aufgeschlitzt und ausgeweidet zu haben. Jenen Menschen, der ungestraft "in aller Öffentlichkeit sechzehn Schwarze umgebracht hatte und nie zur Rechenschaft gezogen worden war". Bis er Jerome Van Wetter zu Tode trat, den Vetter Hillarys, einen Weißen.

Ward, der akribische und hartnäckige Rechercheur und sein Partner Yardley, der Artikelschreiber, stoßen auf Verfahrensfehler, lückenhafte Beweisketten und ein mögliches Alibi Hillary Van Wetters. Alles scheint gut zu laufen für die beiden Reporter. Wenn Hillary Van Wetter nicht so ein höchst unangenehmer Zeitgenosse wäre und dieses nagende Gefühl von Falschheit ausbliebe, das den redlichen Ward befällt, je näher sie ihrem Ziel kommen. Als der Artikel erscheint, liegt Ward zuschanden geschlagen im Krankenhaus und kann Yardley Acheman nicht mehr aufhalten. Nächster Stopp: Pulitzerpreis. Bruder Jack, der als Fahrer und loyaler Begleiter ständig anwesend war, bleibt nur die Rolle als nachdenklicher Zeuge.

Doch der Autor hieße nicht Pete Dexter würde der Roman mit einem Triumph enden. Es warten Fallstricke. Auf fast jeden der Beteiligten.

Paperboy ist ein Roman über Sehnsüchte. Ward James sehnt sich nach einem ehrlichen, wissbegierigen, investigativem Journalismus, Yardley Acheman nach Ruhm und Anerkennung, Charlotte Bless nach einem Psychopathen mit einem Herz aus Gold, Jack James nach einem Platz im Leben.

Nur Hillary Van Wetter hat keine Sehnsüchte. Den Wunsch nach Bedürfnisbefriedigung sehr wohl, aber mehr auch nicht. Dexter genügen wenige Dialoge und beschreibende Passagen um aus Van Wetter einen der eindrücklichsten und unangenehmsten Soziopathen der Kriminalliteratur zu machen. Nicht ein Übermaß an Brutalität ist vonnöten, um jemand aus der menschlichen Gemeinschaft hinauszukatapultieren, sondern absolute Gleichgültigkeit und ein gerüttelt Maß an kaltherziger Berechnung.

Pete Dexter lässt diese Menschen aufeinandertreffen und fokussiert darin Scheidepunkte. Den Beginn eines (Erwachsenen-)Lebens, den vermeintlichen Höhepunkt und den Niedergang, das Ende. Er lässt Hoffnungen, Obsessionen, gesellschaftliche Realitäten und Professionen aufeinanderprallen, kommentiert mit galligem Humor und klarsichtigen Bestandsaufnahmen. Wie an zentraler Stelle, als der knapp dem Tode entronnene Ward James, ahnend dass ein paar Hinterwäldler ihm taktisch überlegen waren, sein Credo postuliert:

 

"Du hast es noch nicht erlebt, Jack, wie es ist, wenn du es absolut korrekt hinkriegst", sagte er, "Wenn du die Dinge auf das runterbrichst, was tatsächlich passiert."
"Und was dann?" fragte ich.
Er lächelte, Fett schimmerte auf seinem Kinn. "Das macht es erträglich", sagte er. Und einen Moment lang schien mir, als würde seine Stimme aus dem Aufwachraum zu mir dringen.
"Nur weiß man nie genau, wie die Menschen sind", sagte ich, und diese Worte hingen noch lange zwischen uns.

 

 

Es ist der Wunsch nach einem sauberen, ehrlichen Journalismus, der Wahrheit und Gerechtigkeit verpflichtet ist, der Ward antreibt. Doch verbirgt sich dahinter noch viel mehr. Die Sehnsucht (mal wieder) ein offenes und ehrliches Leben führen zu können, respektiert zu werden, für das was man tut, egal, was und wer man ist, egal welche Hautfarbe man besitzt. Dexter hält in der Schwebe, ob Ward tatsächlich homosexuell ist, worauf vieles hindeutet, er lässt seinen Erzähler Jack so naiv wie unbeholfen darüber hinweg parlieren.

