Der blinde Tod

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • New York: G. P. Putnam’s Sons, 2007, Titel: 'Killer weekend', Seiten: 326, Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2008, Seiten: 320, Übersetzt: Joachim Honnef

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Michael Drewniok
Warten auf den entscheidenden Schuss

Buch-Rezension von Michael Drewniok Okt 2008

In Sun Valley, US-Staat Idaho, verbringt Generalstaatsanwältin Elizabeth Shalor seit jeher gern ihre raren Urlaubstage. Das ist bemerkenswert, denn vor acht Jahren versuchte sie genau hier ein mit ihrer Arbeit unzufriedener Staatsbürger umzubringen. Damals entkam Shalor nur, weil der junge Deputy Walter Fleming rechtzeitig auf der Bildfläche erschien und den Strolch ausschaltete.

Seither ist Fleming Shalors Freund; ein Status, der neuerdings mit Privilegien aber auch Pflichten verbunden ist: Elizabeth Shalor gedenkt sich für das US-Präsidentenamt zu bewerben. In Sun Valley möchte sie vorab ausspannen sowie auf einer Tagung ihre Kandidatur bekanntzugeben. Walter Fleming, seit seiner Heldentat Sheriff von Sun Valley, ist für ihre Sicherheit verantwortlich. Das FBI ist wenig erfreut darüber, denn Shalor ist aufgrund ihrer politischen Ziele außerordentlich exponiert. Mit Anschlägen ist zu rechnen. Gern würde das FBI sie isolieren, doch Shalor sperrt sich. Sie vertraut ihrem Lebensretter Fleming.

Der ist alarmiert, als gar nicht weit entfernt von Sun Valley eine Leiche entdeckt wird. Die Ermittlungen lassen vermuten, dass ein Auftragskiller eingetroffen ist, dessen Zielperson Shalor sein muss. Fleming und sein Team setzen alle Hebel in Bewegung, doch "Rafe Nagler", der Attentäter, wurde in der genialen Maske eines Blinden sogar vom misstrauischen Sheriff als harmlos eingestuft und kann seine Vorbereitungen für das Attentat ungestört treffen ...

Wenn sie es wollen, kriegen sie dich

Wie das wohl letztlich ausgehen mag ... Es zu verraten wäre keine Überraschung - leider, denn "Der blinde Tod" ist, damit wollen bzw. müssen wir diese Rezension starten, ein Roman der verschenkten Möglichkeiten.

Das überrascht, heißt der Verfasser doch Ridley Pearson, der sich nicht nur mit seiner großartigen Krimi-Reihe um den Ermittler Lou Boldt, sondern auch mit seinen "Stand-Alone"-Thrillern Meriten erwarb. Mit "Der blinde Tod" beginnt Pearson eine neue (und bereits fortgesetzte) Serie um den Sheriff Walter Fleming, über den weiter unten noch einige Worte folgen werden.

Zunächst die gute Nachricht: Nicht verlernt hat der Verfasser die Konstruktion eines komplexen aber überzeugenden Plots, der zudem spannend umgesetzt wird. Geschickt stellt Pearson die Raffinesse eines einzelnen Mannes der ausgeklügelten Maschinerie gleich mehrerer Behörden gegenüber, deren Job die Gewährleistung körperlicher Unversehrtheit ist bzw. sein sollte. Doch obwohl Manpower, Ressourcen und Erfahrungen reichlich vorhanden sind, wird und kann es echte Sicherheit nicht geben. Pearson weiß dies erschreckend überzeugend darzustellen.

Große Politik und kleine Geister

"Der blinde Tod" spielt in der Welt der großen US-Politik. Aus den Medien kennen wir auch in Europa das Schachern um Macht und Geld, das den langen Weg zur Spitze ebnen soll. Mit Elizabeth Shalor lässt Pearson sogar eine Frau antreten, was für die Handlung indes nur von marginaler Bedeutung ist. Wichtiger ist Shalors Status als realistische Idealistin, die genau weiß, in welches Haifischbecken sie einzutauchen gewillt ist: Wer der zukünftigen Präsidentin seine Unterstützung gewährt, will ganz sicher sein, dass sich dieser ´Deal´ auch lohnt. Mit deprimierender Deutlichkeit vermag Pearson diese Politik als das offenzulegen, das sie ist: ein schmutziges Geschäft.

Die daran Beteiligten sind uns deshalb herzlich unsympathisch. Sie geben sich als Gefolgsleute einer zukünftigen Präsidentin aus und bringen doch vor allem ihre eigenen Schäfchen ins Trockene. Das wird mit Geschwafel, Phrasen und Lügen sorgfältig aber dennoch durchsichtig verbrämt.

