Stadt der Knochen

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • New York: St. Martin´s Minotaur, 2005, Titel: 'Bone factory', Seiten: 274, Originalsprache
  • München: Knaur-Taschenbuch, 2009, Seiten: 346, Übersetzt: Silvia Visintini

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Jochen König
Ruppig und unbequem

Rezension von Jochen König Aug 2008

Eine transsexuelle Leiche in einem winterlichen Park. Eine tätowierte Hinterbacke in einer Plastiktüte. Ein Informant mit einer Kugel im Kopf. Ein tätowierter Seemann. Ein Arzt auf der Suche nach seinem vermissten Bruder. Der androgyne und hemmungslose Spross der Familie, der Booth City seinen Namen verdankt. Ein skrupelloser Ex-Bulle. Das alles bedeutet vermehrten Stress für Detective Eliza Ochoa und ihren, mit gesundheitlichen Problemen kämpfenden, Partner Ike Horner. Was zu Beginn wie ein sexuell motivierter Mord aussieht, entpuppt sich als Auftakt einer Mord- und Intrigenserie, die sich von den Rotlichtbezirken und schummerigen Kaschemmen einer kleinen amerikanischen Stadt, bis in die gehobenen Viertel zieht, in denen die Abkömmlinge der Gründerväter leben. Schwer zu sagen, wo es schmutziger zugeht....

Stadt der Knochen ist ein seltsamer Roman. Obwohl dauernd etwas passiert, weist er kaum eine Spannungskurve auf. Die Täter werden frühzeitig publik gemacht, während die Ermittler sich durch das (fiktive) Booth City wühlen, wie verirrte Maulwürfe durch eine Müllhalde. Die Protagonisten bewegen sich aufeinander zu wie Schachfiguren kurz vorm entscheidenden Zug. Doch es gibt keinen Spieler, der sie führt. Dass am Ende ein Drahtzieher aus dem Hut gezaubert wird, wirkt wie eine Opfergabe ans Genre.

Dass ein Todesfall in übel beleumundeten Kreisen seine Ursprünge in der "feinen" Gesellschaft besitzt, ist kein jungfräuliches Sujet, und Sidor kann ihm auch kaum neue Einblicke entlocken, zu vieles bleibt an der Oberfläche, ist bloße Behauptung. Da war Ross McDonald vor mehreren Dekaden bereits wesentlich klarer und expliziter in seinen gesellschaftlichen Analysen.

Warum also ist Stadt der Knochen trotzdem lesenswert? Es beginnt mit der Widmung, die gilt nämlich der Erinnerung an den 2002 verstorbenen Joe Strummer. Das ist zunächst eine nette Geste, aber eigentlich kaum relevant für den Gehalt des Buches. In diesem Fall allerdings doch. Denn Sidors Schreibstil hat viel dem Punk und der gesellschaftskritischen Attitüde zu verdanken, für die The Clash u.a. Pate standen. Kurze, knackige Sätze, abgefeuerte Statements, statt langer Erklärungen; Sidor baut uns eine Stadt und das Leben in ihr wie ein radikales Manifest. Und das im wahrsten Sinne. Sein "Booth City" existiert nur in seinem Kopf, ein 500 000 Seelen Kaff - in Deutschland wäre es eine Großstadt, in den USA ist es lediglich Heimstatt für eine unterdurchschnittliche Universität und drittklassige Sportteams -, das ein Spiegelbild des "American Way of Life" als Albtraumvision ist.

Bevölkert von Getriebenen, die sich nach Erlösung sehnen, deren körperlicher und geistiger Zustand bestenfalls eine Durchreiche ist. Deshalb wimmelt es von Transsexuellen, Taxifahrern, die eigentlich Dichter sind, oder müden Bullen auf der Schwelle zum Versagen oder Tod. Manchmal werden diese Schwellen im Zwielicht überschritten, doch mehr als ein resigniertes Schulterzucken sitzt kaum drin. Die Überlebenden machen weiter, mit was auch immer.

In der Stadt der Knochen hat alles seine Wichtigkeit verloren, nicht seine Bedeutung. Das Leben ist ein ewiger Kampf, gegen andere, aber auch gegen das eigene, zerstörerische Selbst. Hoffnung wohnt woanders, glücklich, wer es schafft, dorthin auszuwandern. Interessanterweise ist der mehrfach gebrochene und seiner alten Stärke hinterher trauernde Ike Horner am nächsten dran, sein Glück zu finden. Die Frage bleibt nur, ob er das auch weiß.

Sidor schert sich wenig um Konventionen, er weiß genau, dass jede Entlarvung möglicher Abscheulichkeiten immer nur stellvertretend steht, für etwas Größeres, Fieseres und noch Dunkleres, das im Verborgenen bleibt, lauert und wächst. Deshalb fallen seine Enthüllungen auch nur knapp und wenig befriedigend aus. Denn was bleibt am Ende? Eine kurze Zeitungsmeldung, die beim Frühstück verschlungen wird wie ein zerlaufendes Ei, und das Wissen, dass alles noch viel schlimmer hätte kommen können. Und wahrscheinlich kommt.

Stadt der Knochen ist ein ruppiger und unbequemer Roman. Ungeduldige werden ihn in die Ecke werfen, ob seiner mangelnden Entwicklungen, Realisten werden die statistischen Unwahrscheinlichkeiten bekritteln, Fans nägelkauender Krimiunterhaltung, das Fehlen derselben. Aber wer sich Zeit nimmt, wird lesender Zeuge einer tiefschwarzen, sarkastischen, mit ihren eigenen Schwächen hausieren gehenden Fußnote zum Leben zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

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