Ähnlich verhält es sich mit dem Thema Rassismus. Er ist Status Quo, sanktioniert, und hinterlässt nur ein wehmütiges Gefühl bei Jack als die langjährige Haushälterin Anita Chester (die dem Film interessanterweise die Erzählstimme verleiht) entlassen wird, um der neuen Dame des Hauses Platz zu machen. Ellen Guthrie, die Wards Idealismus konterkariert, bindet sie doch jedem Zuhörer ungefragt auf, wie schlimm es war, vergewaltigt zu werden. Anal. Von zwei Typen gleichzeitig. Und nacheinander. Ihre Geschichte gewinnt mit jedem Erzählen an Ausschmückung. Dabei wird sie von Dexter nicht diffamiert, sondern ist eine weitere jener Protagonisten, deren Wunsch nach Erreichung ihrer ersehnten Ziele jede Grenze hinfällig werden lassen.

Es gibt Punkte, an denen ist Dexter so nah am wirklichen Leben dran, dass es wehtut. Wenn man es zulässt. Ungeachtet dessen ist "Paperboy" ein spannender, fiebriger Southern Noir, der mit expliziter Gewalt haushaltet, deren Wucht und Bedeutung aber immer spürbar sein lässt, und dessen Witz von jener traurigen Sorte ist, die lange nachwirkt. Aus gutem Grund.

Nicole Kidman uriniert auf Zac Effron!

2012 lief Film in der offiziellen Sektion des Cannes-Festivals. Dann der Kinostart in den USA. Polarisierend und kontrovers aufgenommen. Von "Hochglanz Trash" war die Rede, aber auch vom Entsetzen über die freizügige Darstellung Nicole Kidmans in der Rolle der Charlotte Bless. Nicole Kidman uriniert auf Zac Effron!!

In einer zentralen Passage des Romans gerät Jack James beim Schwimmen in einen Pulk Quallen, deren giftversprühenden Tentakel eine lebensbedrohliche, allergische Reaktion hervorruft, die eine Gruppe Schwesternschülerinnen am Strand dadurch entschärft, indem sie auf den fast bewusstlosen Erzähler pinkelt. "ALTBEWÄHRTES HEILMITTEL RETTET GESTRANDETEN SCHWIMMER" postuliert selbst die Zeitung von Jacks Vater. Die so realistische wie groteske Situation und ihre mediale Aufarbeitung, vermittelt schon ein Jahrzehnt vor Youtube jenes Gefühl der Beschämung, das die Betroffenen überkommt, wenn Momente der Hilflosigkeit zum Lacher für ganze Heerscharen von Menschen werden. Selbst der mögliche Tod wird so zum Witz. Im Film wird die lebensrettende Aktion der Strandmädchen von Nicole Kidman übernommen.

Was eine Besprechung des gesamten Films für eine Vielzahl von (amerikanischen) Kritikern unmöglich machte. Eine weitere explizite Szene von Kidman-zeigt-alles sorgte für den Rest. Wir machen uns Sorgen um das Seelenheil und die berufliche Zukunft von Mrs. Kidman. Proud und prüde killt jede mögliche ernsthafte Bewertung.

Ob diese Sorge der Grund für den verhinderten Kinostart in Deutschland ist, sei dahingestellt. Vielleicht ist der Film auch einfach schlecht (obwohl Pete Dexter das Drehbuch mitverfasst hat). Aber alleine eine Besetzung mit Nicole Kidman, Zac Effron, Matthew McConaughey und John Cusack (als Hillary Van Wetter!), Scott Glenn und Macy Gray dem deutschen Kinopublikum vorzuenthalten, ist schon starker Toback. Statt kontroversem Stoff mit Diskussionsbedarf ausgesetzt zu werden, können sich die Kinobesucher hierzulande bei der werweißwievielten Auflage einer dieser sepiagetönten Schmalspur-Schweig(höf)er-Klamotten nassmachen. Da lobe ich mir doch: Nicole Kidman uriniert auf Zac Effron!!!

Pete Dexter hat vollkommen recht: "Kein Mensch bleibt unversehrt"!

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