Mafiatod (Höllenfahrt)

Erschienen: Januar 1963

Bibliographische Angaben

  • New York: Random House, 1962, Titel: '361', Seiten: 182, Originalsprache
  • London: Penguin Books, 1967, Titel: '361', Originalsprache
  • München, Wien, Basel: Kurt Desch Verlag, 1963, Titel: 'Höllenfahrt', Seiten: 175, Übersetzt: Ursula von Wiese, Bemerkung: Die Mitternachtsbücher Nr. 169
  • Berlin: Argon Verlag, 2008, Seiten: 4, Übersetzt: Rainer Schöne

Couch-Wertung:

80°

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
 50° 100°

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

0 x 91°-100°
1 x 81°-90°
0 x 71°-80°
0 x 61°-70°
0 x 51°-60°
0 x 41°-50°
0 x 31°-40°
0 x 21°-30°
0 x 11°-20°
0 x 1°-10°
B:89
V:0
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":1,"90":0,"91":0,"92":0,"93":0,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Michael Drewniok
Familienrache und Mafiakrieg

Buch-Rezension von Michael Drewniok Aug 2008

Nach drei Jahren Militärdienst für die US-Luftwaffe kehrt Ray Kelly, dreiundzwanzig Jahre jung, ins Zivilleben zurück. Vater Willard, ein erfolgreicher Kleinstadt-Anwalt, holt ihn in New York ab. Auf dem Heimweg werden Vater und Sohn aus einem fahrenden Auto beschossen. Willard stirbt, Ray wird schwer verletzt und verliert ein Auge.

Die Polizei ist ratlos, der Fall bleibt ungelöst. Nach langem Krankenhausaufenthalt halbwegs genesen macht sich Ray deshalb selbst auf die Suche nach den Tätern. Unterstützt wird er von seinem älteren Bruder Bill, der selbst Opfer einer Tragödie ist: Seine Ehefrau wurde von einem Auto überrollt, der Täter beging Fahrerflucht.

Gibt es zwischen den beiden Attacken eine Verbindung? Die Vermutung liegt nahe, als die Brüder recherchieren, dass der verehrte Vater in den 1930er Jahren für das organisierte Verbrechen arbeitete. Doch das liegt drei Jahrzehnte zurück; welches Geheimnis könnte die Mafia nach so viel Zeit noch in mörderische Panik versetzen?

In New York stoßen Ray und Bill auf die Spur des Gangsters Eddie Kapp. Sein Name war das letzte Wort, dass dem sterbenden Willard über die Lippen kam. Seit zweiundzwanzig Jahren sitzt Kapp im Gefängnis, nun steht seine Entlassung bevor. Als die Brüder ihn vor dem Gefängnis abfangen wollen, kommen sie gerade rechtzeitig, um Kapp vor einem Mordanschlag zu bewahren. Offensichtlich steht auch er auf der Todesliste der Mafia.

Kapp weiß genau, wieso Willard und seine Schwiegertochter sterben mussten. Die Brüder sehen sich zu ihrem Entsetzen in einen modernen Mafiakrieg verwickelt. Sie werden bedroht, doch vor allem Ray zeigt sich aus hartem Holz geschnitzt. Er will Rache und ist bereit, den Preis dafür zu zahlen ...

Rache ist nichts für nette Kerle

Westlake-Helden sind Macher. Sie mögen emotionale Tiefen besitzen, die sie jedoch verbergen, so lange der Job läuft. Der besteht in diesem Fall aus einer Spurensuche mit anschließender Rache. Als die gelungen ist, fühlt sich Ray Kelly keineswegs besser. Da hat er Recht, denn es schließt sich die Geschichte einer gewieften Täuschung an, die abermals Vergeltung erfordert.