Geboren aus Worthülsen

Allerdings hat es den Anschein, dass die Offenlegung solcher Praktiken gar nicht in Pearsons Absicht liegt: Walter Fleming, der offenbar den kreuzbraven Mann aus der von Washingtons Dekadenz nicht angekränkelten Provinz geben soll, ist die politfreie Pflichterfüllung in Person. Er soll die Kandidatin schützen, und das tut er. Dabei legt er sich mit dem FBI, Shalors Stab und anderen eifrigen Gesetzeshütern an und demonstriert immer wieder, dass er die meiste Ahnung sowie die dickeren Eier hat.

Das klingt genauso kindisch wie es sich in ständiger Wiederholung liest. Im Dunstkreis von Shalor unterhält man sich auf einem Niveau, das man aus TV-Serien kennt. Jeder Satz wird formuliert, als sei er einem Chronisten in die Feder diktiert und für die Ewigkeit gedacht; so reden vorgeblich bedeutende Leute, wenn sie die Geschicke der Welt planen ...

Vermengt wird das mit ähnlich abgegriffenen Seifenoper-Elementen: Die eifrigen Königsmacher um Shalor sind nicht ohne Fehl und Tadel, sondern haben ihre Schwächen, die sie angreifbar machen und auch die Kandidatin in Gefahr bringen. Natürlich bilden Gier, (garantiert erotikfreier) Sex und Verrat das Dreieck, durch das der (gar nicht) blinde Tod sich anschleichen kann.

Shalor selbst ist die Heilsbringerin, die endlich alles besser machen wird, wenn sie erst auf dem Thron sitzt. Weil daraus ohne die beschriebenen Konzessionen nichts werden wird, baut Pearson Passagen ein, in denen die Kandidatin selbstkritisch über ihr Handeln reflektiert und sich fragt, ob sie sich denn noch selbst im Spiegel anschauen mag. Selbstverständlich steht dann jemand hinter ihr, versichert ihr schmalzig das Gegenteil und fordert zum Durchhalten auf.

Held und Schurke auf Linie

Fleming wird noch reichlicher mit privaten Problemen bedacht. Mit seinem einflussreichen FBI-Vater - der außerdem säuft - versteht er sich nicht, nach dem Tod des Bruders hat er sich mit der Gattin verkracht, weil er sich zu intensiv um die verwitwete Schwägerin und deren Sohn kümmerte, der zudem schwer pubertiert und sich in schlechter Gesellschaft herumtreibt. Aber das sind nur Indizien für einen generell eindimensionalen Charakter, der als moralingetränkter, mit Ermahnungen stets eifriger, humorloser Sauertopf als Held einer Serie ziemlich fragwürdig erscheint.

Pearson plante eigentlich die Figur eines redlichen, ein bisschen altmodischen, vom Schicksal gebeutelten aber unbeugsamen Mannes - ein Sheriff aus dem Wilden Westen halt. Nur so ein Mann - das möchte der Verfasser uns suggerieren - hat den Durchblick im großen, bösen Spiel um Macht und Verbrechen. Während FBI & Co. pflichtvergessen um Kompetenzen und Karrieren rangeln, erledigt Sheriff Fleming - nicht nur 12 Uhr mittags - seinen Job.

Ähnlich intensiv geht Milav Trevalian seinem Geschäft nach. Er darf das, denn er ist der Attentäter und außerdem Tscheche, was auch viele Jahre nach dem Untergang des Ostblocks in US-Ohren sehr verdächtig klingt. Somit weiß der Leser wahren Geistes Trevalian sofort richtig einzuschätzen, als der sich als blinder Mann tarnt: unfair, politisch absolut unkorrekt, heimtückisch! Kein Wunder, dass der Mörder (zunächst) seinen Häschern entschlüpft, die (fast zu) lange einfach nicht begreifen können, wie gemein sie an den Nasen herumgeführt werden. Die ganze Verworfenheit des Attentäters manifestiert sich in Szenen, in denen anständige Gesetzeshüter oder gar Sheriff Fleming selbst dem angeblich hilflosen Trevalian mannhaft ihre Hilfe anbieten. Sollten zwei Blindheit vorgaukelnde Kontaktlinsen tatsächlich ausreichend sein den US-Geheimdienst zu täuschen? Erklären würde es vieles ...

(Ist die eingehende Beschäftigung mit dem überaus sehtüchtigen Schurken ein Spoiler? Wohl kaum, da Pearson selbst die Katze schon ganz zu Anfang aus dem Sack lässt. Auf dass jegliche Überraschung zuverlässig ausbleibt, wurde dem Werk in Deutschland außerdem der Titel "Der blinde Tod" gegeben.)

Bekannte Pearson-Qualitäten drängen endlich wieder in den Vordergrund, als die Handlung ihrem Höhepunkt zustrebt. Zwei Profis arbeiten gegeneinander, und die Tücken des Objekts sowie der Zufall sorgen für Unerwartetes. Solche Action mit Hirn versöhnt mit einem der schwächeren Werke des Verfassers, das glücklicherweise nicht allzu lang geraten ist.

 

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