Trojaner

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Köln: DuMont, 2008, Seiten: 511, Übersetzt: Cornelia Holfelder-von der Tann
  • München; Zürich: Piper, 2010, Seiten: 510

Couch-Wertung:

52°
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Jochen König
Selbst ein schlechter MacLean ist immer noch besser als vieles andere

Buch-Rezension von Jochen König Sep 2008

1982 erschien mit The Watcher (dt. 1985, Ich, der Wächter) von Charles MacLean einer der vielleicht wichtigsten und spannendsten "phantastischen" Romane des ausgehenden 20. Jahrhunderts. The Watcher zog seine Spannung und Intensität aus der Ungewissheit, ob die Bedrohung durch eine in die Apokalypse driftende Wirklichkeit real war, oder sich nur im Kopf des Protagonisten abspielte. Leider und unverständlicherweise weckte das herausragende Buch kaum Resonanz. Fünfzehn Jahre später wurde The Silence (dt. Kein Sterbenswort) veröffentlicht. Dazwischen und danach schrieb der Schotte Charles MacLean zahlreiche Bücher über Scotch- und Malt-Whisky. 2008 nun meldet er sich mit dem Roman Home Before Dark (dt. Trojaner) auf dem hiesigen Buchmarkt zurück. Wieder ein Buch, das über die Unwägbarkeiten der modernen Welt fabuliert; ein Thriller, der die (un)heimliche Macht der Computer zu einem zentralen Thema macht, die Durchsichtigkeit menschlicher Verhaltensweisen, ihre Manipulierbarkeit und das Problem, ob Vertrauen der Tod des vernetzten Menschen ist. Von der Irrationalität emotionaler Investitionen ganz zu schweigen. Hohe Erwartungen, die Trojaner leider nur bedingt erfüllt.

Zur Geschichte: In Florenz wird die Tochter des millionenschweren Ehepaars Ed und Laura Lister ermordet. Während die Ermittlungen sich hinziehen und keine Erfolge zeigen, treiben Trauer, Schmerz und die brennende Sehnsucht nach Rache, die Eltern immer weiter auseinander. Als zwei Jahre nach Sophie Listers Tod selbst gemalte Bilder auftauchen, die die rätselhaften Umstände ihrer Ermordung erhellen könnten, begibt sich Ed Lister noch einmal auf die intensive Suche nach dem Täter. Dabei bringt er unwissentlich nicht nur sich selbst, sondern auch die Freunde seiner Tochter in tödliche Gefahr. Denn der Mörder hat ihn längst im Visier. Und seine Waffe ist ein Computer. Den er zu bedienen weiß...

Das Gute zuerst: Trojaner ist spannend. MacLean vermittelt die latente Bedrohung, die in die gesicherte Welt einer schwerreichen Familie einbricht, durchaus intensiv. Sein Protagonist Ed Lister ist ein schmerzhaft Getriebener, der nach dem Tod seiner Tochter einer medialen Sehnsucht verfällt, die zwar die Kluft zwischen ihm und seiner Gattin immer größer werden lässt, ihm aber hilft den Verlust der Tochter zu ertragen. Das seine virtuelle Beziehung zu "Jelly", seiner jungen und hochbegabten Chat-Partnerin, nahezu wahnhafte Züge annimmt, belegt umso mehr, das (nicht nur) seine Welt auf tönernern Füßen steht, und eine starke Prise reicht, sie ins Wanken, wenn nicht gar zum Einsturz zu bringen. Leider verhebt sich MacLean an den eigenen Vorgaben, bzw. fällt den Klischees anheim, die die Lektüre solcher kriminelles Superhirn zeigt seinen Opfern einen Logenplatz im Höllenfeuer-Geschichten so unerquicklich macht. Dass der computerbewanderte Stalker seinen Opfern immer einen Schritt voraus ist, gehört zu den Regeln des Spiels.

Bei einer Jagd um den halben Erdball führt das dazu, das Zeit, Verhalten und Zufall permanent gebeugt werden müssen, um scheinbare Plausibilität zu erzeugen. Grundvoraussetzung ist, dass die Fähigkeiten der "guten" Computerspezialisten kaum zum Tragen kommen. Denn bei allem Wissen, das die Protagonisten haben, bzw. im Laufe der Ermittlungen erlangen, gehen sie mit ihren intimen PC-Beichten so lässig um, als wäre der schattenhafte Gegner ein Neandertaler. Ist er aber nicht, was er ein um's andere Mal brutal und mörderisch unter Beweis stellt. Teilweise ist das Buch äußerst schlampig redigiert - bzw. auf Deutsch bearbeitet, das lässt sich mit der deutschen Ausgabe allein nicht klar entschlüsseln. So wird z.B. aus einer Nebenfigur für einen kurzen Absatz ein Ich-Erzähler; mehrfach finden Wechsel der Erzählperspektive von einem Satz auf den nächsten statt, wobei aufgrund der formalen Mängel nicht klar wird, ob das dramaturgische Absicht, oder Resultat einer schluderigen Endfertigung ist. Es sind meist nur Kleinigkeiten, aber sie brechen den Fluss der Erzählung und nerven zum Ende hin ungemein.

Vor allem aber verärgern die plumpen Mittel der Spannungserzeugung, die MacLean völlig unnötig anwendet. Da werden wichtige Mails nicht gelesen, lebensrettende Handynachrichten werden weggedrückt, nur damit die Spannungsmaschinerie ihr billiges Futter erhält. Sehr bedauerlich; denn die Bedrohung des Individuums durch seine virtuelle Verzerrung weiß MacLean auch ohne Mätzchen zu vermitteln. Nicht nur, das sich der eingeloggte Mensch als "User" hinter der Kreation eines elektronisch erträumten Seins verstecken und/oder hemmungslos ausleben kann, er verblasst im schlimmsten Fall bis zur Unkenntlichkeit, wenn jemand anderes seinen Platz einnimmt, ohne dass es der Netzpartner merkt. Das Grauen liegt in der sich ständig verschiebenden Welt neu erschaffener Identitäten.

MacLean hätte die Accessoires, wie mehrfachen Mord und Hetzjagden im Dunkel der Nacht, gar nicht nötig, wenn er das Sujet der zunehmenden Maschinisierung des Menschseins konsequent bearbeitet hätte. Stattdessen opfert er das Ausloten dieser Tiefen einer herkömmlichen Thrillerdramaturgie, die zwar keine Langeweile aufkommen lässt, sich aber in wenig zufrieden stellenden Standards mehr schlecht als recht dem (offenen?) Ende entgegen schaukelt. Ob MacLean mit seinem schwächsten Buch, den Erfolg hat, den sein Highlight The Watcher verdient hätte, darf bezweifelt werden. Aber wir wünschen es ihm, denn ein schlechter MacLean ist immer noch besser als vieles andere, was den Buchmarkt überschwemmt. Diesen Herbst kommt da wieder einiges auf uns zu...

Die Übersetzerin sollte übrigens dazu verdonnert werden, allen Lesern einen "steifen" Scotch zu servieren. Wenn sie das nämlich beim Fachmann Charles MacLean versuchen würde, würde er ihr vermutlich einen spitzen Stock über's adelige Köpfchen ziehen. Wegen nicht gemachter Hausaufgaben. Ein "stiff Whisky" ist nichts anderes als ein "starker Whisky", also ohne oder mit nur wenig Wasser verdünnt. Steif ist nur die Brise, die mancher Übersetzerin anscheinend um die Nase weht...

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