Als Donald E. Westlake Mafiatod veröffentlichte, stand er noch am Beginn seiner langen, unerhört produktiven Laufbahn. Der Roman ist schnell, hart und geizt nicht mit Überraschungen, leidet aber an seinem Plot, der daran erinnert, dass die Hard-Case-Crime-Reihe dem Krimi-Pulp gewidmet ist. Westlakes Sicht der Mafia ist reichlich realitätsfern. Das dürfte ihm bekannt gewesen sein. Im Grunde formt der Autor sich seine eigene Mafia. Er bedient sich bestimmter Versatzstücke, die man mit dem organisierten Verbrechen in Verbindung bringt. In erster Linie ist es die ‚familiäre‘ Struktur der Mafia, die Westlake übernimmt und verfremdet.

Eine nette, schreckliche Familie

Die Familie ist Ray Kelly heilig. Er fühlt sich schon in jungen Jahren entwurzelt und heimatlos. Einzige Fixpunkte seines Lebens sind sein Vater und sein Bruder. Beide wird er binnen kurzer Zeit auf grausame Weise verlieren. Schlimmer noch: Die Erinnerungen, die er mit seiner Familie verbindet, sind falsch. Der eigene Vater, bisher Sinnbild integrer Gerechtigkeit, hat ihn getäuscht.

Kelly verliert seinen Halt. Er verändert sich so stark, dass es seinen älteren Bruder erschreckt: Der Jüngere prügelt Informationen aus Verdächtigen heraus, er bewaffnet sich und kündigt Selbstjustiz an. Bill begreift nicht, wie tief Ray getroffen wurde. Er ist ohnehin untauglich für die Welt, in die sich die Brüder begeben. Bis zuletzt bleibt Bill ahnungslos.

Ray ist härter und geht den gewählten Weg weiter. Das rächt sich, als er auf seine ‚zweite Familie‘ stößt. Die Lüge des Vaters ging sogar noch tiefer. Sie bringt das ohnehin durchlöcherte Fundament seines Selbstverständnisses endgültig zum Einsturz. Plötzlich entpuppt sich Ray als Kronprinz eines ehrgeizigen Mafiafürsten, der ihm harte Wahrheiten offenbart und ihn als wahren Sohn in die Arme schließt. Seinen Seelenfrieden bringt das Ray nicht zurück. Bei näherer Besichtigung bietet ihm die neue Familie erst recht keine Heimat. Er zieht sich zurück - und muss feststellen, dass man nicht gedenkt ihn gehen zu lassen. Schlimmer noch: Während ihn sein erster Vater aus Liebe belog, ist der ‚zweite‘ ein manipulativer Egoist.

Ein junger Mann wird erwachsen

Mit Ray Kelly hat sich die Mafia indes die falsche Person ausgesucht. Er wird körperlich und psychisch gleich mehrfach schwer getroffen, bleibt aber auf den Füßen, bis er abgerechnet hat. Erst dann bricht er zusammen. Das ist natürlich ein Klischee und wird von Westlake als solches ironisch verkauft:

 

Für die Hauptpersonen in [...] Büchern war es leichter. Sie litten, sie ließen sich mit verängstigten und gehetzten Menschen ein, sie gingen mit dem plötzlichen Tod um wie mit einer Flohmarktware. Aber sie gingen unverändert aus allem hervor. Was sie durchgemacht hatten, hinterließ bei allen nicht die geringsten Spuren. (S. 163)

 

Das empfindet Kelly anders, doch Westlake, der Sentimentalität gar nicht leiden kann, wringt daraus keine eigene Handlungsebene, wie es im geschwätzig-gefühlsduseligen Mainstream-Krimi der Gegenwart viel zu oft üblich ist, sondern integriert Rays rauen Weg zur Wahrheit ins Geschehen.

