Blutrivalen

  • John Murray
  • Erschienen: Januar 2008
  • 2
  • London: John Murray, 2008, Titel: 'The Dying Breed', Originalsprache
Blutrivalen
Blutrivalen
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Jochen König
81°1001

Krimi-Couch Rezension vonAug 2008

Die Auferstehung des Hardboiled-Ritters in rostiger Rüstung

Weihnachtszeit in Dublin. Keine friedfertige Zeit für Privatdetektiv Edward "Ed" Loy. Er trinkt zuviel, hat Schulden am Hals, die er nicht bezahlen kann, und der Gangster Leo Halligan, der geschworen hat, sich für die Verhaftung seines durchgeknallten Bruders Podge zu rächen, steht kurz vor der Haftentlassung. So kommen ihm die 5000 Pfund des sterbenskranken Paters Vincent Tyrrell gerade recht, der ihn beauftragt den verschwundenen Jockey Patrick Hutton zu suchen. Der Priester, den Loy von Kindheit an kennt und wenig schätzt, ist der Bruder des Pferdezüchters F.X. Tyrrell. Die beiden haben seit Jahren kein Wort mehr gewechselt, es scheint als suche Pater Vincent vor seinem Tod eine letzte Annäherung. Bei seinen Ermittlungen stößt Loy bald auf Miranda Hart, die Ehefrau des verschwundenen Jockeys, die ihn ebenfalls engagiert. Es dauert nicht lang und Ed Loy hängt mitten in einem Wust aus ehrgeizigen Pferdezüchtern, Wettbetrug und innerfamiliären Angelegenheiten, gegen die Sodom das reinste La Gomera ist. Als Leo Halligan auch noch mitmischt und Loys unfreiwilliger Helfer wird, bricht das Chaos über Tyrrellscourt, jenem Umschlagplatz von Geld, Hoffnung und verratenen Träumen mit voller Wucht herein. Blessuren und schmerzhafte Erkenntnisse sind noch das mindeste mit dem sich die Protagonisten am Ende zufrieden geben müssen.

Blutrivalen ist ein Hard-boiled-Roman reinsten Wassers. Declan Hughes benutzt die Stereotypen jener Gattung mit einer Unverfrorenheit, die staunen lässt. Er lässt den versoffenen Kerl ohne Geld, aber mit dem Herzen am rechten Fleck auferstehen, der nichts besseres zu tun hat, als mit seiner schönen, zwielichtigen Klientin ins Bett zu steigen und sich mit alten Schulkollegen auf's Blutigste zu prügeln. Begleitet von einem verkrüppelten Sidekick, der außer coolen Dialogen auch wesentliches zur Lösung des Falles beiträgt. Eines Falles, der mitten hinein führt in das Herz der familiären Finsternis. Hier hat Hughes einen kleinen Kniff parat, der die glatte Erzählung unterminiert. Denn neben der Familie, die im Wohlstand lebt und an ihrer eigenen Dekadenz zugrunde geht, führt uns Hughes auch in das Elend der Vorstädte, in denen das Verbrechen Oberhand gewinnt, und Clans regieren, die sich in ihrer Bösartigkeit selbst genug sind. Das mag auf den ersten Blick ein simples duales Weltbild sein, führt aber auf präzise Art mitten hinein ins Grauen: denn ob man planvoll agiert, glaubt, der Lenker seines Schicksals und seiner Bestimmung sein, oder ein triebgesteuerter Dummkopf; am Ende stehen immer Schmerz und Verderben. Und allzu oft der Tod von redlichen Menschen. Welchen Verlust dies für die Welt bedeutet, bringt Declan Hughes in knappen, präzisen Worten zu Papier.

Er spielt lustvoll mit Klischees, ohne sie zu zerstören, und es macht Spaß ihn dabei zu begleiten. Die Geschichte bietet überraschende Wendungen und Entwicklungen, hakt manches beiläufig ab, während anderes (zu) ausführlich erklärt wird. Dazu nutzt Hughes gelegentlich auch einen Wechsel der Erzählperspektive. Hier bricht er etwas zu gewollt und nicht immer notwendig mit dem traditionellen Schema. Das Loys Kompagnon Tommy Owens seinen Raum bekommt, geht völlig in Ordnung, das der kriminelle Steno auch ein Kapitel zugeschrieben bekommt, ist eher überflüssig.

Blutrivalen strotzt nicht gerade vor Originalität, oft wirkt der Roman, als wäre er aus der Zeit gefallen. Gerade das Geschehen auf Tyrrellscourt hätte zu jedem beliebigen Jahrzehnt des fortgeschrittenen 20. Jahrhunderts spielen können. In seinen Alltagsbeobachtungen ist Hughes etwas präsenter. Aber wie er die alten Versatzstücke aufbereitet, ist äußerst lesenswert. Denn er ist ein Autor, der den Leser auf spannende, melancholische und an den entsprechenden Stellen sarkastisch-pointierte Art durch das verzweigte Geschehen führt. Übertriebene Brutalitäten vermeidet er, den wahren Horror findet er in restriktiven Erziehungssystemen, sterbenden Vororten und Denkweisen, die die Welt zu einem Spielplatz für Egomanen machen.

So lange Autoren wie Declan Hughes nicht in Massen auftreten und vor allem sein sprachliches Geschick besitzen, unterhält diese Zusammenführung von Nostalgie und Moderne bestens.

Die Bearbeiter des Rowohlt Verlag scheint Blurivalen allerdings ziemlich verwirrt zu haben. Vermuten sie doch, Pater Vincent Tyrell(!) schicke Ed Loy aus, seinen Bruder F.X. zu suchen. Das ist nicht der Fall und es ist nicht hinderlich, wenn man als Klappentextschreiber das zu kommentierende Buch kennt...

Blutrivalen

Declan Hughes, John Murray

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