Seine Ausgangssituation ist nicht die Schlechteste: Als Soldat bringt Kelly das Rüstzeug für seinen Rachefeldzug mit. Wie bei Westlake üblich bleibt das Gesetz weitgehend außen vor; die Kellys und die Mafia machen es unter sich aus. Für Abschweifungen bleibt dabei keine Zeit. Nach 200 Seiten haben sich die Pulverdampfwolken verzogen. Die Schurken sind tot, der Rächer lebt. Von einem Happy-end kann trotzdem keine Rede sein. Mit diesem realistischen Finale rundet Donald E. Westlake einen kleinen und feinen, weil unterhaltsamen und nie aufdringlich tiefsinnigen Roman ab. Solche Krimis möchte man öfter lesen!

Die Erklärung eines seltsamen Originaltitels

Donald E. Westlake gab seinem Roman einen Titel, der sich nicht ohne Erklärung deuten lässt. 1852 veröffentlichte Peter Mark Roget (1779-1869) nach fast fünfzig Jahren der Vorarbeit seinen Thesaurus. Roget verfolgte das ehrgeizige Ziel, den gesamten englischen Wortschatz zu erfassen, aufzunehmen und zu kommentieren. Roget's Thesaurus wurde nicht nur in Großbritannien, sondern auch in den USA zum Standardwerk. Auch nach dem Tod des Herausgebers erschienen immer neue und erweiterte Fassungen. So ist es bis auf den heutigen Tag geblieben.

Schon der junge Westlake war ein Mann mit hintergründigem Humor. Ausgerechnet einen an Mord & Todschlag reichen Pulp-Thriller betitelte er nach dem ehrwürdigen Thesaurus. Unter der Nummer 361 (der Originaltitel von Mafiatod) fand sich dort in der 1962 aktuellen Ausgabe der Eintrag "Killing: Destruction of life; violent death".

Mafiatod (Höllenfahrt)

Mafiatod (Höllenfahrt)

Deine Meinung zu »Mafiatod (Höllenfahrt)«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
06.01.2009 16:40:04
Bartensen

Ray Kelly kehrt nach drei Jahren Militärdienst in die Heimat zurück ... Sein Vater holt ihn ab, auf dem Weg nach Hause wird sein Vater erschossen, Ray verliert sein Auge ... beim Erwachen ist Ray nur noch von Rache erfüllt ... Im Laufe des Romans jagt Ray Whodunnit-mäßig durch New York , auf kalten jahrealten Spuren, die ihn schließlich im Zentrum eines wiederauflebenden Mafiakrieges landen lassen ...
Ray Kellys Jagd nach dem Mörder und seinen Hintermännern wird von Donald E. Westlake furios inszeniert. Es ist ein schnelles, hartes und spannendes aber auch etwas distanziertes Buch, mit wenig Charaktertiefgang aber einem beachtlichen Body-Count und einigen überraschenden Wendungen, die niemals Langeweile aufkommen lassen.
Westlakes Sprache ist passend kurz und knapp und vor Dialoglastigkeit braucht man auch keine Angst zu haben ...
Hier steht mehr schnelle und rasante Action als Tiefsinnigkeit im Mittelpunkt.
Ray Kellys Wandlung vom netten US-Boy-Soldaten zum rücksichtslosen "Hardboiled"-Rächer geht vielleicht ein bißchen zu schnell, eine wirkliche Beziehung kann man zu ihm nicht aufbauen, aber auch das passt zur Atmosphäre dieses absolut lesenswerten Buches ...

28.09.2008 17:30:46
Cudo

Ich habe das Buch im Original gelesen ("361" bei Hard Case Crimes) und kann zur Übersetzung deshalb nichts sagen. "Mafiatod" ist eine an überraschenden Wendungen reiche, sehr harte Geschichte eines Rachefeldzuges. Der 23jährige Protagonist des Anfang der 60er jahre erstmals erschienen Romans ist eben aus der Armee entlassen worden und freut sich auf das Wiedersehen mit seinem Vater, der ihn in New York abholt. Kelly senior wirkt auf seinen Jüngsten nervös, fast ängstlich. Zu recht, wie sich zeigen wird.
Pulp fiction? Gewiss: die beste.